21.01.2013 | Top-Thema Farbgestaltung im Wohnungsbau

Farbgestaltung im Wohnungsbau: Im Zweifel für die Farbe

Kapitel
Prof. Dr. Riklef Rambow
Bild: Nicola Moczel

Der Einsatz von Farbe in Architektur und Städtebau ist ein erstaunlich umstrittenes und emotional stark besetztes Thema. Sie kann im Wohnungsbau und Wohnumfeld Positives bewirken, hängt aber von vielen Kontextfaktoren ab. Der Autor, Professor für das Fachgebiet Architekturkommunikation am renommierten Karlsruher Institut für Technologie (KIT), setzt sich mit den Potenzialen sowie den Regeln der Farbgestaltung auseinander. Er plädiert dafür, den farblichen Reichtum zu nutzen, auf Übertreibung und Originalitätssucht aber zu verzichten.

Viele Architekten und Architektinnen, Planer und Planerinnen neigen beim Einsatz von Farbe zu großer Zurückhaltung. Schreiende Buntheit, „Verhübschung” und farbliches Durcheinander gelten als unbedingt zu vermeidende Gefahren. In der Bevölkerung führt diese Zurückhaltung dagegen zur Wahrnehmung von Ödnis und mangelnder Sorgfalt. „Grau” steht hier gleichsam als universale Metapher für ein uninspirierendes, langweiliges und austauschbares Wohnumfeld, für Anonymität und Leblosigkeit. Dabei ist bemerkenswert, dass die Zuschreibung der Farbe grau keineswegs nur dann erfolgt, wenn ein Gebäude auch wirklich objektiv grau ist. Sie beruht vielmehr auf einer Vermischung unterschiedlicher physischer und psychischer Aspekte der Wohnumwelt über einen langen Zeitraum.

Potenziale der Farbe
Um das Potenzial der Farbe für die Gestaltung einer lebenswerten städtischen Wohnumwelt voll auszuschöpfen, bedarf es deshalb hohen Geschicks und einer großen Feinfühligkeit. Farbe kann, wenn sie richtig eingesetzt wird, zur Identifikation mit einem Gebäude beitragen, sie kann das Wohlfühlen im Quartier verbessern, kann Vandalismus und Vernachlässigung entgegenwirken und die Orientierung verbessern. Sie kann einem Gebäude, einer Straße oder einem Viertel ein sympathisches, unverwechselbares Gesicht geben.
Aber wie solche Ziele mit farblichen Mitteln zu erreichen sind, das hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Die Wahrnehmung von Farbe steht immer in einem komplexen Wechselspiel mit Form, Textur, Beleuchtung und vielen anderen Kontextfaktoren. Dieselbe Farbe, die in einem homogenen Umfeld einen frischen Akzent setzt, kann in einem farblich inhomogenen Umfeld entweder gänzlich untergehen oder zur Wahrnehmung von Disharmonie und Unruhe beitragen.

Regeln der Farbgestaltung
Die Wissenschaft kann keine verbindlichen Gestaltungsempfehlungen geben, sie kann nur auf die Bedeutung einzelner Aspekte für die Gesamtwirkung hinweisen. Aber das heißt keineswegs, dass Farbe „reine Geschmackssache” ist, wie manche Skeptiker und Skeptikerinnen gern ins Feld führen, um dann für das scheinbar neutrale Weiß als Standardlösung zu plädieren. Mit Farbe sind keine einfachen, verbindlichen Wirkungen des Typs „Rot macht aggressiv” zu erzielen, und es wird bei jeder Farbgestaltung einzelne Personen geben, denen gerade dieser Ton oder jene Zusammenstellung nicht gefällt. Gleichwohl gibt es eine Reihe gut abgesicherter Regeln der Farbgestaltung, deren Berücksichtigung die breite Akzeptanz eines Konzepts wahrscheinlicher macht. So gilt es etwa Farbtöne oder Farbkombinationen zu vermeiden, die unerwünschte Bedeutungen kommunizieren, beispielsweise weil sie durch Nationalfarben, Unternehmen oder Fußballvereine eindeutig besetzt sind. Ebenso sollte nicht der Versuchung nachgegeben werden, auf Modefarben zu setzen, die oft schon in der nächsten Saison Überdruss verursachen. Die Kleidungs- und Designindustrie hat, was die Aufeinanderfolge farblicher Trends anbelangt, eine Geschwindigkeit etabliert, die für die Architektur als Maßstab völlig untauglich ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Farbe und Form sich in ihrer Wirkung unterstützen sollten, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Farbe kann Tiefe und Relief dort wirkungsvoll akzentuieren, wo sie existieren, aber sie wirkt leicht lächerlich und hohl, wenn sie versucht, dreidimensionale Wirkungen zu erzeugen, wo keine sind.

Reichtum der Farbe nutzen
Farbe macht unser Leben reichhaltiger, sie fügt unserer Wahrnehmung eine Ebene der Komplexität hinzu, die wir auf Dauer nicht missen wollen. Es kann gelegentlich sehr reizvoll sein, einen alten Schwarz-Weiß-Film zu sehen, um sich von den Farborgien heutiger Fernsehshows zu erholen, oder bei Fotos bewusst auf Farbe zu verzichten, um die Aufmerksamkeit auf bestimmte andere Aspekte zu lenken. Aber der Reiz dieser Enthaltsamkeit beruht darauf, dass sie die Ausnahme bilden.
Gleiches lässt sich für die Gestaltung unserer Wohnumwelt sagen. Wir sollten den Reichtum der Farbe nutzen, um diese anregend und interessant zu gestalten, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Übertreibung und Originalitätssucht dabei mehr schaden als nützen.

Prof. Dr. Riklef Rambow
Institut Entwerfen, Kunst und Theorie
Fakultät für Architektur
Karlsruher Institut für Technologie

Schlagworte zum Thema:  Farbe

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