13.04.2017 | Stadtplanung

Drewitz: Gartenstadt im Plattenbau

Konrad-Wolf-Park und Promenade bilden ein „Grünes Kreuz“
Bild: Stadt - Land - Fluss

Drewitz galt lange Zeit als städtebauliches Ärgernis in Potsdam. Wohnungswirtschaft und Stadtverwaltung wussten nichts mit dem Gebiet anzufangen. Doch die jahrelange Ideensuche trug schließlich Früchte und die Großsiedlung Drewitz bekam eine zweite Chance – als modern interpretierte Gartenstadt.

Der Stadtteil Drewitz im Süden von Potsdam macht den Eindruck, als hätte man zum Ende der DDR in Eile noch ein Stück „real existierenden Sozialismus“ hinklotzen wollen. Zwischen 1986 und 1990 entstanden unter dem Diktat von rechtem Winkel und Mangelwirtschaft fast 3.000 Wohnungen. Jedes der Gebäude gleicht dem anderen in Höhe, Farbe und Fassadenbild; auch im Inneren bieten sie Einerlei. Jedes Haus gehört zum gleichen Bautyp, angeordnet in kantigen Mäandern links und rechts einer überbreiten Hauptstraße. Die letzten in der Wende nicht mehr fertiggestellten Gebäude hat man nach langer Pause erst 1991 fertiggebaut.

Plattenbausiedlung Drewitz: Die Sozialstruktur veränderte sich

Obwohl sie schon mit Westgeld finanziert wurden, konnten auch sie die Wucht der Monotonie kaum mindern, das städtebauliche Ärgernis nicht reparieren. Und es kam noch schlimmer: Als 1997 in der Nachbarschaft eines der größten Brandenburger Einkaufscenter eröffnete, sog es die Kaufkraft der Drewitzer auf. Die wenigen Läden entlang der wichtigsten Straße machten dicht. Der gerade erst aufwändig überdachte Marktplatz verwaiste.

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Wenig später begann die soziale Erosion des Stadtteils: Viele der bisher für Drewitz typischen finanziell gut ausgestatteten Familienhaushalte und gut verdienende Paare zogen fort. Ihren Platz nahmen Familien ein, zu deren Alltag schlecht bezahlte Jobs oder gar Arbeitslosigkeit gehörten. Gewachsene Nachbarschaften bröckelten, die Menschen wurden einander fremd. Der Ton wurde rauer und Fälle von Drogenmissbrauch, Gewalt und Vandalismus häuften sich. Den Problemen stand eine völlig unzureichende soziale Infrastruktur gegenüber: Zwar gab es schon damals ausreichend Schulen und Kitas, aber keinerlei Beratungsangebote, Möglichkeiten der Weiterbildung oder Arbeitsförderung, nicht einmal einen Ort, wo sich Nachbarn in ihrer Freizeit treffen konnten.

Das Gebiet schien chancenlos - sogar der Abriss stand im Raum

Potsdams Wohnungswirtschaft, aber auch die Stadtverwaltung wussten lange nichts mit dem Standort anzufangen. Eingeklemmt zwischen Autobahn und Einkaufscenter erschien das Gebiet chancenlos. Zeitweise dachte man sogar über Abriss nach, aber wegen der herrschenden Wohnraumknappheit erschien ein Rückbau nicht sinnvoll.

Gegen Ende der ersten Dekade der 2000er zeichnete sich ab, dass die in die Jahre gekommenen Wohnhäuser modernisiert werden müssen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam die Frage auf, wie und wohin die Wohnungswirtschaft die Drewitzer Bestände entwickeln will. Wie können 3.000 Wohnungen in einem städtebaulich unzulänglichen, sozial verworfenen und infrastrukturell defizitären Stadtteil zukunftsfähig entwickelt werden? Und wie kann der Stadtteil aufgewertet werden, ohne dabei die angestammte Bewohnerschaft zu verdrängen?

