21.05.2013 | Top-Thema Energie - sicher und bezahlbar

15. Brandenburger-Hof-Gespräch: Die Statements

Kapitel
Die Experten vor dem Brandenburger Hof in Berlin
Bild: (C)2013 {Torsten George}, all rights reserved

"Energie - sicher und bezahlbar: Eine neue Führungsaufgabe in der Wirtschaft" Die steigenden Energiepreise bewegen nicht nur die Öffentlichkeit, sondern stellen auch die Wohnungswirtschaft vor große Herausforderungen. Wie lässt sich der Kampf gegen den Klimawandel mit dem ­Anspruch an günstigen Wohnraum vereinen? Welchen Beitrag zum Energiesparen leistet das Verhalten der Mieter? Und welches Potenzial bieten Passiv- und Plus-Energie-Häuser? Diesen Fragen stellte sich die ­Expertenrunde beim 15. Brandenburger-Hof-Gespräch. Zwei der zentralen Ergebnisse der Diskussion: Der Gesetzgeber darf die Anforderungen an die Wohnungsunternehmen nicht zu hoch schrauben – und die Frage, ob Wohnungsunternehmen selbst zu Energieerzeugern werden sollen, entwickelt sich zu einem ­zentralen Zukunftsthema der Branche.

Axel Gedaschko, Präsident GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Imobilienunternehmen e. V., Berlin: „Dezentrale Stromerzeugung im Quartier“

Wenn die Wohnungswirtschaft bezahlbare Mieten sichern will, dann muss sie sich des Themas „Energie – sicher und bezahlbar“ annehmen. Und zwar aus ureigenem Interesse: Nur so kann sie gewährleisten, dass die Kunden in der Lage sind, die Miete auch künftig zu bezahlen. Denn die Energiepreise sind viel stärker gestiegen als die Kaltmieten. Zwischen 2000 und 2012 stiegen die Verbraucherpreise für Haushaltsenergie um 117 %. Die Nettokaltmiete verteuerte sich dagegen im selben Zeitraum im Durchschnitt nur um 16 %. Hier wird eine eklatante Diskrepanz deutlich. Wenn wir uns dann noch vor Augen führen, dass die Verbraucherpreise für Haushaltsenergie alleine von Dezember 2009 bis Juni 2012 um 20,2 % gestiegen sind, dann wird deutlich, dass sich diese Dramatik noch zuspitzt. Noch gar nicht berücksichtigt ist dabei die in der Öffentlichkeit heiß diskutierte Frage der Strompreise. Diese haben sich allerdings zwischen 2000 und 2012 mit einer Steigerung um 70 % längst nicht so stark verteuert wie die Heizkosten. Darauf müssen wir in der Öffentlichkeit immer wieder hinweisen, weil die Medien in der Debatte über die Energiewende leider so gar nicht auf diesen Sachverhalt eingehen.
Natürlich müssen wir unsere Bestände auch energetisch sanieren. Aber wenn die Häuser einmal komplett durchsaniert sind, wäre es völlig unwirtschaftlich, sie noch einmal anzupacken, um das von der Politik vorgegebene Ziel zu erreichen, den Primärenergieverbrauch um 80 % zu senken. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns über das Thema Energieerzeugung unterhalten. Denn wenn es uns gelingt, CO2-arm und dezentral in den Quartieren Energie zu produzieren, dann erreichen wir das von der Politik vorgegebene Ziel wesentlich preisgünstiger. Darüber hinaus sprechen noch weitere Punkte für eine solche dezentrale Stromerzeugung im Quartier: Sie verringert die enormen Netzdurchleitungsverluste, wie sie bei der zentralen Stromerzeugung auftreten, und reduziert so die Kosten, weil diese Netzdurchleitungsverluste ja auf die Stromkosten aufgeschlagen werden. Und sie ermöglicht eine Geschäftsfelderweiterung.
Effizienzsteigerung und dezentrale Energieerzeugung allein reichen aber noch nicht aus, um das Thema rund zu machen. Eine entscheidende Rolle spielt auch das Thema der Speicherung. Wir haben deshalb Anfang 2012 begonnen, uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen und einen entsprechenden Prozess in Gang zu bringen. Dabei arbeiten wir mit externer Unterstützung, weil die Speicherung von Energie nun einmal kein klassisches Thema der Wohnungswirtschaft ist. Als wir einen ersten Workshop hierzu veranstalteten, blickten wir noch in viele fragende Augen. Als dann aber der Workshop zu Ende war, stellten wir eine Neugier fest, auf der wir aufbauen wollen. Wir werden demnächst einen weiteren Workshop organisieren, um Geschäftsmodelle für Wohnungsunternehmen in Bezug auf die Speicherung vorzustellen. Es gibt bereits Unternehmen, von denen man lernen kann. Die Wohnstätte Stade eG zum Beispiel hat zum Verdruss der dortigen Stadtwerke begonnen, selber Energie zu erzeugen. Sie hat ein Nahwärmenetz gelegt und versorgt ihre Mitglieder zu günstigen Preisen mit Wärme und Strom, so dass die Mitglieder komplett unabhängig sind von den Stadtwerken. Man sieht: Worüber wir reden, ist nicht ein fernes Zukunftsthema, sondern man kann es schon heute besichtigen.

