21.01.2013 | Top-Thema Farbgestaltung im Wohnungsbau

Farbige Fassaden: Kontinuität im historisch gewachsenen Stadtbild

Kapitel
Klare, selbstbewusste und historische Bezüge aufnehmende Farbgestaltung
Bild: Neusser Bauverein AG, Foto: fotodesign mangual.design

Seit über 120 Jahren schafft die Neusser Bauverein AG als kommunales Wohnungsunternehmen attraktiven, bezahlbaren Wohnraum für alle Schichten der Bevölkerung. Dies zeigt sich in hohen Investitionen in zukunftsweisende Bau- und Wohnprojekte. Sie prägt zudem die Wohn- und Baukultur in Neuss. Ein Beispiel ist ein neuer Wohn- und Geschäftshauskomplex im historischen Marienkirchplatz-Viertel in der Neusser Innenstadt, bei dem die Fassadengliederung der Gründerzeit Leitbild für die Farbgestaltung war.

Im Rahmen eines umfangreichen Stadtentwicklungskonzepts hat die Neusser Bauverein AG einen öffentlich geförderten Wohn- und Geschäftshauskomplex in der Neusser Innenstadt errichtet. Eine zum Stadtbild passende Gestaltung der Straßenfassade war eines der Hauptkriterien des ausgelobten städtebaulichen Gutachterverfahrens. Gewinner des Wettbewerbs war das Düsseldorfer Architekturbüro Fritschi, Stahl, Baum, das vor allem mit seinem außergewöhnlichen Gestaltungskonzept der straßenseitigen Fassaden überzeugte. Dabei waren die kleinteiligen historischen Bestandsgebäude Maßstab und Leitbild.
Zum Entwurf des Wohn- und Geschäftshauses mit rund 740 m2 gewerblicher Nutzung im Erdgeschoss und 27 öffentlich geförderten barrierefreien Wohnungen in den Obergeschossen (Zwei-, Drei- und Vier-Raum-Wohnungen im 1., 2. und 3. OG sowie im Dachgeschoss) gehörte eine neuzeitliche und eigenständige Architektur, die sich maßstabsgerecht in die vorhandene Straßenrandbebauung einfügt. Grundidee des Konzepts war die Übernahme der alten Parzellenstruktur durch vorgelagerte farblich unterschiedlich gestaltete Fassaden.

Städtebauliche Neuordnung
Die Häuserzeile, um die es hierbei ging, war in der Vorkriegszeit mit ihren repräsentativen Stadthäusern aus der Gründerzeit eine sehr begehrte und beliebte Wohn- und Geschäftsadresse am nördlichen Rand der Innenstadt gewesen. Im Rahmen des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg waren die vielfach stark beschädigten Häuser aber mit so bescheidenen Mitteln instand gesetzt worden, dass von dem Charme und der Qualität der Häuserzeile nicht mehr viel erhalten werden konnte. Statt eines attraktiven Eingangsbilds als Achse vom Hauptbahnhof in die Neusser Flaniermeile entwickelte sich die Krefelder Straße an dieser Stelle zu einem städtebaulichen Problemgebiet mit verwahrloster Bausubstanz und einseitiger Sozial- und Bewohnerstruktur.
Dieser schleichende Prozess betraf aber nicht nur die einzelne Häuserzeile sondern das gesamte Neusser Stadtquartier zwischen Krefelderstraße, Marienkirchplatz und Bleichgasse, wo sich in der Nachkriegszeit zudem eine Hinterhofsituation mit Gewerbebrachen und Nebengebäuden herausgebildet hatte, die zusätzlich eine Belastung für das Stadtbild darstellten.
Aus diesem Grund hatte sich die Neusser Bauverein AG 2004 entschieden, das gesamte sog. Marienkirchplatzviertel einer umfassenden städtebaulichen Neuordnung zu unterziehen. Dem vorausgegangen war der Erwerb eines seit 1998 leer stehenden stadtbildprägenden ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Rheinland Versicherung aus dem 19. Jahrhundert am Marienkirchplatz, den die Neusser Bauverein AG mit weiteren aus den 1950er Jahren stammenden Ergänzungsbauten im Jahr 2003 hatte erwerben können. Für diese Gebäude und einen angrenzenden Neubau wurde ein Umnutzungskonzept zur Schaffung hochwertiger innerstädtischer Wohnangebote umgesetzt.
Zudem wurde eine neue Straßenrandbebauung an der Bleichgasse und ein Nachverdichtungstrakt im inneren Bereich des Wohngebietes geplant. Abgeschlossen werden sollte das neue Wohnquartier durch den Wohn- und Geschäftshauskomplex an der Krefelder Straße, dessen Farbgebung sich auch im rückwärtigen Teil des Gebäudes, das heute auf einen autofreien Innenhof weist, widerspiegelt.

