13.08.2012 | Top-Thema Energieversorgung in Wohnungsunternehmen

Energieversorgung: Neue Energie für Wohnungsunternehmen

Kapitel
Detail einer Energiezentrale: Ein zentraler Punkt ist die Kooperation mit einer neuen Handelsplattform, die dezentral erzeugten Strom entgegennimmt und an alle interessierten Verbraucher verteilt.
Bild: Peter Schmidt

Die Wohnungswirtschaft versorgt ihren Hausbestand traditionell mit Energie. Bisher aber fast ausschließlich mit thermischer. Die Frage lautet: Wer oder was hindert die Wohnungsunternehmen daran, den wertvollsten Energieträger Strom selbst zu produzieren, ihren Nutzern direkt anzubieten und Überschüsse zu vermarkten?

Die Wogeno München eG betreibt seit einigen Jahren Anlagen zur Stromerzeugung in den Kellern und auf den Dächern ihrer Häuser und liefert den erzeugten Strom direkt an ihre Mitglieder. Überschüsse werden in einem Erzeuger-Verbraucher-Pool angeboten. Die Erkenntnis daraus ist: Es funktioniert, ist wirtschaftlich und trägt zum Klimaschutz und nebenbei zur Kunden- bzw. Mitgliederbindung bei.

Ungenutzte Potenziale
Die These lautet: Der Gebäudebestand der Wohnungswirtschaft verfügt über große Ressourcen, um den Bedarf der Privathaushalte (und natürlich auch der Hausstromanlagen) nach Strom – inklusive des perspektivisch wachsenden Elektro-Mobilitätsbedarfes – zu großen Teilen aus eigener Substanz zu decken. Dabei können durchweg ökologisch hochwertige Verfahren eingesetzt werden: Kraft-Wärme-Kopplung, Photovoltaik, bedingt auch Windkraft. Spätestens seit der Energiewende wird die Notwendigkeit dezentraler Versorgungskonzepte auch durch die Politik als notwendig erachtet. Das Potenzial schlummert aber weiterhin ungenutzt in den Wohnungsbeständen. Die Wohnungswirtschaft wird konsequent von Seiten der Energiewirtschaft und dem zugeordneten politisch-administrativen Sektor davon „überzeugt“, dass die Stromversorgung nicht ihre Aufgabe sei. Und sie folgt dieser Direktive bisher klaglos, obwohl ein zunehmend interessantes Geschäftsfeld in unmittelbarem Zusammenhang mit der Kernaufgabe der Wohnraumversorgung brach liegt.

Die Wohnungsgenossenschaft als Kraftwerksbetreiber und (Selbst-)Versorger
Für die Wogeno München eG zählt seit einigen Jahren die Versorgung ihrer Haushalte mit elektrischer Energie zu einem strategischen Aufgabenbereich. Dazu bedient sie sich eines Tochterunternehmens (Cohaus München GmbH), da die Produktion und der Vertrieb von Strom – anders als das Umlagesystem bei der Heizwärme – für die eG steuerlich schädlich wäre . Gleichzeitig sind alle Genossenschaftsmitglieder Mitbesitzer der Kraftwerksanlagen. Durch den Ersatz herkömmlicher Befeuerungsanlagen (i. d. R. Gas- oder Ölheizungen) sowie im Neubau errichtete die Wogeno-Tochter in den letzten Jahren schrittweise einen eigenen Kraftwerkspool – zunächst durch Aggregate der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK, auch Blockheizkraftwerke genannt). Hinzu kommt die Aus- und Nachrüstung vorhandener und neuer Dachflächen mit Photovoltaikanlagen (PV). Ein idealer Mix aus der Perspektive des Netzmanagements, denn wenn die PV-Anlagen wenig Ertrag liefern, produzieren tendenziell die KWK-Anlagen und umgekehrt. Derzeit produziert der Kraftwerkspool aus vier KWK- und drei PV-Anlagen so viel Strom (ca. 275.000 kWh/a), dass jedem Privathaushalt des Wogeno-Wohnungsbestandes – unabhängig davon, ob das betreffende Haus über eine eigene Kraftwerks-Einheit verfügt – pro Jahr ca. 1.000 kWh Strom zur Verfügung stehen. Bilanziell. Der Rest ist eine Verteilungsaufgabe, für die die rechtlichen Rahmenbedingungen längst gegeben sind. Dennoch mussten einige Widerstände seitens der örtlichen Energiewirtschaft überwunden, vorhandene rechtliche Möglichkeiten gegen die faktischen Zwangsmittel eines Monopolisten ausgeschöpft werden. Nun ist der Weg frei. Die Kooperation mit einer Handelsplattform (buzzn.net) ermöglicht, den erzeugten Strom, der nicht sofort vor Ort verbraucht wird, in einen Energiepool einzuspeisen, über den der selbst produzierte Strom unternehmensweit jedem Haushalt zur Verfügung steht – unabhängig davon, ob im eigenen Haus ein Kraftwerk installiert ist. Die Vernetzung mit anderen Anbietern und Nutzern von dezentral erzeugtem Strom eröffnet neue Kooperationsformen jenseits der großformatigen Versorgungstrassen und herkömmlichen Versorger-Verbraucher-Beziehungen. Das Wohnungsunternehmen, das diesen Weg geht, geht ihn also nicht mehr allein. In Zusammenarbeit mit der Plattform können die Kurven der Produktion und des Verbrauchs (Lastgänge) zudem besser überwacht und einander weiter angenähert werden. Ein weiterer Beitrag zur Netzstabilität wird damit ermöglicht.

