17.12.2015 | Top-Thema Flüchtlingsunterbringung als Herausforderung für Wohnungs- und Immobilienwirtschaft

Von der zentralen Erstunterbringung bis zur sozialen Betreuung

Kapitel
ie Stadt Schwerin und die Wohnungsgesellschaft Schwerin setzen auf die dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen. Je vier Flüchtlinge leben in spartanisch eingerichteten 3-Zimmer-Wohnungen.
Bild: WGS

Es gibt wohl kein Wohnungsunternehmen in Deutschland, das sich derzeit nicht in irgendeiner Weise mit den Herausforderungen befasst, die der Zustrom von Flüchtlingen mit sich bringt. Die Unternehmen engagieren sich ganz unterschiedlich – und oft geht es dabei um mehr als die reine Unterbringung. Im Folgenden werden weitere Best-Practice-Beispiele vorgestellt.

Manchmal scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren die ehemaligen Newcastle Barracks am Alten Uentroper Weg in Hamm als Flüchtlingsunterkunft genutzt worden. Seither standen sie leer – bis zum Herbst dieses Jahres. Dann bezogen die ersten von mehreren hundert Flüchtlingen die einstige britische Kaserne, die jetzt als Zentrale Unterbringungseinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen dient. Möglich gemacht hat dies die Hammer Gemeinnützige Baugesellschaft (HGB). "Innerhalb von nur vier Monaten", berichtet HGB-Geschäftsführer Thomas Jörrißen, "haben wir drei große Gebäude mit einem Aufwand von neun Millionen Euro so hergerichtet, dass darin rund 800 Flüchtlinge untergebracht werden können."

Die Umwandlung der Kaserne ist ein besonders prägnantes Beispiel für das Engagement der Wohnungswirtschaft in der Flüchtlingsfrage. Das einzige Beispiel ist es aber bei Weitem nicht: In allen Teilen des Landes stellen Unternehmen Wohnraum zur Verfügung, bringen sich bei der Integration der Flüchtlinge ein und knüpfen Kontakte zu möglichen Arbeitgebern. Dieses Engagement ist allerdings auch dringend nötig: Dr. Walter Zorn, Research-Chef des Makler-unternehmens Aengevelt, rechnet damit, dass deutschlandweit bis auf Weiteres 275.000 Erstaufnahmeplätze (also Unterkünfte für die ersten Wochen des Aufenthalts in Deutschland) benötigt werden. Die Zahl der bis 2017 zusätzlich benötigten Wohnungen für den anschließenden regulären Aufenthalt schätzt Zorn auf 455.000.

Hamm: Dienstleister für die öffentliche Hand

Im Fall der ehemaligen Kaserne in Hamm handelt es sich um eine Zentrale Unterbringungseinrichtung. Hier wohnen Menschen, die bereits in einer Erstaufnahmestelle registriert worden sind und jetzt auf die Entscheidung im Asylverfahren warten. "Im Januar 2015 hat uns die Stadt angesprochen, ob wir die Instandsetzung der Newcastle Barracks übernehmen könnten", sagt HGB-Chef Jörrißen. Daraufhin mietete die HGB die Immobilie von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und vermietete sie für einen Zeitraum von zwanzig Jahren weiter an das Land Nordrhein-Westfalen, das seinerseits die Malteser Werke gGmbh Köln damit beauftragte, die Einrichtung zu betreiben.
Die städtisch kontrollierte Wohnungsgesellschaft fungierte in diesem Fall also als Dienstleister für die öffentliche Hand. "Wir haben das Raumprogramm des Landes bautechnisch umgesetzt", verdeutlicht dies Jörrißen. Für die Betreuung der Bewohner ist die HGB nicht verantwortlich, und auch das wirtschaftliche Risiko für den Fall, dass die Flüchtlingszahlen in Deutschland in Zukunft wieder sinken sollten, muss sie nicht tragen – die Miete zahlt ja das Land Nordrhein-Westfalen.

Trotzdem war die Aufgabe alles andere als einfach. "Eine große Herausforderung war es, trotz der vorgeschriebenen europaweiten Ausschreibung der Bauleistungen dem großen Zeitdruck gerecht zu werden", erläutert Jörrißen. Mit Hilfe einer Rechtsanwaltskanzlei sei es gelungen, das Ausschreibungsverfahren wegen der Dringlichkeit zu verkürzen. Eine "Mammutaufgabe" sei das Vorhaben zudem in finanzieller Hinsicht gewesen. Finanziert wurden die Maßnahmen über das Programm Infrastruktur der landeseigenen NRW-Bank. Die Miete des Landes entspricht den Darlehenskosten plus einem Aufwandszuschlag.
Und wie stehen die HGB-Mieter zum Engagement ihres Vermieters? "Es gab durchaus kritische Anfragen von Mietern", antwortet Jörrißen. "In unserem Bestand ist nicht alles Gold. Deshalb muss man aufpassen, dass nicht Sozialneid auftritt. Aus diesem Grund halte ich es nicht für sinnvoll, Neubauten speziell für Flüchtlinge zu errichten. Besser ist es meiner Ansicht nach, Neubauten für alle Mieter zu realisieren und die dadurch frei werdenden Bestandswohnungen Flüchtlingen anzubieten." 

