13.08.2012 | Top-Thema Energieversorgung in Wohnungsunternehmen

Wir brauchen eine Debatte über die Bedeutung des Wohnens in der Gesellschaft!

Kapitel
Axel Gedaschko fordert eine Debatte über die Bedeutung des Wohnens in der Gesellschaft
Bild: (C)2010 {Torsten George}, all rights reserved

Der Gedanke, mehr Klimaschutz und eine höhere Energieeffizienz durch immer höhere Anforderungen an die Sanierung von Gebäuden zu erreichen, stößt an seine wirtschaftlichen und sozialen Grenzen.

Innerhalb der EU hat Deutschland mit die höchsten energetischen Standards für Neubau und Sanierung von Gebäuden. Der energetische Sanierungsstand der GdW-Bestände mit einem durchschnittlichen Energieverbrauch für Heizung und Warmwasser von nur 137 kWh/m2a bei zentralbeheizten Gebäuden dürfte genauso wie der deutsche Durchschnitt bei zentralbeheizten Mehrfamilienhäusern von ca. 150 kWh/m2a im europäischen Vergleich einzigartig sein, wenn man die klimatischen Verhältnisse berücksichtigt. So wurden z. B. im EU-Projekt Tackobst für Frankreich ein mittlerer Energieverbrauch für Mehrfamilienhäuser mit 220 kWh/m2a angegeben und für das (wärmere) Italien 150-200 kWh/m2.

Die Aufgaben der Wohnungswirtschaft

Die Steigerung der Energieeffizienz, die sich in reduzierten warmen Betriebskosten ausdrückt, ist zwar ein wichtiger Bestandteil der Bestandsentwicklung bei den Wohnungsunternehmen, weitere und genauso wichtige Bestandteile sind aber (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
• gebäudebezogen: Sicherheit, Brandschutz, Umwelt- und Ressourcenschutz (Wasser, Müll, Baustoffeinsatz) und die Herstellung einer modernen Wohnqualität einschließlich Anpassung an demografische Veränderungen (Barrierearmut) sowie
• in Bezug auf den Standort: städtebauliche Einbindung, Baukultur, sichere Nachbarschaft, Wohnumfeldgestaltung.
• Energetische Ziele müssen deshalb innerhalb umfassender Entwicklungsstrategien erreicht werden und die Summe der Anforderungen muss wirtschaftlich sowie sozial verträglich, d. h. mit bezahlbaren Mieten, umgesetzt werden. Sonst besteht die Gefahr einer Segregation. Die Entscheidung über Maßnahmen im Gebäudebestand wird aus Portfolio-Gesichtspunkten und im Zusammenhang mit der gesamten weiteren Entwicklung eines Objektes bzw. eines Quartiers getroffen. Alle sich aus dieser Entscheidung ergebenden am Gebäude bzw. im Quartier durchzuführenden Maßnahmen müssen in einer mit der Unternehmensplanung abgestimmten Wirtschaftlichkeitsberechnung des Unternehmens abgebildet werden. Aus Unternehmenssicht kann keine solitäre Berechnung der Wirtschaftlichkeit nur energetischer Maßnahmen stattfinden.


