22.07.2016 | Top-Thema DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft 2016

HWB setzt Willkommenskultur in der Vermietung um

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Das Video stellt das preisgekrönte Konzept der Hofheimer Wohnungsbau GmbH vor
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Die Hofheimer Wohnungsbau GmbH sieht sich als kommunales Wohnungsunternehmen in der Pflicht, Flüchtlinge unterzubringen. Das Unternehmen hat dafür ein Gesamtkonzept entwickelt, in dem jeder Schritt des Vermietungsprozesses an die neue Zielgruppe angepasst ist. Es gehört deshalb zu den Preisträgern des diesjährigen DW-Zukunftspreises der Immobilienwirtschaft.

1,1 Mio. Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr nach Deutschland. Der Zustrom hat sich zwar stark vermindert, aber die politische "Großwetterlage" lässt vermuten, dass dies nicht von Dauer ist.
Die Menschen müssen versorgt und betreut werden, und vor allem brauchen sie ein Dach über dem Kopf. Viele, vor allem Syrer, Eritreer und Iraker, haben eine langfristige Bleibeperspektive. Mit ihrer Anerkennung haben sie nicht nur das Recht, sondern auch die Verpflichtung, aus den Gemeinschaftsunterkünften auszuziehen und eine eigene Wohnung anzumieten.

Ende 2015 hatte die Stadt Hofheim mit rund 40.000 Einwohnern fast 400 Asylbewerber aufgenommen. 2016 könnten es 300 weitere werden. Die Hofheimer Wohnungsbau GmbH (HWB), die rund 1.700 Wohnungen im Bestand hat, sieht sich als kommunales Wohnungsunternehmen in der Pflicht, Flüchtlinge unterzubringen, und hat dafür ein Gesamtkonzept entwickelt, das vor der ersten Wohnungsbesichtigung einsetzt und über den Abschluss des Mietvertrages hinausreicht.

"Wir wollen dafür sorgen, dass Flüchtlinge gute Nachbarn und zufriedene Mieter werden", sagt Corinna Firle, die im sozialen Management der HWB für die neue Kundengruppe zuständig ist.

Im letzten Halbjahr sind acht Wohnungen an 20 Flüchtlinge, Einzelpersonen und Familien, vermietet worden. Das seien 10 Prozent der Wohnungen, die im selben Zeitraum vergeben wurden. Die Stadt rechnet damit, in diesem Jahr für etwa 100 weitere anerkannte Flüchtlinge Wohnungen beschaffen zu müssen. "Das können nicht wir allein stemmen, wir haben kaum Leerstand", sagt Firle. Einige Bauprojekte seien aber in fortgeschrittenem Planungsstadium, und die Stadt habe um das Engagement der HWB gebeten.

Die Hofheimer Wohnungsbau GmbH (HWB) passte ihre Vermietungsprozesse an

Da die Flüchtlinge dem üblichen Vermietungsprozessen aufgrund sprachlicher und interkultureller Hürden häufig nicht gewachsen sind, wurde jeder Schritt an die neue Zielgruppe angepasst. "Wir haben dafür seit 2015 Erfahrungen aus allen Abteilungen zusammengetragen", sagt Firle. 

Zu den ersten Maßnahmen gehörte, dass das Soziale Management von einem auf drei Mitarbeiter ausgebaut wurde. Um eine Vertrauensbasis zu schaffen, besuchte die Abteilung einen Sprachkurs Arabisch für Anfänger und eine Fortbildung zur Einführung in die "Leichte Sprache", um den Zugang für Mieter mit geringen Deutschkenntnissen oder Lernschwierigkeiten zu erleichtern. Mitarbeiter im Kundenservice werden in interkultureller Kompetenz geschult.