Schwerin: Dezentrale Unterbringung

Auf die Unterbringung von Flüchtlingen in großem Stil setzt die Wohnungsgesellschaft Schwerin (WGS). Bis Ende September 2015 brachte sie 328 Asylbewerber in 91 vorher leer stehenden Wohnungen unter. Dabei handelt es sich nicht um langfristig vermietete Wohnungen für Flüchtlinge, bei denen feststeht, dass sie dauerhaft in Deutschland bleiben, sondern um Übergangsunterkünfte während der Zeit des Asylverfahrens. Hier setzen die Stadt und die WGS konsequent auf eine dezentrale Unterbringung – was deshalb möglich ist, weil die WGS noch vor kurzem einen Leerstand von 18 Prozent aufwies.

"Ganz wichtig ist, dass wir die Menschen nicht konzentriert in zum Abriss vorgesehenen Gebäuden unterbringen, sondern dezentral", meint WGS-Geschäftsführer Thomas Köchig. Konkret handelt es sich meist um 3-Raum-Wohnungen im dritten bis fünften Obergeschoss von Häusern ohne Fahrstuhl. Die WGS nimmt in diesen Fällen eine Grundrenovierung vor, die beispielsweise die Aufarbeitung der Fußböden, die Ertüchtigung des Bads und den Einbau einer Miniküche umfasst. In den sparsam möblierten Wohnungen werden dann vier Personen untergebracht, wobei sich je zwei ein Zimmer teilen und das dritte Zimmer als Aufenthaltsraum dient.

Die Miete für die möblierten Wohnungen liegt laut Köchig einen Euro pro Quadratmeter über den Kosten der Unterkunft. Der Geschäftsführer wäre jedoch bereit, auch zu den Kosten der Unterkunft zu vermieten – vorausgesetzt, das Land zahlt einen Zuschuss an die Instandsetzungskosten. Die Instandsetzung stellt laut dem WGS-Chef nämlich eine hohe Belastung dar, die das Unternehmen auf Dauer finanziell überfordern würde.

Bei der Betreuung der neuen Mieter engagiert sich die WGS ebenfalls. Mehrere Mitglieder des Vertriebsteams lernen Arabisch, und die Stadt bezahlt zwei arabischsprachige Betreuer. Bei den Reaktionen der Bestandsmieter beobachtet Köchig das gesamte Spektrum von Ablehnung bis zur Einladung zum Kaffeetrinken. Zu Klagen wegen Ruhestörung oder gar gewalttätigen Auseinandersetzungen sei es bisher nicht gekommen. Trotzdem steht für Köchig fest, dass in zum Abriss vorgesehenen Hochhäusern keine Flüchtlinge untergebracht werden sollen. "Die Hochhäuser wären bei gewalttätigen Attacken nicht zu verteidigen", begründet er dies. Hingegen ist der Abbruch einiger 5-geschossiger Häuser vorsorglich zurückgestellt worden.

Wiesbaden: Unterkunft statt Abriss

Auch die GWW Wiesbadener Wohnbaugesellschaft mbH muss ihre Abrisspläne als Folge des Flüchtlingsansturms überarbeiten. Konkret betrifft dies das Gebiet im Weidenborn, das von Riegelbauten aus den 1950er Jahren geprägt ist. Viele von diesen sind bereits verschwunden; allein 2015 stellte die GWW an ihrer Stelle 161 Miet- und Eigentumswohnungen fertig. In weiteren Wohnhäusern aber, die eigentlich ebenfalls abgerissen werden sollen, werden jetzt Flüchtlinge untergebracht.