Keine Angst vor dem technischen und rechtlichen Betrieb
Beim Betrieb von Heizzentralen sind neueste technische Verfahren zur Optimierung und Effizienzsteigerung gängige Praxis. Dazu bedienen wir uns einschlägiger Fachbetriebe. Neue Herausforderungen wie die Überwachung der Trinkwassergüte müssen gemeistert werden. Die Wohnungsunternehmen gerieten dadurch vor kurzem ungewollt in die Rolle von Lebensmittellieferanten mit allen rechtlichen Konsequenzen. Zwei von vielen Beispielen, in denen Wohnungsunternehmen ein hoher technischer Sachverstand abverlangt und durch den Gesetzgeber eine hohe Verantwortung zugewiesen wird.
Der Betrieb von Anlagen zur Stromerzeugung ist im Vergleich dazu kein Hexenwerk. Bisher war nur die Verteilung des Stroms an die Haushalte – zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit – vermintes Terrain. Durch die Einschaltung einer unabhängigen Plattform zur Entgegennahme des überschüssigen Stroms und zur Lieferung von Zusatzstrom (wenn das hauseigene Kraftwerk gerade nicht produziert) werden bisherige Schwierigkeiten mit örtlichen Netzbetreibern gelöst. Genossenschaften tun sich zudem leichter bei der Handhabung der komplizierten energierechtlichen Rahmenbedingungen. Genossenschaftsmitglieder, die in Häusern mit Kraftwerk wohnen, sind Selbstversorger. Andere können über die Plattform beliefert werden, die sich um die Abrechnung mit Netzbetreibern kümmert. Damit entfallen aufwändige Bilanzierungs- und Dokumentationspflichten, die ein kleines Wohnungsunternehmen überfordern würden.

Ausblick
Spätestens ab 2013 wird die Volleinspeisung aus PV-Anlagen wirtschaftlich uninteressant. Doch als Teil eines Kraftwerkspools ist die Errichtung weiterer PV-Anlagen auf den Dächern unserer Häuser weiterhin nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Die Kraft-Wärme-Kopplung ist bei hohem Selbstversorgungsgrad mit Strom auch nach dem Wegfall der kurzatmigen Impulsförderung durch den Bund wirtschaftlich – bei reiner Volleinspeisung würde sie spätestens nach Wegfall der staatlichen Förderung (KWK-Bonus bis 10 Jahre nach Inbetriebnahme) verkümmern. Der Versorgungsgrad je Privathaushalt steigt bei der Wogeno durch weitere Investitionen in neue Wohnanlagen mit KWK und PV in den nächsten 2-3 Jahren auf ca. 1.300 kWh pro Jahr (bei dann ca. 450 Wohneinheiten). Tendenz weiter steigend. Damit konnte in wenigen Jahren aufgezeigt werden, dass ein kleines, junges Wohnungsunternehmen seine Nutzerhaushalte weitgehend mit ökologisch hochwertigem Strom selbst versorgen kann. Warum sollte das in größerem Maßstab nicht auch gelingen? Die Optimierung der Lastgänge durch intelligent gesteuerte thermische Pufferspeicher, der Einsatz von Batterien für Mobilität und Haushalt ist ebenso Zukunftsaufgabe wie die Darstellung der jeweiligen Energiesituation für die Endverbraucher, um Handreichungen zu effizientem Nutzerverhalten zu geben. Auf diesem Feld wird viel schwadroniert, aber die Wohnungswirtschaft sollte sich nicht durch Fachchinesisch und Interessen Dritter davon abbringen lassen, diesen Weg selbst zu gehen. Kunden- und Mitgliederbindung sind mit dem Thema Energie und damit auch mit Strom gut umzusetzen.

Kooperation statt Monopol
Auch in Städten mit gut ausgebautem Fernwärmenetz wie in München gibt es ausreichend „weiße Flächen“, die sich sehr gut für den Ausbau dezentraler Versorgungsbereiche in den Wohnungsbeständen eignen. Hier ist die Politik gefragt, die Energieversorger zu verpflichten, verlässliche Planungsgrundlagen bereitzustellen. Ein Energieentwicklungsplan existiert in München bis heute nicht. Dafür eine wachsende Zahl von Zwangsmitteln zur Durchsetzung der Anschlusspflicht an die Fernwärme (bei gleichzeitigem Verbot der Nutzung thermischer regenerativer Energieträger). Natürlich braucht auch die Fernwärme eine wirtschaftliche Basis. Diese aber einseitig zu Lasten der Wohnungsunternehmen zu formulieren, ist eine faktische Benachteiligung eines Wirtschaftszweiges zugunsten eines anderen. Vielleicht entdecken die großen örtlichen Energieversorger und Netzbetreiber irgendwann die Potenziale, die in einer partnerschaftlichen, nicht auf Monopolgehabe gründenden Kooperation mit der Wohnungswirtschaft liegen. Vielleicht entdecken die Wohnungsunternehmen irgendwann ihre eigenen energetischen Potenziale und werfen sie in den Ring der kommunalen und energiewirtschaftlichen Debatten. Denn wer sich in Energiefragen nur auf die berühmten „Großen“ verlässt, ist oft genug verlassen.

Peter Schmidt, Vorstandsmitglied der Wogeno München eG

Schlagworte zum Thema:  Energie, Energieeffizienz, Energiewende

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