Staatssekretär a. D. Frank Bielka, Vorstandsmitglied degewo AG, Berlin: „Erheblicher Erwartungsdruck der Politik“

Die degewo ist der größte Anbieter von Wohnraum in Berlin und mit 72.000 Wohnungen in fast allen Stadtteilen präsent. Als kommunales Unternehmen beschäftigt uns vor allem ein Punkt: Wir sehen uns einem erheblichen Erwartungsdruck der Politik ausgesetzt. Politiker erwarten von uns, dass wir breite Schichten der Bevölkerung mit Wohnraum zu günstigen Mieten versorgen, aber auch unsere Bestände energetisch sanieren und so zu zur Energieeinsparung beitragen. Dass diese beiden Aspekte eng miteinander verbunden sind und durchaus auch in Konflikt zueinander geraten können, ist leider vielen Vertretern der Politik nicht klar. Hinzu kommt eine zweite Fehleinschätzung: Häufig wird die Illusion erweckt, die energetische Sanierung finanziere sich durch die Einsparungen beim Energieverbrauch von selbst und sei somit zum Nulltarif zu haben. In der Realität glückt dies nur in den allerseltensten Fällen, nämlich dann, wenn es sich um besonders heruntergekommene Immobilien handelt. Bei Wohnhäusern, die kontinuierlich instandgehalten worden sind, liegen die Kosten für die energetische Sanierung deutlich höher, als auf der anderen Seite beim Verbrauch eingespart werden kann. Ich betrachte es als eine unserer Aufgaben, diese Erkenntnis in den öffentlichen Raum zu transportieren.
Bei alledem ist es natürlich durchaus eine Aufgabe der Wohnungswirtschaft, sich für mehr Energieeffizienz zu engagieren. Im vergangenen Dezember haben wir bei der degewo Berlins größtes Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen. Es befindet sich im degewo-Quartier Mariengrün im südlichen Marienfelde und hat eine Gesamtleistung von 1.600 Kilowatt. Finanziert und realisiert wird das Projekt im Rahmen eines Contracting-Vertrages von der GASAG Wärmeversorgung GmbH.
Parallel dazu sanieren wir bis zum Jahr 2016 rund 2.400 Wohnungen im Quartier Mariengrün. Dabei verfolgen wir das Ziel, im Wohnungsbestand durch die Sanierung und das neue Energiekonzept mehr als 4.000 Tonnen CO2 pro Jahr einzusparen und gleichzeitig die Lebensqualität der Bewohner zu erhöhen. Dabei verzichten wir darauf, den gesetzlich zulässigen Rahmen auszunutzen und 11 % der Modernisierungskosten auf die Miete umzulegen. Mit Protesten gegen die Erhöhung der Kaltmiete sind wir praktisch nie konfrontiert. Wenn wir als Folge der energetischen Sanierung die Miete erhöhen, so haben wir zwar häufig ein Problem mit der Politik und manchmal auch eines mit dem Mieterverein, aber nur selten ein Problem mit den Mietern. Denn die meisten Mieter sehen sehr wohl ein, dass die Modernisierung nicht nur den energetischen Standard erhöht, sondern auch die Wohnqualität steigert – sie erhalten ja ein neues Bad und eine neue Küche. Und dann sind sie in aller Regel bereit, eine moderate Mehrbelastung zu akzeptieren. Wie gesagt, die 11 % müssen nicht ausgenutzt werden. Und nach meiner Erfahrung ist es auch bei Weitem nicht so, dass alle Vermieter diese 11 % auf die Miete draufschlagen.

