21.05.2013 | Top-Thema Energie - sicher und bezahlbar

Achtung Stromausfall: Wenn im Land die Lichter ausgehen

Kapitel
Stromversorgung über Masten und Leitungen: Lebensadern unserer Gesellschaft
Bild: Archiv Autorenteam

Deutschlands Stromversorgung gilt als besonders leistungsfähig. Das System ist hochkomplex und befindet sich im Umbruch. Genau das macht es extrem verletzlich. Was passiert, wenn der Strom plötzlich ausfällt? Nur wenige Immobilienunternehmen wie die Berliner WGLi Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg bereiten sich auf den Ernstfall vor.

In letzter Zeit haben Medien zunehmend die Gefahr von Stromausfällen heraufbeschworen. Schuld seien die Energiewende und die Netze, heißt es da. Doch diese Sichtweise ist zu simpel. Es sind viele Einflussfaktoren, die dafür verantwortlich sein können, dass eine Stadt im Dunkeln liegt. Zunächst handelt es sich um ein System, welches aus Stromerzeugern, Netzwerkbetreibern und Verbrauchern besteht, ein in sich geschlossenes, stabiles System. Ändert sich eine Größe, wirkt sich das auf die beiden anderen Komponenten aus. Alle drei Größen unterliegen aber schon seit Jahren Veränderungen. Die Liberalisierung der Netze begann etwa Ende der 1980er Jahre. Die Energiewende spielt ebenfalls eine Rolle. Die zentrale Stromversorgung nimmt ab, zunehmend wird Strom dezentral erzeugt. Die Erzeugung erfolgt nicht mehr bedarfsgerecht, sondern dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Der Endverbraucher nimmt nicht nur den Strom ab, sondern erzeugt selbst, beispielweise mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach seines Wohnhauses. Das belastet die Stabilität der Netze. Kritisch macht das System auch die steigende Anzahl von Extremwetterereignissen wie Starkregen, Stürme und Hochwasser. Weil die Komplexität der Technik zunimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie an einer Stelle versagt. Die Vernetzungen sind groß, eins hängt vom anderen ab. Als beispielsweise im vergangenen Herbst in München großflächig der Strom ausfiel, gingen kurz danach auch in Frankfurt die Lichter aus. Der Grund: Die Straßenlaternen in Frankfurt wurden aus München gesteuert.


Folgen eines großflächigen Stromausfalls
Ein großflächiger Stromausfall ist eine dramatische Situation. Denn unsere hochkomplexe, moderne Gesellschaft ist vom Strom stark abhängig. Bei einem Blackout brechen nicht nur die Netze zusammen, sondern Kraftwerke schalten sich ab und es dauert mehrere Tage, die Stromversorgung wieder herzustellen. Die Folgen sind tiefgreifend. Ohne Strom kippt die Wasserversorgung. Trinken, Kochen, Toilettespülen, Heizen – all dies ist nicht mehr möglich. In der Kanalisation sammeln sich Fäkalien, die unkontrolliert austreten. Was dann in den großen Wohnkomplexen wie denen der Berliner Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg (WGLi) mit bis zu elf Stockwerken passiert, mag man sich gar nicht ausmalen. Doch diesen Gedanken zuzulassen, ist dringend notwendig, will man ausreichend vorbereitet sein. Denn eine Faustregel besagt, dass ein Hochhaus innerhalb der ersten 24 Stunden nach einem Stromausfall evakuiert werden sollte. Bei der WGLi stünden dann mehrere tausend Menschen, davon etwa 50 % über 60 Jahre, plötzlich auf der Straße.


Unzureichende Vorsorge
Wer ist verantwortlich, wenn der Blackout alles lahmlegt? Die Ressourcen öffentlicher Organe wie Polizei und Katastrophenschutz dürften jedenfalls schnell erschöpft sein. Wie beim Brandschutz auch, trägt sicherlich jedes Unternehmen Verantwortung, ausreichende Schutzmaßnahmen zu installieren. Und Deutschland ist insgesamt schlecht aufgestellt, wenn flächendeckend die Lichter ausgehen. Echte, nationale Katastrophen hat es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nur vereinzelt und punktuell gegeben. Entsprechend sank die Vorsorge. Die Menschen sind es nicht mehr gewohnt, Papiere, Kerzen und Taschenlampe schnell griffbereit zu haben sowie haltbare Lebensmittel einschließlich Trinkwasser zu lagern. Die Infrastrukturen wie Vorratskammern sind entsprechend nicht mehr vorhanden. Man kauft just-in-process, das bedeutet, man geht nach der Arbeit in den Supermarkt und besorgt, was abends in der Mikrowelle schnell zubereitet ist. Das erschwert die Situation zusätzlich.