Die entsprechende Informationsveranstaltung sei "nicht einfach" gewesen, sagt GWW-Sprecherin Alexandra May. Kritik habe es z.B. von den Mietern gegeben, die wegen des angekündigten Abrisses ausziehen mussten. Außerdem sei das Nebeneinander von teuren Eigentumswohnungen und Flüchtlingsunterkünften nicht unproblematisch. Für die GWW stellt die Änderung der ursprünglichen Pläne laut May eine "enorme Kraftanstrengung" dar, da die Vorbereitungen für den Abriss bereits weit vorangeschritten waren. "Das falsche Signal" wäre es für May, wenn nun alle Neubaupläne wegen der Flüchtlingsfrage blockiert würden: "Wir müssen auch neu bauen. Sonst fragen uns der Polizist und die Bäckereifachverkäuferin, was wir eigentlich für sie tun."

Kurzfristig aktiv wurde auch die ABG Frankfurt Holding, die im September die alte Mensa der Uni in Bockenheim als Unterkunft für 170 Flüchtlinge zur Verfügung stellte.

In Düsseldorf wiederum schlossen die Stadt und die Arbeitsgemeinschaft Düsseldorfer Wohnungsunternehmen bereits Anfang 2015 ein Kooperationsabkommen mit dem Ziel, anerkannte Asylbewerber in Wohnungen unterzubringen. Allerdings räumt Jürgen Heddergott, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Düsseldorfer Wohnungsunternehmen, ein, dass "seither zu wenig passiert ist". Nach seinen Worten haben die acht beteiligten Unternehmen bis Oktober lediglich etwa 20 Wohnungen an Flüchtlinge vermietet. Den Grund dafür sieht Heddergott im angespannten Düsseldorfer Wohnungsmarkt: "Das Problem in allen Ballungsräumen ist, dass im unteren Preissegment so gut wie nichts mehr auf dem Markt ist." 

Flensburg: Rückzug von Genossenschaften

Dass die Flüchtlingsthematik bei allem gutem Willen der Verantwortlichen die Unternehmen vor Schwierigkeiten stellen kann, unterstreicht ein Beispiel aus Schleswig-Holstein. Dort bewarben sich drei Wohnungsbaugenossenschaften (Gewoba Nord, Flensburger Arbeiter-Bauverein und Selbsthilfe-Bauverein) um den Bau eines Flüchtlingsdorfs auf dem Uni-Campus Flensburg. Geplant waren acht bis zehn Wohngebäude, die nach fünf bis zehn Jahren als Studentenwohnheim hätten genutzt werden sollen. Bereits am 1. September 2016 hätten nach dem Willen des Kieler Innenministeriums die ersten Bewohner einziehen sollen. Doch dazu wird es nicht kommen: Das Innenministerium hob das Vergabeverfahren auf, nachdem die drei Genossenschaften ihren Rückzug angekündigt hatten und auch kein anderer Investor Interesse bekundet hatte.

"Die Auflagen und Rahmenbedingungen haben sich dahingehend entwickelt, dass sie eine Umsetzung durch uns schwierig machen", begründet Dietmar Jonscher, Vorstand der Gewoba Nord, den Rückzug. So hätten sich die zeitlichen Vorgaben als unrealistisch herausgestellt, und in Bezug auf Fördermittel seien die Unsicherheiten gewachsen. Die drei Genossenschaften wollen sich jetzt verstärkt beim regulären Wohnungsbau engagieren. "So unterstützen wir den dauerhaften Verbleib der Menschen, die in Flensburg eine neue Heimat finden wollen", sagt Michael Kohnagel, Direktor des Flensburger Arbeiter-Bauvereins.

Sachsen: Netzwerk geknüpft

Einen umfassenden Ansatz verfolgt der vdw Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Sachsen. Verbandsdirektor Rainer Seifert initiierte das Netzwerk "Ankunft – Zukunft", an dem sich nicht nur Wohnungsunternehmen beteiligen, sondern auch Arbeitgeber aus Handwerk und Industrie. Seifert spricht von "gezielter Hilfe zur Selbsthilfe in drei Schritten: Wohnraum, erste Beschäftigungsmöglichkeit, vollwertiger Job als Perspektive."

Laut Seifert beteiligen sich am Projekt 46 Mitgliedsunternehmen des vdw, die bis Oktober 4.800 Flüchtlingen eine dezentrale Unterkunft geboten haben. Wichtig sei es dabei, auch Integrationsangebote zu unterbreiten sowie die Mitarbeiter der Wohnungsunternehmen und die Mieter einzubinden. "Das Entscheidende ist, dass man mit Fingerspitzengefühl vorgeht und mit den Mietern spricht", betont der Verbandsdirektor – dann gebe es bei der dezentralen Unterbringung so gut wie keine Probleme.

Autor: Christian Hunziker. Dieser Text erscheint in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 1/2016. Stand: Dezember 2015.

Weitere interessante Beispiele zur Flüchtlingsunterbringung durch Wohnungsunternehmen:

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Haufe Online Redaktion

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