Forderungen und Vorschläge


Aus diesem Befund ergeben sich eine Reihe von Vorschlägen, wie die weitere Verbesserung von Energieeffizienz und Klimaschutz im Gebäudebestand gelingen kann:
• Wir brauchen eine Effizienzstrategie unter strikter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes und der sozialen Verträglichkeit. Das 80/20-Prinzip sollte Anwendung finden – 80 Prozent des Ergebnisses mit 20 Prozent Mitteleinsatz erreichen. Da CO2 sehr lange in der Atmosphäre verweilt, sollte die schnelle und breitenwirksame Vermeidung von CO2-Emissionen Vorrang haben. Laut Shell-Hauswärmestudie ist für den Modernisierungserfolg weniger die Sanierungstiefe als die Höhe der Sanierungsrate, vor allem mit Teilsanierungen, entscheidend.
• Die Eigentümer, insbesondere längerfristig planende Wohnungsunternehmen, benötigen eine planbare und verlässliche Förderung zur Finanzierung der unrentierlichen Anteile höherer energetischer Standards. Die KfW-Förderung muss über 2014 hinaus verstetigt werden. Ein 10-Jahres-Programm würde dem Markt die notwendige Planungssicherheit geben. Für die unterschiedlichen Eigentümerstrukturen müssen unterschiedliche Förderinstrumente zur Verfügung stehen. Daher müssen neben die bisherigen Instrumente der KfW auch steuerliche Anreizinstrumente treten.
• Die Fördereffizienz muss überdacht werden: Während die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit über 450 Euro für jede vermiedene Tonne CO2 gefördert wird, sind dies bei der energetischen Sanierung noch nicht einmal 70 Euro. Dies ist eine erschreckende Fehlallokation von Mitteln, die wir aber nur einmal haben, um das Ziel zu erreichen.
• Die Marktakteure brauchen eine Verstetigung des ordnungspolitischen Handlungsrahmens anstelle einer dauerhaften Diskussion über Verschärfungen der Standards. Daraus resultieren nur Unsicherheiten und Attentismus. Darüber hinaus brauchen veränderte Gesetze und Verordnungen Zeit für die Marktdurchdringung.
• Völlig ungeeignet sind sich in komplexer Weise überlagernde europa-, bundes- und landesbzw. kommunalpolitische Vorgaben sowie Wettbewerbe um die höchsten Effizienz- und Klimaschutzanforderungen.
• Der Staat muss seine eigenen Ziele hinsichtlich der Transfereinkommensbezieher (Erstattung der Kosten der Unterkunft und Sozialhilfe sowie Wohngeld) ernst nehmen. Energetische Sanierung darf nicht zur Klimaschutzsegregation werden (siehe Bielefelder Modell: höhere erstattete Grundmiete bei geringerem Energieverbrauch).
• Wir brauchen für den Wärmeschutz kostengünstigere und weniger fehleranfällige Systeme. Deshalb sind mehr Forschung und Entwicklungsaktivitäten für Gebäudeeffizienz notwendig, z. B.:
- für effizientere und nicht brennbare Dämmstoffe,
- für Wärmedämmverbundsysteme, die auch ohne Biozide nicht veralgen,
- für hervorragende architektonische und bauphysikalische Lösungen,
- für cradle-to cradle-Lösungen von Dämmsystemen.
• Für dezentrale hocheffiziente Stromerzeugung aus KWK oder erneuerbaren Quellen und Beiträge von Gebäuden zur Netzstabilität über Speicherung überschüssiger Energie aus erneuerbaren Quellen sollte eine Form der Anrechnung
innerhalb der Bilanzierung energetischer Sanierung gefunden werden.
• Da es nicht nur um Energie und Klimaschutz geht, sondern um eine ganzheitliche Entwicklung lebenswerter und ressourcenschonender Quartiere sowie die Bezahlbarkeit des Wohnens, sind Konzepte für die nachhaltige Entwicklung gefragt. Deshalb sollte die Entwicklung eines Gebäudes auf Basis eines integrierten Quartierskonzeptes als gleichwertig zu einer Sanierung nach EnEV anerkannt werden.
• Im Rahmen der Lösung eines globalen Problems ist auch darüber nachzudenken, weitere kosten- und nutzenoptimale Instrumente wie etwa Beiträge zu einem Klimafonds für die Wohnungswirtschaft als eine von mehreren möglichen Varianten einer CO2-Vermeidungsstrategie zu öffnen.
• Auch durch Rahmenbedingungen, die auf den ersten Blick mit Klimaschutz und Energieeffizienz nicht direkt zu tun haben, wird die energetische Modernisierung beeinflusst. Dies sind z. B.:
- die Übernahme der Kosten der Unterkunft (KdU) nach Sozialgesetzbuch II und deren konkrete Ausgestaltung und Höhe,
- das Mietrecht,
- das Energiesteuerrecht,
- die soziale Wohnraumförderung der Länder und
- die Städtebauförderung.


Ausblick

Die Aufgaben der Bewirtschaftung von Wohnungen sind vieldimensional: Wohnungsunternehmen versorgen breite Schichten der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum, erhalten sozial stabile Nachbarschaften, integrieren Migranten, meistern den demografischen Wandel, halten Angebote für verschiedene Nachfragergruppen bereit, sorgen für ein attraktives Wohnumfeld und vieles mehr. Aus der Erfahrung mit mehr als 30 Jahren energetischer Sanierung schätzt der GdW ein, dass Verschärfungen der Energieeinsparverordnung (EnEV) zu einem Rückgang der energetischen Sanierungsquote und zur Fokussierung der energetischen Modernisierung auf bestimmte Bestände beitragen würden. Es besteht mittelfristig die ernsthafte Gefahr, dass ressourcenschonendes und qualitätvolles Wohnen für breite Schichten der Bevölkerung nicht mehr verwirklicht werden kann und dass Segregation aus Gründen des Klimaschutzes verstärkt wird. Das Wohnen und damit die Wohnung erfüllen eine wichtige Ankerfunktion im menschlichen Leben. Die Beachtung der sozialen Dimension des Wohnens und der Wohnqualität sowie der Bezahlbarkeit des Wohnens ist von zentraler Bedeutung. Eine Debatte über die Bedeutung des Wohnens in der Gesellschaft und über verlässliche politische Rahmenbedingungen für das nachhaltige Bauen und Modernisieren sowie über die Bewirtschaftung und Finanzierung des Wohnens in Deutschland ist notwendig. Und so viel ist sicher: Der GdW wird sie führen!

Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V., Berlin

Schlagworte zum Thema:  Energie, Energiewende

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