21.01.2013 | Top-Thema Farbgestaltung im Wohnungsbau

Zeitgemäße Pflegeeinrichtung: Orientierung erleichtern, Sicherheit vermitteln, Geborgenheit schaffen

Kapitel
Die grünen Wände prägen diesen Flurabschnitt, der sich damit klar von anderen Funktionsbereichen absetzt. Dies gibt den Bewohnern Orientierung und Sicherheit. Gleichzeitig entsteht ein angenehmer Kontrast zu Holztüren und Parkettboden
Bild: Caparol Farben Lacke Bautenschutz/Martin Duckek

Der umgebende Raum hat großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen. Dies ist erwiesen und gilt in besonderem Maße für ältere oder kranke Personen. Ziel sollte immer sein, Bewohnern möglichst hohe Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu ermöglichen und diese zu fördern. Hier kann ein durchdachtes Gestaltungskonzept unterstützend wirken – gerade der Farbwahl kommt da große Bedeutung zu.

Das Übersiedeln in eine Seniorenwohneinrichtung stellt einen drastischen Einschnitt im Leben dar, der mit Ängsten vor dem Neuen und Unbekannten einhergeht. Die eigenen vier Wände aufzugeben, fällt gerade älteren Menschen besonders schwer. Das Abschiednehmen kann Trauer und Verlustängste auslösen, gerade wenn man viele Jahre oder Jahrzehnte an einem bestimmten Ort wohnte. Für einen „leichteren“ Start in der neuen Umgebung empfiehlt es sich daher u. a., das Pflegepersonal über die persönlichen Gewohnheiten, Wünsche und Abneigungen möglichst vor dem Heimeinzug zu informieren. Auch offene Besuchszeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit können die Eingewöhnung erleichtern. Neben den menschlichen Aspekten ist zudem die Wohnatmosphäre in einer Pflegeeinrichtung von wesentlicher Bedeutung.

Alfred-Behr-Haus in Haslach
Das im Herbst 2008 eröffnete Alfred-Behr-Haus ist eine stationäre Pflegeeinrichtung des Caritasverbandes Kinzigtal e. V. Sie betreut und versorgt 50 pflegebedürftige Menschen in dem vom Architekturbüro Harter & Kanzler geplanten Neubau. Äußerlich erscheint der u-förmige Baukörper geradlinig und schnörkellos. Die moderne Gebäudehülle strahlt Ruhe aus und bietet ganz bewusst einen farbneutralen Rahmen für alle Hausbewohner. Große Glasflächen schaffen eine angenehme Verbindung zwischen außen und innen. Es entsteht ein fast grenzenloser Übergang zur landschaftlich reizvollen Umgebung, dem Schwarzwald.
Durch die großen Fensteröffnungen entsteht ein heller, einladender Charakter in den neuen Räumen des zweistöckigen Gebäudes. Jede Etage beherbergt zwei Wohngruppen, die sich aus privaten Räumen und einer jeweils gemeinschaftlich genutzten Wohnküche zusammensetzen. Für die Bewohner stehen überwiegend Einzelzimmer als Rückzugsorte zur Verfügung. Von allen gemeinsam werden Aufenthaltsbereiche, Café und Kapelle genutzt sowie Loggia und Garten.

Farb- und Materialwahl
Im Innenbereich überzeugt neben der schlüssigen Raumkonzeption, der großzügigen Verglasung mit viel Tageslichteinfall besonders auch die Farb- und Materialkonzeption. Das stimmige Erscheinungsbild hat sich in einem längeren Prozess entwickelt, in dem das Architekturbüro, die Heimleiterin Silke Boschert und die Industrie mit technischem und gestalterischem Know-how mitwirkten.
Ursprünglich sollten alle Innenräume weiß gestrichen werden. Ein weißer Anstrich mit kühler, distanzierter Anmutung hätte jedoch im Widerspruch zum Leitmotiv des Caritasverbandes gestanden, in dem das menschliche Miteinander und die Gemeinschaft sowie die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse besonderen Stellenwert genießen. Silke Boscherts Wunsch, „eine gut überschaubare Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Bewohner sicher, geborgen und wie zuhause fühlen“, wäre mit weißen Wänden nicht allumfassend erfüllt worden. Deshalb wurde Petra Ruhnau vom Caparol-FarbDesignStudio zu Rate gezogen, um in Abstimmung mit dem Architekturbüro ein schlüssiges Farb- und Materialkonzept zu erarbeiten, das zur Nutzung und zur Philosophie des Hauses passte.