Die HWB ist in verschiedenen Flüchtlingsnetzwerken aktiv. Über das Projektteam "Asyl und Integration" mit Vertretern der Stadt erfolgt ein intensiver Austausch mit den hauptamtlichen Mitarbeitern von Jobcenter, Wohnungsamt, Familienberatung sowie den ehrenamtlichen Asylkoordinatoren und –helfern. Sechs Asylkreise arbeiten in Hofheim in der ehrenamtlichen Betreuung von Flüchtlingen, auf die die HWB für Begleitdienste, Behördengänge, Übersetzungen sowie für Patenschaftsmodelle zurückgreifen kann.  
Die Ehrenamtlichen unterstützen bei der Beantragung des Wohnberechtigungsscheins, dem Ausfüllen des Interessentenbogens und der Beschaffung aller Unterlagen, die für die Anmietung einer Wohnung notwendig sind. Auch beim Eingangsgespräch zwischen dem Mieterservice und dem Interessenten und bei der Wohnungsbesichtigung helfen und übersetzen sie. Auf die sonst übliche erneute "Interessensbekundung" während der Wartezeit bis zur ersten Wohnungsbesichtigung verzichtet die HWB.  

Einladungen zur Wohnungsbesichtigung werden bei Flüchtlingen persönlich ausgesprochen und zusätzlich per Brief weitergegeben. "Damit stellen wir sicher, dass die Einladung den Adressaten auch erreicht und von ihm verstanden wird, denn Gemeinschaftsunterkünfte haben zumeist gemeinsame Briefkästen", erklärt Firle.

Auch die Wohnungszusage erfolgt persönlich und schriftlich. Vorher wird die Eignung des Interessenten nochmals geprüft. „Wir wollen sicherstellen, dass der Interessent wirklich zu der Wohnung und der Hausgemeinschaft passt, um späteren Konflikten vorzubeugen“, so Firle.

Hilfe während des Mietverhältnisses

Mit Abschluss des Mietvertrags nimmt der direkte Kontakt zwischen Mieter und Vermieter normalerweise ab. Nicht so bei Flüchtlingen. Hier ist gerade in der Anfangszeit der Unterstützungsbedarf groß. Denn mit dem Auszug aus den Gemeinschaftsunterkünften endet auch die Betreuung durch einen Sozialarbeiter des Landkreises.
"Wir helfen beim Antrag zur Wohnraumausstattung beim Jobcenter, leiten Möbelangebote von privaten Spendern weiter, unterstützen bei Behördengängen und allen Wohnungsangelegenheiten wie z. B. der Stromanmeldung", sagt Firle. Besonders wichtig für ein konfliktfreies Mietverhältnis sei die Erläuterung von deutschen Gepflogenheiten und Regeln, von der Mülltrennung über Ruhezeiten, Wäsche waschen bis zum Heizen und Lüften. "Es gibt mehrsprachige, leicht verständliche Infoblätter, aber auch hier setzen wir zumeist auf persönliche Gespräche", berichtet Firle.

Die HWB hat eine Reihe gemeinschaftsfördernder Angebote im Programm. Dazu gehören Nachbarschaftsfeste, ein wöchentliches Suppenessen, Spiel- und Bastelnachmittage für Kinder, Handarbeitstreffs für Erwachsene. Da für Flüchtlinge die Hemmschwelle hoch ist, sorgt das Unternehmen dafür, dass die neuen Mieter anfangs persönlich eingeladen werden.
"Mit unserem Konzept soll sichergestellt werden, dass Flüchtlinge sich in ihrer neuen Wohnung und dem neuem Wohnumfeld wohl und zu Hause fühlen, Haus- und Quartiersgemeinschaften die neuen Mieter akzeptieren und ein langfristiges, für alle Seiten zufriedenstellendes Mietverhältnis entsteht", sagt Geschäftsführer Norman Diehl.

Die beiden anderen Preisträger sind die Joseph-Stiftung Bamberg und die WBG Treptow Nord eG.

(Autorin: Sabine Richter, freie Journalistin)

Dieser Artikel erscheint in der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft, Ausgabe 8/2016.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Auszeichnung

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