Das Undenkbare denken
Stromintensive Industrieunternehmen und Betriebe mit hochsensiblen Geräten wissen um die möglichen Gefahren und sind daher viel weiter als das Gros der Immobilienunternehmen, denen bisher eine Präventionsstrategie fehlt. Nicht so die WGLi, sie sieht Handlungsbedarf. Seit Kurzem bereitet sie sich gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen (KKI) auf den Ernstfall vor. Die Genossenschaft möchte weder Hausmeister noch Mieter im Fall einer Katastrophe alleine lassen. Bevor sie in Luxussanierungen investiert, sichert sie lieber die Grundbedürfnisse der Menschen. In Workshops analysiert sie derzeit gemeinsam mit den Beratern Abhängigkeiten und Risiken. Es geht darum, möglichst genau zu ermitteln, was bei einer kurzen, mittel- und langfristigen Unterbrechung droht. Danach überlegt man gemeinsam, welche Abhängigkeiten sich im Ernstfall wie ersetzen lassen. Das ist eine Frage der individuellen Risikoeinschätzung, der Finanzkraft und der Effizienz. Früher hatten beispielsweise viele Industriebetriebe, Flughäfen und Wasserwerke eigene Kraftwerke. Um effizienter zu sein und Kosten zu sparen, wurden sie jedoch oftmals stillgelegt.

Schrittweise zur Lösung
Es muss aber nicht gleich das eigene Kraftwerk sein. Bereits kleine Dinge können viel bewirken. Die WGLi plant, alle Mieter mit Dynamohandlampen auszustatten. So sensibilisiert sie die Mieter für das Thema, ohne gleich unnötige Angst auszulösen. In der Diskussion sind weitere Maßnahmen. Zum Beispiel Pufferbatterien in die Hausflurbeleuchtung einzubauen. Der Flur ist schließlich der am häufigsten genutzte Hausbereich und die Mieter passieren diesen im Fall des Falles gefahrenfrei, können sich dort treffen und gegenseitig helfen. Auch Notstromaggregate in den Aufzügen stehen zur Diskussion. Im Notfall kommuniziert die Geschäftsleitung möglicherweise über Funk mit den Hausmeistern, im Hof treffen sich die Mieter an Notfallinseln, wo sie eine warme Suppe essen und sich informieren können. All dies sind Lösungsszenarien. Am Ende des gesamten Prozesses steht ein Notfallplan.

Die goldene Stunde
Den Notfallplan erhalten dann alle Mitarbeiter der WGLi. Priorität genießen die Hausmeister, die in einer Krise an vorderster Front stehen und erster Ansprechpartner für die Mieter sind. So wissen diese gleich, was sie bei einer solchen Katastrophe zu tun haben. Wenn sie nämlich erst anfangen zu überlegen, geht wertvolle Zeit verloren. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Bewältigung einer Krise von den ersten 60 Minuten abhängt. Das ist die »goldene Stunde« des Krisenmanagements. Treffen die Verantwortlichen in dieser Zeit die richtigen Entscheidungen, vermeiden sie viele weitere Schäden. Damit schützen sie sich auch vor möglichen Regressansprüchen und vereinfachen Regulierungen mit Versicherungen. Damit das richtige Verhalten auch in Fleisch und Blut übergeht, absolvieren die Mitarbeiter der WGLi Krisenschulungen. Den Ernstfall proben sie, damit bei einer tatsächlichen Katastrophe die richtigen Verhaltensweisen fest verankert sind. Die Krisenexperten der KKI unterstützen die WGLi dabei, ein funktionierendes Krisenmanagement im Falle eines Blackouts zu implementieren.

Dr. Bernd Benser, Chief Business Officer (CBO) der GridLab GmbH, Cottbus

Stephan Boy, Geschäftsführer KKI, Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen GmbH, Berlin

Thomas Kleindienst, Kaufmännischer Vorstand WGLi Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg eG, Berlin

Schlagworte zum Thema:  Energiewende

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