Gemeinschaftlich genutzte Bereiche: Empfang/Flure/Erinnerungsräume
Die Rezeption fungiert als direkte Anlaufstelle für Besucher und Bewohner. Der großzügige Eingangsbereich vermittelt mit Parkettboden und Holztresen einen soliden und „wertigen“ Eindruck. Das geölte Eichenparkett wirkt warm und wohnlich. Eine antike Standuhr bildet einen Kontrast zur modernen Einrichtung und Formensprache. Gleichzeitig kommt der Uhr symbolische Bedeutung zu – als Gegenstand früherer Zeiten entsteht ein Bezug zu den älteren Bewohnern.
Die Flure schließen sich nahtlos an. Um keine Blendwirkung zu erzielen, ist statt eines weißen ein hellgrauer Grundanstrich gewählt worden, der gleichzeitig einen weniger harten Kontrast zum Parkettboden darstellt. Aufzüge wurden grau gestrichen, um nicht zu stark in den Fokus zu rücken. Jede Ebene erhält in bestimmten Bereichen farbige Akzentwände, die das Orientieren erleichtern. Dies wird unterstützt durch Bilder, alte Möbel und sonstige Accessoires der Bewohner, die in Flur- und offenen Aufenthaltsbereichen den Ort markieren und so zusätzlich als Orientierungshilfe dienen. Gleichzeitig fördern diese Gegenstände das Erinnerungsvermögen, unterstützen die Identifikation und schaffen ein wohnliches Ambiente. Die Aufenthaltsbereiche in den Fluren dienen daher gleichzeitig als Erinnerungsräume. Gerade für ältere Menschen sind die sogenannten „Erinnerungsräume“ wichtig, weil sie Momente aus der Vergangenheit widerspiegeln.

Private Bereiche: Bewohnerzimmer/Bäder
Jedes Zimmer verfügt über ein eigenes Bad und eine Grundmöblierung mit Bett, Schrank, Tisch und Stühlen. Als Bodenbeschichtung wurde ein bordeauxroter Linoleumbelag ausgewählt. Dieser bietet Trittsicherheit und schafft eine stabile Basis, ein wichtiger Aspekt für Senioren, denen das Gehen häufig schwer fällt. Gleichzeitig entsteht durch die Lichtreflexion eine warme, wohlige Raumatmosphäre. Die warmweißen Wände bilden einen neutralen Rahmen für eigene Möbel und liebgewordene Erinnerungsstücke. Auch die Schränke sind bewusst Weiß gehalten, um sich dezent zurückzunehmen. So entsteht kein Problem in der Kombination mit privaten Gegenständen. Gerade Möbel sind häufig aus Holz und lassen sich so gut zu einem harmonischen Gesamtbild integrieren. Eine kräftige, orangefarbene Schiebewand trennt das Bad vom Wohnbereich. Dieser Farbton vermittelt zwischen den weißen Wänden und dem roten Boden. Gleichzeitig wird auch signalisiert, dass sich ein anderer Funktionsbereich anschließt. Im Bad kommt ein blauer Anstrich hinter dem Heizkörper zum Einsatz, damit sich dieser kontrastreich von der Wand absetzt. Dies ist besonders hilfreich, wenn die Sehfähigkeit eingeschränkt ist. Die Farben, Kontraste und die klare Farbzuordnung in Bad und Wohnraum unterstützen die Orientierung und bieten trotzdem die Möglichkeit, individuell von den Bewohnern gestaltet zu werden.
Das von Malerbetrieb Rombach & Merkt aus Villingen-Schwenningen ausgeführte Ergebnis kann sich sehen lassen: Hochwertige, natürliche Materialien wie Eichenparkett und Linoleum kombiniert mit lebendigen Farbakzenten schaffen eine Atmosphäre, die bei Bewohnern, Besuchern und Pflegepersonal gleichermaßen gut ankommt. Dazu trägt auch die ungewöhnliche Mischung aus moderner Architektur und vielen antiken Einrichtungsgegenständen bei. Sie prägen das Alfred-Behr-Haus und verleihen ihm einen lebendigen und markanten Charakter.

Martina Lehmann
Caparol FarbDesignStudio
Ober-Ramstadt

Schlagworte zum Thema:  Farbe

Aktuell

Meistgelesen