Prof. Thomas Dilger, Leitender Geschäftsführer Nassauische Heimstätte Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main: „Wir müssen uns um die Energieproduktion kümmern“

Die Steigerung der Energieeffizienz ist keine neue Führungsaufgabe in der Wohnungswirtschaft. Es war schon immer eine zentrale Aufgabe, die Betriebskosten im Griff zu halten, und dafür musste man sich schon immer mit energetischen Fragen beschäftigen. Allerdings rückt diese Führungsaufgabe als Folge neuer Gesetze und neuer Technologien verstärkt in den Fokus. Das Thema „Dichten und Dämmen“ ist im Wesentlichen durch – das ist für ein Wohnungsunternehmen heute selbstverständlich. Was hingegen eine zunehmende Rolle spielen wird, das ist die Frage der Energiegewinnung. Uns beschäftigt intensiv die Frage, ob wir uns nicht noch viel mehr um die Energie- und Wärmeproduktion kümmern müssen. Wir haben zwar eine eigene Contracting-Tochter, haben uns der Thematik aber bisher sehr zurückhaltend genähert. Das wird sich ändern müssen. Denn bei der derzeitigen und künftigen Entwicklung der Energiepreise hängt die Frage der Bezahlbarkeit davon ob, ob wir Wärme und Energie selbst produzieren können. Deshalb sehen wir die Notwendigkeit, möglicherweise über die Gesellschaftsgrenzen hinaus mit anderen zusammenzuarbeiten. Wir bewirtschaften als Konzern Nassauische Heimstätte/Wohnstadt ja nicht nur 62.000 Wohnungen, sondern sind auch die letzte der klassischen Landesentwicklungsgesellschaften in Deutschland. Insofern haben wir früher in ganz Hessen für andere Gesellschaften mitgebaut und sind in allen Großsiedlungen gemeinsam mit anderen Unternehmen vertreten. Da bietet es sich natürlich an, den Energieeinkauf und die quartiersbezogene Energieproduktion gemeinsam zu bearbeiten. Wir sind deshalb auch sehr gern in der energetischen Stadtsanierung aktiv und an allen hessischen Pilotprojekten beteiligt. Ich bin überzeugt, dass der Ansatz richtig ist, in Bezug auf die Energieversorgung alle an einen Tisch zu holen und sich auch um öffentliche Gebäude, Schulen und Schwimmbäder als Hauptverbraucher zu kümmern. Das ist ein Thema, das uns in Zukunft mehr und mehr beschäftigen wird.
Vor welchen ganz praktischen Herausforderungen wir dabei stehen, möchte ich an einem Beispiel illustrieren. Wir bauen im Moment ein Energie-Plus-Haus mit einem 50-prozentigen Energieüberschuss. Technologisch wenden wir dabei alles an, was man im Moment so ausprobieren kann, bis hin zum Eisspeicher. Wir wollen mit diesem Pilotprojekt testen, was man künftig in Serie anwenden könnte. Allerdings existiert am Standort dieses Energie-Plus-Hauses für Gebäude ohne Passivhausstandard ein Anschluss- und Benutzungszwang für Fernwärme. Es kostete einigen Schweiß, hier eine Lösung zu finden. Jetzt haben wir aber immer noch den Zwang, einen zertifizierten Passivhausstandard zu erreichen, was bei einem Haus mit 50 % Energieüberschuss, mit dem dann auch noch Autos und E-Bikes versorgt werden, zu zusätzlichen Kosten führt, obwohl das Gebäude im Hinblick auf seine CO2-Bilanz ohnehin schon mehr als nur CO2-Neutralität erreicht und insofern dem Passivhaus ökologisch weit voraus ist. Aber das Beispiel zeigt: Wenn politische Ideen erst einmal Verwaltungshandeln geworden sind, kommt man kaum wieder davon weg. Deshalb fordern wir, sämtliche Vorschriften alle zwei oder drei Jahre auf den Prüfstand zu stellen, ohne dabei die Zielsetzung des Klimaschutzes außer Kraft zu setzen.

Prof. Dr. Herbert Ludl, Generaldirektor Solzialbau AG, Wien: „Wir wollen nicht Energieversorger werden“

