22.07.2016 | Top-Thema DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2016

Joseph-Stiftung – Umsetzung einer digitalen Gesamtstrategie

Kapitel
Das Video gibt einen Überblick über die digitale Strategie der Joseph-Stiftung Bamberg
Bild: YouTube

Dass Innovation nicht unbedingt von Großkonzernen in den Metropolen ausgehen muss, beweist die Joseph-Stiftung Bamberg. Das kirchliche Wohnungsunternehmen in Oberfranken forscht seit Jahren an Digitalisierungsthemen und hat mittlerweile eine digitale Gesamtstrategie entwickelt, die interne Prozesse ebenso abdeckt wie den Umgang mit den eigenen Kunden und mit anderen Unternehmen. Die Belohnung dafür ist der DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2016.

Es begann mit "Sophia". Zwischen 2002 und 2004 entwickelte die Joseph-Stiftung mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums, des bayerischen Sozialministeriums und zweier Stiftungen ein Konzept zur "Sozialen Personenbetreuung – Hilfen im Alltag" (Sophia), das dem Ziel dient, älteren Menschen mit technischen Mitteln so lange wie möglich ein selbständiges Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Entwickelt hat sich daraus das verbreitetste technische Assistenzsystem in Deutschland, das über Franchisepartner auch in anderen Bundesländern angeboten wird.

Mittlerweile hat die Joseph-Stiftung eine Reihe digitaler Angebote in verschiedenen Geschäftsfeldern entwickelt. Der Ansatz, den das 1948 gegründete kirchliche Wohnungsunternehmen vor zwölf Jahren verfolgte, ist der gleiche geblieben: Die Joseph-Stiftung bringt sich zusammen mit Partnern aktiv in die Forschung und Entwicklung ein und strebt danach, ihre Projekte in Geschäftsmodelle zu überführen, die sich – oft unter dem Dach einer Tochtergesellschaft – selbst tragen. Wesentlich ist also, wie die Stiftung betont, dass sie nicht vorhandene EDV-Tools anwendet, sondern innovative Lösungen entwickelt, die dann oft von anderen Marktakteuren übernommen werden.

Zentrale Herausforderung

Warum sich das vergleichsweise kleine Wohnungsunternehmen, das über 5.550 eigene Wohneinheiten und Wohnheimplätze verfügt, so engagiert mit der Digitalisierung auseinandersetzt, begründet Vorstandssprecher Dr. Wolfgang Pfeuffer: "Die Digitalisierung ist meines Erachtens die zentrale Herausforderung für die Wohnungswirtschaft allgemein. Davon kann sich ein kirchliches Wohnungsunternehmen natürlich nicht ausschließen."

Ein Schwerpunkt der Aktivitäten der Joseph-Stiftung liegt dabei weiterhin auf technischen Assistenzsystemen für ältere und hilfsbedürftige Menschen. Nach dem Startprojekt Sophia sind (teilweise im Rahmen europäischer Forschungsprojekte) weitere Vorhaben wie Vamos (Versorgungseffizienz durch assistive, modulare Technologien in bedarfsorientierten Szenarien), Jutta (Just-in-time Assistance) und I-stay@home hinzugekommen. Sophia selbst ist durch die Erweiterung um Smart-Home-Komponenten zu Sophital (Soziale Personenbetreuung – Hilfe mittels Technologie für altengerechtes Leben) weiterentwickelt worden. Sophital wird seit 2016 von der Fidentia GmbH, einer 100%igen Tochtergesellschaft der Joseph-Stiftung, vertrieben und nicht nur in eigenen Mietwohnungen, sondern auch bei Bauträgermaßnahmen installiert.

Besonders bemerkenswert ist das seit 2012 existierende Wohnlabor "Living Lab". Während anderswo geklagt wird, es fehle an praktischen Anwendungsbeispielen für AAL-Lösungen (AAL=Ambient Assisted Living), konnte die Joseph-Stiftung bisher über 1.500 Besucher in ihrem ständig bewohnten Labor begrüßen. Darin zeigt sie auf, wie intelligente Lösungen das Leben sicherer, gesünder, komfortabler sowie nachhaltiger machen. Ein Notruf und die Reduktion von Stolperfallen gehört ebenso zum Paket wie eine automatische Stromkosteneinsparung, die zeitnahe Ablesung von Verbrauchsdaten und die Auswertung von Aktivitätskurven.

