21.05.2013 | Top-Thema Energie - sicher und bezahlbar

Forschungsprojekt SHAPE zeigt Vorteile auf: Interesse an dezentralem Energiemanagement

Kapitel
Im Rahmen des Projekts SHAPE sparen 44 Wohnungen der WVW Energie durch ein dynamisches Energiemanagementsystem
Bild: Dr. Riedel Automatisierungstechnik

Im Rahmen des Forschungsprojekts SHAPE hat die Wohnungsbau Wohnungsverwaltung Weißenfels GmbH (WVW) 44 Wohnungen mit einem dezentralen Energiemanagement ausgestattet, das in ein System zur intelligenten Heimvernetzung eingebettet ist. Nun wurden erste Ergebnisse vorgestellt. Das Interesse in der Wohnungswirtschaft ist groß.

60 Teilnehmer aus der Wohnungswirtschaft haben im April an dem Fachgespräch teilgenommen, zu dem das Forschungsprojekt SHAPE gemeinsam mit dem GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen sowie dem Berlin-Brandenburgischen Verband der Wohnungsunternehmen (BBU) eingeladen hatte – deutlich mehr als erwartet. „Der GdW hat angefragt, ob wir bereit wären, weitere Veranstaltungen zum Thema dezentrales Energiemanagement und Heimvernetzung gemeinsam abzuhalten“, freut sich SHAPE-Konsortialführer Severin Beucker vom Borderstep-Institut. Neben dem Berliner Institut sind an SHAPE die Initiative Connected Living, die Telekom Innovation Laboratories, Dr. Riedel Automatisierungstechnik GmbH, die Firma Orga Systems und der Energiekonzern Vattenfall beteiligt.
Ziel des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten und inzwischen abgeschlossenen Forschungsprojekts war, ein dezentrales Energiemanagementsystem zu entwickeln, das die Heizenergienutzung optimiert und eine Visualisierung von Energieverbräuchen und Tarifinformationen in Wohnungen ermöglicht. Entwicklungsgrundlage war das Einzelraumtemperaturregel- und Heizkostenverteilsystem RIEcon WER von Riedel Automatisierungstechnik, das in Weißenfels bereits seit 1997 im Einsatz ist und für eine adaptive Heizungssteuerung sorgt. Dieses dezentrale Energiemanagement wurde 2012 um die intuitive Bedienungseinheit RIEcon Touch ergänzt und in die Home Service Plattform von Connected Living integriert.

Adaptive Heizungssteuerung spart Kosten
Über den Wohnungsmanager auf der Home Service Plattform können die Mieter der 44 Wohnungen der WVW seither genau definieren, wann welcher Raum ihrer Wohnung wie warm sein soll. Diese Informationen gehen direkt an die Heizzentrale des Gebäudes, so dass zu jedem Zeitpunkt die Temperatur vorgehalten werden kann, die nötig ist, um sämtliche Temperaturwünsche zu erfüllen. Auf diese Weise wird die Heizungsanlage immer am energetischen Minimum gefahren. „Das adaptive System vermeidet das klassische Überheizen“, erläutert Beucker.
Das zahlt sich aus. Laut Dr. Manfred Riedel, Gründer der gleichnamigen Automatisierungstechnikfirma, ist der Heizungsenergieverbrauch der Gebäude in Weißenfels durch die adaptive Heizungssteuerung in Kombination mit der Connected-Living-Plattform und der Bedienungseinheit mit Touchscreen insgesamt um 30,2 % zurückgegangen (siehe Grafik). Knapp 40 kWh/m2 jährlich wurden eingespart. Bei einem Energiepreis von 0,07 €/m2 fallen die Heizkosten in einer 60 m2 großen Wohnung pro Jahr um 168 € geringer aus. Demgegenüber steht eine jährliche Erhöhung der Kaltmiete von 11 % der Investitionskosten in Höhe von 1.500 € je Wohneinheit, also 165 €. Unter dem Strich sei das System also mietkostenneutral, machte Riedel den Vertretern der Wohnungswirtschaft deutlich.

Investition ist mietkostenneutral
Wie wichtig einfache Bedienbarkeit und Zusatzdienste sind, zeigt sich daran, dass der Verbrauch allein durch die Einführung des RIEcon Touch 2012 um 4 % gesenkt werden konnte. Über die Home Service Plattform von Connected Living werden in den Wohnungen Energieverbräuche dargestellt und Tarifinformationen verbreitet. Beim Pilotprojekt in Weißenfels nutzte die WVW das System zudem, um den Mietern Nachrichten zukommen zu lassen. Außerdem stellt der örtliche Energieversorger im Rahmen des Projekts variable Stromtarife bereit, über die ebenfalls via HSP informiert wird.
Das große Interesse der Wohnungswirtschaft am dezentralen Energiemanagement in Verbindung mit der Heimvernetzung erklärt sich Beucker u. a. dadurch, dass sich durch die Optimierung der Heizungssteuerung vergleichsweise kostengünstig Energie sparen lässt. „Eine adaptive Heizungssteuerung schlägt mit etwa 30 €/m2 Wohnfläche zu Buche. Das ist deutlich kostengünstiger als beispielsweise eine Wärmedämmung. Gleichzeitig lassen sich dadurch über 30 % Heizenergie sparen“, so der Wissenschaftler vom Borderstep-Institut. In der Vergangenheit habe man diese Möglichkeit zur Energieeinsparung nicht so sehr im Fokus gehabt. „Nun tragen die aktuellen Diskussionen um die Wärmedämmung dazu bei, dass die Heizungsoptimierung als weiterer wichtiger Handlungsstrang erkannt wird.“

Nachfolgeprojekt soll Kraft-Wärme-Kopplung ­einbeziehen
Ab Oktober 2013 soll die in SHAPE entwickelte Heimautomatisierungsplattform zur Energieeffizienzsteigerung im Nachfolgeprojekt ProSHAPE zu einer technischen Lösung entwickelt werden, die die Energiekosten in mit Blockheizkraftwerken versorgten mehrgeschossigen Wohnbauten minimiert. „Das ist für Wohnungsgesellschaften sehr interessant, da diese sich zunehmend mit dem Betrieb von Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung beschäftigen“, so Beucker. Bisher würden solche KWK-Anlagen ausschließlich wärmegeführt betrieben, das heißt der Wärmebedarf des Gebäudes bestimmt die Laufzeiten. „Gebäude sind aber ganz gute Wärmespeicher, daher könnte es sinnvoll sein, zu einem Zeitpunkt mit hohem Strombedarf im Netz und damit hohen Preisen die KWK-Anlage laufen zu lassen und sie dann anschließend zwei Stunden komplett abzuschalten“, erläutert Beucker. Diese Betrachtung führt zu einem komplexen Optimierungsproblem.
Ausschlaggebend für die Optimierung ist die Gesamtkostenbetrachtung für die Betreiber und die Bewohner der Gebäude. „Zukünftig müssen variable Preise für Gas, Strom und die Rückspeisung von Energie aus dem BHKW in die lokale Netzinfrastruktur gegeneinander abgewogen werden“, heißt es dazu in der ProSHAPE-Projektbeschreibung. Um dieses Proplem zu lösen, werde der Connected-Living-Ansatz zur integrierten Heim- und Gebäudeautomation um agentenbasierte Mehrwertdienste erweitert, die diese Zustände abbilden und die Gesamtkosten optimieren.
Noch ist die Entscheidung für eine Förderung des Nachfolgeprojektes nicht gefallen. Severin Beucker ist jedoch zuversichtlich.

Silke Thole, freie Journalistin, Tübingen

Schlagworte zum Thema:  Energiewende

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