In Wien erleben wir einen starken Zuzug und eine entsprechend starke Nachfrage nach Wohnraum. Unsere zentrale Aufgabe ist und bleibt es deshalb, Wohnraum zur Verfügung zu stellen und Wohnhäuser neu zu bauen. Die Verringerung des Energieverbrauchs und die Steigerung der Energieeffizienz sind für uns nicht Haupt-, sondern Nebenzweck. Um einen Punkt aufzugreifen, auf den wir in der Diskussion sicher noch eingehen werden: Wir haben nicht die Absicht, Energieversorger werden zu wollen, schon gar nicht für Dritte. Aus unserer Sicht liegt es primär in der Verantwortung der Energieversorger, die in Österreich mehrheitlich im Eigentum der Gebietskörperschaften sind, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und einen vernünftigen Wettbewerb zu garantieren. Allerdings sehe ich für die Zukunft möglicherweise Chancen in gemischten Systemen, wobei man allerdings vorher das Problem der Energiespeicherung und der Kosten lösen müsste.
Wir haben in Österreich derzeit einen Energieverbrauchspreis, mit dem selbst unter Berücksichtigung von Netzentgelten und Pauschalbeträgen keine derzeit bekannte und erprobte Stromerzeugungsmethode betriebswirtschaftlich mithalten kann. Begünstigt sind wir in Österreich dadurch, dass mehr als 50 % des Stroms aus Wasserkraft stammen. Das ist eine völlig andere Situation, als sie sich in Deutschland darbietet, und diese ermöglicht es natürlich auch, in Österreich etwas lockerer mit dem Thema umzugehen.
Strom wollen und werden wir also nicht erzeugen. Falls wir es – rein hypothetisch gesprochen – doch tun würden, dann wäre es wegen der damit verbundenen Subventionen betriebswirtschaftlich vernünftiger, ihn ins Netz einzuspeisen, als ihn im eigenen Haus zu verbrauchen. Die zweite Variante könnte man den Mietern und Genossenschaftsmitgliedern zwar besser erklären, aber sie rechnet sich betriebswirtschaftlich einfach nicht. Sinnvoll wäre es, wenn sich ein paar Genossenschaften zusammenschließen würden. Denn es ist nicht wirklich effizient, wenn wir jetzt beginnen, für jedes Haus mit 50 oder 100 Wohnungen ein eigenes Energiesystem aufzubauen.
Bei uns in Österreich stellt sich die Situation also in einigen Punkten etwas anders dar als in Deutschland. Aber um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir verfolgen sehr genau, was sich in Deutschland tut. Und ich denke, dass die Richtung stimmt. Vor allem bei jüngeren Leuten stellen wir fest, dass sie aus Überzeugungsgründen sehr offen sind für neue Wege der Energieversorgung. Trotzdem müssen sich gerade Genossenschaften immer wieder Rechenschaft ablegen, ob die ergriffenen Maßnahmen betriebswirtschaftlich vernünftig sind oder nicht. Dann stellt man fest, dass es Grenzen gibt, wo es betriebswirtschaftlich zu Lasten des Bewohners geht. Und da machen wir nicht mehr mit.

Thomas Kleindienst, Kaufmännischer Vorstand WGLi Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg eG, Berlin: „Der Mieter will einfach nur wohnen“

Als ehemalige Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft standen wir nach der Wende vor der Herausforderung, uns auf die neue Zeit einzustellen. Ein wichtiger Punkt war dabei die energetische Sanierung. In den ersten zehn Jahren investierten wir insgesamt rund 1 Mrd. DM in unsere 10.000 Wohnungen und erreichten damit bis heute eine Halbierung der Energiekosten für Warmwasser und Heizung. Zugute kam uns dabei die industrielle Bauweise, die für die energetische Sanierung gut geeignet ist. So schafften wir es, den durchschnittlichen Verbrauch auf 70 kWh/m2/a zu senken.
Weil unsere Häuser bereits nachhaltig energetisch saniert sind, ist das heutige Verbesserungspotenzial nur noch minimal. Wenn wir die Häuser heute noch einmal anfassen würden, müssten wir quasi von vorne anfangen und dabei erhebliche Werte vernichten, was von keinem Mieter und keinem Mitglied akzeptiert würde. Wir haben beschlossen, die Mieten bis 2018 nicht mehr anzupassen und auf dem gegenwärtigen Niveau zu belassen. Neubau ist für uns im Moment kein Thema. Wenn wir trotzdem einen Neubau angehen würden, dann würden wir wahrscheinlich ein KfW-70-Haus errichten. Was darüber hinausgeht, ist objektbezogen unwirtschaftlich. Wir müssten sonst ein Nutzungsentgelt von etwa 12 €/m2 und mehr verlangen, was in Lichtenberg kaum durchsetzbar ist.
Als Genossenschaft ist uns vor allem ein Aspekt wichtig: In erster Linie geht es uns um die Mitglieder. Und für diese ist die tatsächliche, technische Versorgungssicherheit ein entscheidender Punkt. Unsere Mitglieder sind im Durchschnitt über 60 Jahre alt, und die durchaus reale Möglichkeit, dass es zu einem längeren Stromausfall (Blackout) kommen könnte, stellt für sie eine wirkliche Bedrohung dar. Man muss sich das einmal konkret vorstellen: Der Strom ist ausgefallen, die älteren Mieter können nicht telefonieren, es gibt kein Wasser, keine Heizung, den Hausmeister können sie nur zu Fuß erreichen und müssen dafür durch das stockdunkle Treppenhaus schleichen – das ist eine wirklich desaströse Vorstellung. Wir wollen den Mitgliedern nicht Angst machen, aber wir übergeben ihnen dafür präventiv eine Dynamotaschenlampe mit WGLi-Logo und werden ein Notfallkonzept ausarbeiten. Im Fall der Fälle haben sie dann wenigstens Licht in der Wohnung, um sich zurechtzufinden. Zur Frage der technologischen Entwicklung: Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass der Mieter einfach nur wohnen will. Wenn wir eine komplizierte technische Ausstattung installieren und den Mieter am Ende zwingen, irgendwelche Monitore zu bedienen, dann stellt sich die Frage, wer so etwas will und wer da noch durchblickt. Wenn Mieter bei der Volkshochschule einen Kurs belegen und einen Wohnungsführerschein machen müssen, bevor sie eine Wohnung anmieten können, dann haben wir es übertrieben. Technologie ist gut, aber sie muss menschenfreundlich, logisch und für die Leute verständlich sein.

Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes e. V. (DMB), Berlin: „Die Akzeptanz bei den Mietern lässt nach“

Die Frage der Bezahlbarkeit der Energie spielt sowohl für die Vermieter als auch für die Mieter eine immer größere Rolle. Deshalb habe ich mich über den Titel unserer Diskussion („Energie – sicher und bezahlbar“) gefreut, weil er zeigt, dass das Thema ausgesprochen unideologisch angegangen wird. Ich stelle in letzter Zeit zunehmend fest, dass die Akzeptanz umweltpolitischer Ziele, wenn sie denn im Spannungsfeld zu der Frage der Bezahlbarkeit stehen, deutlich nachlässt. Wir merken, dass bei den Mieterinnen und Mietern die Freude über die energetische Sanierung, vorsichtig ausgedrückt, im Abschmelzen begriffen ist. Das hängt natürlich damit zusammen, dass Vermieter in den Hotspot-Wohngebieten die zulässigen elf Prozent der Investitionskosten tatsächlich auf die Miete umlegen. Und viele Mieterinnen und Mieter können diese erhöhte Miete nicht bezahlen oder stellen zumindest fest, dass ihre Einsparung bei den Heizkosten deutlich geringer ausfällt als die Mieterhöhung. Ich betone ausdrücklich, dass das für die Hotspot-Gebiete gilt, und will nicht den Eindruck erwecken, als sei das in ganz Deutschland so. Aber in den begehrten Wohngebieten erleben die Mieterinnen und Mieter, dass die Miete auch unabhängig von der energetischen Sanierung steigt. Und dann sagen sie: Wenn sich die Miete ohnehin verteuert, wieso muss ich dann auch noch die energetische Sanierung dulden?
Das heißt aus unserer Sicht als Mieterbund, dass das Thema der energetischen Sanierung aus der ideologischen Ecke rausgeholt werden muss. Es ist erforderlich, die Kosten-Nutzen-Relation und die durch die Sanierung erzielte Effizienzsteigerung kritisch zu überprüfen. Wir brauchen eine unideologische Debatte, die auch betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Argumente mit einbezieht und die nicht, wie wir das in Deutschland ja gerne tun, von einem Extrem ins andere fällt. Denn ich prophezeie, dass das Problem der mangelnden Akzeptanz vor dem Hintergrund der Debatte über fehlenden und zu teuren Wohnraum in den Hotspot-Gebieten noch zunehmen wird.
Die Menschen akzeptieren die Konsequenzen der Energiewende auch deshalb immer weniger, weil sie keinen roten Faden erkennen können. Ich vermisse auf politischer Ebene einen stringenten Fahrplan. Es gibt im Zusammenhang mit der Energiewende alle möglichen Ansätze und Überlegungen, aber keine überzeugende Gesamtstrategie – weder unter dem rigorosen Herrn Röttgen noch unter dem kommunikativen Herrn Altmaier. Und es fehlt in der Politik nicht nur eine klare Strategie für die Umsetzung der Energiewende, sondern auch die sozialpolitische Begleitung. Die Politik müsste von Anfang an beide Aspekte miteinander verknüpfen und eine Antwort auf die dringende Frage geben, wie sie denjenigen Menschen unter die Arme greifen will, die durch die Folgen der Energiewende finanziell überfordert werden. Ich hoffe, dass nach der Bundestagswahl hier endlich die richtigen Weichenstellungen vorgenommen werden.

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