Die Joseph-Stiftung Bamberg nimmt Studierende in den Fokus

Als Zielgruppen für digitale Lösungen hat die Joseph-Stiftung jedoch nicht nur ältere Menschen im Blick, sondern auch Studierende. Das Unternehmen betreibt zwölf Studentenwohnheime, die mit 1.750 Wohneinheiten knapp ein Drittel des Portfolios ausmachen. "Bei den Studenten können wir von einer hohen digitalen Affinität ausgehen", sagt Dr. Wolfgang Pfeuffer. Entsprechend hat die Joseph-Stiftung zusammen mit der Aareon AG ein Konzept entwickelt, das den Mietzyklus weitgehend digital abwickelt: Der Mietvertrag wird online abgeschlossen, die Kommunikation mit den studentischen Mietern verläuft online und bei Wohnungsabnahmen und -übergaben kommen mobile Services zum Einsatz – besonders wichtig, da zum Semesterbeginn täglich bis zu 200 Mieterwechsel zu bewältigen sind.

In der zweiten Stufe des Projekts ist unter anderem geplant, die Mietkaution gegen eine digitale Bürgschaft an einen externen Dienstleister auszulagern und die Immatrikulationsbescheinigungen automatisiert zu verifizieren. Nach Abschluss des Projekts "Digitale Services für Studenten" soll das CRM-Portal auch für Mieter der regulären Wohnungen geöffnet werden. Ein digitales Angebot unterbreitet die Joseph-Stiftung außerdem bereits seit 2011 ihren Kunden in der WEG-Verwaltung: Den Eigentümern stehen Abrechnungen, Protokolle und weitere Informationen online zur Verfügung.

Unternehmensabläufe im Blick

Digitale Prozesse hat die Joseph-Stiftung jedoch nicht nur für ihre Endkunden aufgesetzt, sondern auch innerhalb des Unternehmens und im Verhältnis zu anderen Unternehmen. Seit Sommer 2015 wird der Postverkehr digitalisiert. Um das Thema Building Information Modeling (BIM) anzugehen, hat die Joseph-Stiftung eine Zusammenarbeit zwischen einer Tochtergesellschaft und Aareon vereinbart. Und die eigens von der Joseph-Stiftung entwickelte Software Ebkon (Elekronische Bestandskontrolle) liefert Lösungen für Verkehrssicherungspflichten. Über die Tochterfirma Fidentia ist Ebkon zu einem cloudbasierten System entwickelt worden, das eine Servicepalette rund um das Thema Verkehrssicherungspflichten umfasst. 43 Wohnungsunternehmen mit einem Bestand von ca. 170.000 Wohnungen wenden Ebkon an.

Eine weitere Besonderheit der Joseph-Stiftung ist, dass sie auch als Geschäftsbesorgerin fungiert. Derzeit sind es neben zwei GmbHs fünf Genossenschaften, die ihre Geschäfte von der Joseph-Stiftung besorgen lassen. Für diese Kunden ist das Modell der digitalen Genossenschaft gedacht: Die Joseph-Stiftung hat die Prozessroutinen bei den Geschäftsbesorgungsverträgen vereinheitlicht, so dass Verträge ohne zusätzlichen personellen Aufwand übernommen werden können.

Es dürfte schwer fallen, ein vergleichbares Wohnungsunternehmen zu finden, das die Digitalisierung in so viele unterschiedliche Richtungen bespielt. Am Ziel sieht sich die Joseph-Stiftung trotzdem noch nicht: Weitere Vorhaben sind in Planung – darunter ein Projekt im Bereich "Smart Meter Gateway".

Die beiden anderen Preisträger sind die HWB und die WBG Treptow Nord eG.

Autor: Christian Hunziker, freier Journalist

Dieser Artikel erscheint in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 8/2016.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Auszeichnung

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