Forschungsprojekt zur hitzeangepassten Stadtentwicklung

Rekordsommer, wie der von 2018, geben einen Vorgeschmack auf das, was irgendwann in Deutschland normal sein könnte. Ein Forschungsprojekt untersucht, wie sich Wohngebäude und Freiflächen so gestalten lassen, dass das Leben in den Städten auch bei längeren Hitzeperioden angenehm bleibt.

Im Sommer 2018 war es in weiten Teilen Deutschlands so warm und trocken wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Beste Voraussetzungen für die Untersuchungen im Forschungsprojekt "Heat Resilient City" (hitzeangepasste Stadt).

Noch bis September 2020 dreht sich in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt alles um die Fragen: Wie lassen sich Wohngebäude baukonstruktiv oder gebäudetechnisch so anpassen, dass sie besseren Schutz vor Sommerhitze bieten? Was muss sich an der Gestaltung großer Plätze und anderer Freiflächen in Wohnquartieren ändern? Welche Anpassungsmaßnahmen empfinden Bewohner dicht bebauter Viertel als geeignet und akzeptabel?

Beispielquartier Dresden-Gorbitz

Im Fokus der Untersuchungen stehen zum einen die Erfurter Oststadt, geprägt durch gründerzeitliche Bebauung, und Dresden-Gorbitz, ein typisches DDR-Plattenbau-Gebiet der 1980er Jahre.

"Mit seiner Bebauung in Plattenbauweise steht Dresden-Gorbitz stellvertretend für viele Großwohnsiedlungen in Deutschland, in Ost wie in West", Dr. Regine Ortlepp, Verbundleiterin Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden

Die Erkenntnisse, die das Projektteam aus Wissenschaft, Wohnungswirtschaft und Stadtverwaltung in Dresden-Gorbitz erlange, könnten deshalb später auf viele ähnliche Wohnquartiere übertragen werden.

In Dresden-Gorbitz konzentrieren sich die Untersuchungen auf zwei unterschiedliche Plattenbautypen, ein Punkthochhaus und einen Zeilenbau. Die Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft Dresden (EWG) als Eigentümerin plant, die beiden sechsgeschossigen Gebäude zu sanieren. Sie gehören zu den letzten unsanierten Gebäuden entlang der "Höhenpromenade", einer Fußgängerzone, die in Grün- und Freiflächen eingebettet ist.

 Sommerhitze in Großstädten Grafik
Sommerhitze in Großstädten: Das Projekt "Heat Resilient City" untersucht, wie die Umgestaltung von Gebäuden und Freiflächen helfen kann

Testlauf für den Schutz vor Sommerhitze

Bei der Sanierung der Gebäude, die im Januar 2019 begonnen haben, setzt die EWG erste Maßnahmen zum Schutz vor Sommerhitze bereits um. Wissenschaftler vom IÖR und von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden untersuchen, welche Maßnahmen besonders gut geeignet sind, um das Leben in den Wohnungen auch während langer Hitzeperioden so erträglich wie möglich zu machen. Dazu messen sie in den Wohnungen unter anderem die Temperatur und die Luftfeuchte. Hinzu kommen Klimadaten und Messungen im Freiraum, die die Landeshauptstadt Dresden und die Technische Universität Dresden beisteuern.

"Das Herzstück unserer Untersuchungen sind dynamisch-thermische Gebäudesimulationen. Mit diesem Verfahren lässt sich der sommerliche Wärmeschutz momentan am genauesten bewerten", David Schiela, wissenschaftlicher Mitarbeiter im IÖR

Die vor Ort gemessenen Werte werden genutzt, um die Berechnungen so zu kalibrieren, dass sie mit realen Gegebenheiten möglichst präzise übereinstimmen. Ist die Feinjustierung erfolgt, können die Forscher anhand der Simulationen jede einzelne Maßnahme konkret auf ihre Wirksamkeit testen. Noch wichtiger ist, dass sie prüfen, welche Maßnahmen sich sinnvoll kombinieren lassen. Es gebe nicht die eine Maßnahme, die Wohnungen vor Überhitzung schütze, so Schiela.

Jahresmitteltemperatur im Klimatrend (gleitendes 30-Jahres-Mittel)


Temperaturentwicklung in Dresden Grafik

Altbewährtes in neuer Kombination

In Dresden-Gorbitz werden bekannte Maßnahmen kombiniert und auf ihre Wirksamkeit überprüft. Besonders viel versprechen sich die Wissenschaftler von einer ganz bestimmten Kombination: mehr Wärmespeicherung im Dachbereich, Außenjalousien und optimierte Lüftung.

"Der erste und wichtigste Schritt ist, die Wärme erst gar nicht in die Gebäude hineinzulassen. Das ist insbesondere für die Wohnungen in den obersten Etagen eine Herausforderung", David Schiela, wissenschaftlicher Mitarbeiter im IÖR

Hier sollen die Wärmespeicherung im Bereich des Daches und die Außenverschattung helfen. Haben sich die Räume nach langer Hitzeperiode dennoch aufgeheizt, könnte die Umsetzung eines Lüftungskonzepts helfen, das Zuviel an Wärme wieder nach außen zu befördern. In Dresden-Gorbitz wird deshalb getestet, wie sich Abluftanlagen mit größeren Abluftvolumina in den innenliegenden Bädern sowie Fenster mit Durchlasselementen für Außenluft auf das Innenraumklima auswirken.

Was sagen die Mieter?

Im Projekt "Heat Resilient City" kommt hinzu, dass die Perspektive der Bewohner bei der Auswahl geeigneter Anpassungsmaßnahmen eine entscheidende Rolle spielt. Nur Maßnahmen, die sie als sinnvoll erachten und akzeptieren, sollen umgesetzt werden.

So wurden die Gorbitzer im Sommer 2018 durch das Institut für Stadtforschung, Planung und Kommunikation der Fachhochschule Erfurt (ISP) und das Dresdner Umweltamt befragt. Die ersten vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass rund 75 Prozent der Befragten außenliegenden Sonnenschutz wie Jalousien oder Rollläden für besonders sinnvoll halten, um ihre Wohnung vor Sommerhitze zu schützen. Ebenfalls als sinnvoll eingeschätzt wurden innenliegende Schutzvorrichtungen sowie das Pflanzen von Bäumen zur Verschattung.

In Karten ihres Wohngebietes konnten die Befragten außerdem markieren, wo sie sich an heißen Tagen gerne und wo ungern aufhalten. So wird deutlich, wo im Quartier weitere Anpassungsmaßnahmen erforderlich sind. Denn nicht nur die Gebäude werden gegen Sommerhitze ertüchtigt. Auch die Freiflächen im Wohnumfeld kommen unter die Lupe und werden, wo es nötig und möglich ist, durch die EWG oder die Landeshauptstadt Dresden umgestaltet.

Noch bis September 2020 werden in Dresden-Gorbitz Maßnahmen umgesetzt und getestet. Am Ende der Projektlaufzeit wird Bilanz gezogen: Was hat sich bewährt? Was kommt bei der Bevölkerung gut an? Welche Maßnahmen könnten auch für andere Städte und Stadtteile sinnvoll sein, um die Lebensqualität in Rekordsommern wie dem von 2018 zu sichern?

Der vollständige Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 06/2019.


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