Farben als Verstärker
Das vom Architekturbüro Fritschi, Stahl, Baum konzipierte Wohn-und Geschäftshaus an der Krefelder Straße war der zweite Bauabschnitt dieses umfassenden Stadtentwicklungsprojektes. Insgesamt entstanden hier in drei Bauabschnitten 116 neue barrierefreie Wohnungen sowie vier Gewerbeeinheiten und 87 Tiefgaragen-Stellplätze. Im 1. Bauabschnitt waren bereits im Oktober 2008 63 öffentlich geförderte Wohnungen, 7 Gruppenwohnungen für Menschen mit einem Handicap sowie ein Quartier-Treff, das „Netzwerk Bleichgasse“, fertiggestellt worden. Nach Errichtung des Wohn- und Geschäftshauses an der Krefelder Straße 28 bis 40 folgte als 3. Bauabschnitt der Umbau des historischen Rheinlandgebäudes. Für den 1. und 3. Bauabschnitt zeichnete das Architekturbüro Rhode, Kellermann, Wawrowsky verantwortlich.
Maßstab und Leitbild der Gestaltung des 2. Bauabschnitts an der Krefelder Straße durch das Architekturbüro Fritschi, Stahl, Baum war die Berücksichtigung der ehemaligen und in der Nachbarschaft weiterhin vorhandenen kleinteiligen Bestandsfassaden. Diese historisch gewachsene Fassadenfolge war – abgesehen von einigen unmaßstäblichen Kaufhausfassaden – geprägt von heterogenen Einzelfassaden. Insgesamt jedoch bildeten diese in Hausbreite, Materialität und Farbigkeit unterschiedlichen Fassaden ein harmonisches Ganzes und prägten damit eine unverwechselbare Atmosphäre, die erhalten bleiben sollte. „Die Baugeschichte sollte ablesbar bleiben und das Gebäude kein Fremdkörper im Stadtbild werden“, erläutert Professor Benedikt Stahl das damalige architektonische Konzept. „Grundidee war die Übernahme der alten Parzellen. Der 4 ½-geschossige Baukörper orientiert sich dabei an den Geschosshöhen der Nachbarbauten, während ein flach gedeckter Baukörper die Lücke zum denkmalgeschützten Rheinlandhaus am Marienkirchplatz schließen sollte. Das charakteristische Spiel unterschiedlicher Traufhöhen sollte durch Fassadenscheiben vor den Loggien aufgegriffen werden. Das gleiche galt für die traditionell variierenden Farben als Verstärker des Einzelhausmotivs der früheren Bebauung. Das ortstypische Bild individueller Häuser konnte so gewahrt bleiben und ein Stück Stadtgeschichte überleben.“

Stadtreparatur
Den Abschluss der gesamten städtebaulichen Maßnahme bildete 2010 die Sanierung des angrenzenden Gebäudes an der Krefelder Straße 42 mit seinem im Erdgeschoss befindlichen ehemaligen Traditionslokal „Im Kessel“. Dieses wurde nach Plänen des Neusser Architekten Volker Szaramowicz so umgebaut, dass im Erdgeschoss ein Ladenlokal und in den Obergeschossen drei weitere attraktive öffentlich geförderte Mietwohnungen mit jeweils ca. 80 m2 Wohnfläche entstanden. Da es sich hierbei um die Kernsanierung eines historischen Gebäudes handelte, wurde hier mit Rücksicht auf die ursprüngliche Fassadengestaltung auf eine bunte Farbgebung verzichtet.
„Mit diesem neuen und attraktiven Wohnstandort ist es uns gelungen, das Gesicht eines gesamten gewachsenen Wohnquartiers zu wandeln und damit Stadtreparatur im besten Sinne zu betreiben“, erläutert der Vorstandsvorsitzende der Neusser Bauverein AG, Frank Lubig, das Engagement des Wohnungsunternehmens. Ziel sei es gewesen, ein qualitativ anspruchsvolles Zusammenwirken von städtischem Leben, Wohnen und Gewerbe für die unterschiedlichsten Bedürfnisse zu schaffen, so Frank Lubig weiter. Das Konzept ist aufgegangen.

Ein buntes Viertel
Heute leben im Marienkirchplatz-Viertel Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen und Bedürfnissen Tür an Tür nebeneinander. Eine ausgewogene Sozialstruktur von Familien mit mittlerem oder geringerem Einkommen und solchen mit gehobenen Wohnansprüchen sowie der Wohnungsmix aus barrierefreien kleinen und großen Wohnungen bis hin zu Maisonette-Wohnungen mit der Qualität vollwertiger Einfamilienhäuser machen das Wohnquartier nicht nur bezogen auf seine Fassadengestaltung zu einem bunten und lebendigen Lebensmittelpunkt für viele.

Eva-Maria Wieczorek-Auer
Unternehmenskommunikation
Neusser Bauverein AG

Schlagworte zum Thema:  Farbe

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