21.01.2013 | Top-Thema Farbgestaltung im Wohnungsbau

Haute Couture im Wohnungsbau: Ästhetik als Programm

Kapitel
Detaileindruck des „Strickmusters”: Die Beliebigkeit des Einsatzes der kräftigen Farben musste durch eine sehr detaillierte Planung verhindert werden
Bild: Rockwool

Im einwohnerreichsten Stadtteil Hannovers sanierte die Wohnungsgenossenschaft Gartenheim eG in 2012 ein Mehrfamilienhaus mit insgesamt 18 Mietparteien. 1957 errichtet, wurde dieses in den 1980er Jahren mit einem WDVS gedämmt und hellbeige verputzt. „Trist, ohne Esprit und langweilig wie hundert andere Häuser in der Umgebung“, befand Dr. Günter Haese, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Gartenheim eG und entwickelte mit der Architektin Larisa Kozjak eine besondere Idee zur Sanierung mit einer Vorhangfassade, das wir hier vorstellen.

Die Idee, das Gebäude in einen fröhlich bunten und gleichzeitig wärmenden Schal zu hüllen, führte zu der Entwicklung eines „Strickmusters” für die Fassade. Die Fassadentafeln in sechs RAL-Farben wurden als ungewöhnliche Farbkomposition im Hell-Dunkel-Wechsel um das Haus gewebt. „Haute Couture“ betitelte daraufhin der ambitionierte Bauherr sein Modernisierungsprojekt, das seit wenigen Wochen charmant, aber auch prägnant das Bild der Isernhagener Straße in Hannover-List belebt. „Hier haben wir erstmals den ultimativen Übergang vom plumpen Isoliermantel zur edlen Designerhülle vollzogen“, sagt Dr. Günter Haese, der bereits weitere Objekte aus dem Bestand der Wohnungsgenossenschaft Gartenheim eG im Auge hat, die mit einer nichtbrennbaren und diffusionsoffenen Steinwolle-Fassadendämmung nebst Vorhangfassade ausgerüstet werden sollen.

Ästhetisches Strickmuster
Larisa Kozjak vom Architekturbüro Kozjak faszinierten die Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz der Fassadentafeln erschlossen: „Eine Zweckoberfläche haben wir durch eine ausdrucksstarke Webstruktur ersetzt, die das Gebäude wie ein Maßkleid umschließt. Ein Fest für die Sinne statt langweiliger oder braver Fassaden-Monochromie.“
Dem Zufall überlassen wurde bei der Planung der 700 m2 Fassade allerdings nichts: Maßstabsgerecht wurde der Einsatz jeder der sechs Farben für eine Gesamtästhetik genau geplant. „Man muss beim Einsatz so vieler und so starker Farben sehr genau darauf achten, den Eindruck eines konzeptlosen, bloß bunten Durcheinanders zu vermeiden“, betont sie. Ein kräftiges Dunkelrot aus dem Farbmix der Fassade nahm die Architektin in der Balkonverkleidung und der äußeren Profilschale der neuen Energiesparfenster wieder auf.

Gute Verarbeitung
Gemeinsam mit dem Verarbeiter und dem Hersteller der Fassadentafeln plante Larisa Kozjak die Ausführung der gesamten Fassadenkonstruktion bis ins Detail. Nachdem innerhalb von etwa drei Wochen zunächst 180 mm dicke Steinwolle-Dämmplatten fugenlos gestoßen als nichtbrennbare Wärmehülle auf die Fassade gedübelt wurden, montierten die Mitarbeiter der Firma Voss eine Unterkonstruktion aus Aluminiumprofilen, auf die innerhalb von vier Monaten die Fassadentafeln aufgenietet wurden. Diese waren zunächst genau nach Plan in der Werkstatt zu Streifen von 22,5 cm Breite und 305 cm Länge geschnitten worden und wurden im schleppenden Verband montiert. „Die Anpassung der Längen haben wir vor Ort mit ganz normalem Holzbearbeitungswerkzeug erledigt“, berichtet Inhaber Bernd Voss, der vor zwei Jahren zum ersten Mal mit diesen Fassadentafeln arbeitete.

Nachhaltig wohnt es sich gut
„Ausdrücklich haben wir auch unsere Mieter auf die Qualität der verarbeiteten Materialien hingewiesen“, erklärt Dr. Haese: „Das heißt, ihre Öko-Bilanz stimmt und sie sind vollständig zu recyclen. Außerdem konnten wir durch den Austausch des vorhandenen WDVS aus Polystyrol-Dämmstoffen mit der Steinwolle-Dämmung den Brandschutz der Fassade verbessern, was die Sicherheit unserer Mieter erhöht.“
Für den Februar 2013 plant der Vorstand bereits die nächste Fassadensanierung mit den gleichen Produkten. Dieses Mal in Hannover-Herrenhausen, einem Stadtteil, der vor allem wegen seiner Parks und Grünanlagen berühmt ist. Man darf gespannt sein auf die Designidee, die er dann gemeinsam mit seinen Planungs- und Baupartnern realisieren wird. „Mit unserer neuen ‚Designerkollektion’ auf den Fassaden räumen wir nicht nur mit wohnungswirtschaftlicher Tristesse gründlich auf, sondern setzen auch Maßstäbe in Bezug auf Technik, Material und handwerkliche Verarbeitung“, beschreibt er seine Philosophie: „Damit wollen wir uns als außergewöhnlicher Anbieter von einzigartigem, aber nicht überteuertem Wohnraum empfehlen. ‚Haute Couture’ hat zwar ihren Preis, bleibt aber auch immer einzigartig und unverwechselbar. Eben nachhaltig werthaltig.“

Frank Weigelt
Rockpanel Group
NL Roermond

Schlagworte zum Thema:  Farbe

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