Wohnungsunternehmen ergreifen Initiative

Die kommunale Immobilienholding ProPotsdam GmbH, die mit rund 1.600 Wohnungen der größte Eigentümer in Drewitz ist, stieß 2009 den Umbau der Siedlung an. Nach jahrelanger Ideensuche, die das Unternehmen in Kooperation mit verschiedenen Hochschulen interdisziplinär vorangetrieben hatte, gab der bundesweite Wettbewerb „Energetische Sanierung von Großsiedlungen auf der Grundlage von integrierten Stadtentwicklungskonzepten“ den letzten Anstoß, Nägel mit Köpfen zu machen: Die ProPotsdam ließ für den Stadtteil ein Entwicklungskonzept erarbeiten, das für das „defekte“ Quartier eine grüne Zukunft als modern interpretierte Gartenstadt vorsieht.

Die energetische Sanierung der Gebäude sollte mit einem radikalen Umbau des Freiraums und des Verkehrssystems verbunden werden.

Die Begrünung von Straßen, der Neubau von Wohnungen und die Schaffung adäquater sozialer Infrastruktur waren die wichtigsten Bausteine dieses Konzepts.
Unter dem Titel „Energetisch stark – energisch grün“ wurde es von der Wettbewerbsjury für gut befunden. Ihrer Empfehlung zur Umsetzung folgten die Stadtverordneten der Landeshauptstadt Potsdam im Januar 2010 und fassten einstimmig einen entsprechenden Beschluss. Allerdings war die Realisierung leichter empfohlen und schneller beschlossen als getan. Denn vor Ort schlug das Konzept erst einmal hohe Wellen. Besonders erregte es die Gemüter der fast 6.000 Drewitzer, dass anstelle der Hauptstraße und der zahlreichen Pkw-Stellplätze ein Park angelegt werden sollte. Die harsche Kritik, die sich in Veranstaltungen tumultartig ausdrückte, und ein paar kommunikative Ungeschicktheiten gefährdeten das Projekt, ehe es richtig starten konnte. Ein aufwändiges, vierstufiges Werkstattverfahren half, die Situation zu entschärfen. Es vereinte ab November 2010 Bewohner, Wohnungsunternehmen, Gewerbetreibende, Lokalpolitiker und Planer. Gemeinsam erarbeiteten sie einen Masterplan und eine Vorstellung, wie die Gartenstadt Drewitz tatsächlich aussehen sollte. Dabei machten Planer und Politiker die Erfahrung, dass die Bewohner Lösungen vorschlugen, an die sich die Planer aus Angst vor der Reaktion der Bewohner nie herangewagt hätten. Durch die Wahl einer Bürgervertretung und die Schaffung von Gremien, in denen die Bewohner Platz und Stimme hatten, konnte die Mitarbeit der Drewitzer bis heute gesichert werden.

Gartenstadt Drewitz: Park statt Hauptverkehrsstraße

Konrad-Wolf-Allee ohne Park 2012
Bild: ProPotsdam, Foto: Ulf Böttcher

Die Umwandlung der überdimensionierten Drewitzer Hauptverkehrsstraße Konrad-Wolf-Allee in einen Park mit Naherholungsfunktion ist das Schlüsselprojekt des Entwicklungskonzeptes. Der Park bietet unter dem Motto „Bewegte Wege“ eine Folge von Erlebnisräumen mit Kletterfelsen, generationenübergreifenden Spiel- und Sportangeboten sowie einem Wasserspiel. Um ihn zu errichten, wurden 2,5 ha Fahrbahn entsiegelt und anstelle der Straße 133 Bäume gepflanzt. Hinzu kamen 22.500 Sträucher und 2.700 Stauden. Die Anlage wird ergänzt durch eine grüne Promenade, die in nordwestlicher Richtung verläuft und den Konrad-Wolf-Park im rechten Winkel kreuzt. Sie verbindet die beiden Stadtteilhälften, die einst durch die Hauptstraße getrennt waren. Die verkehrsberuhigte Promenade ordnet die Wegebeziehungen neu, sie wird zur Hauptachse, um zum Park, zur Tram oder zu den Einkaufsmöglichkeiten im Stadtteil zu gelangen. Da, wo sich die Achsen des Parks und der Promenade kreuzen, ist ein Stadtplatz mit Wasserspiel und Spielplatz entstanden. Demnächst wird hier ein Café gebaut.

Mit dem „Grünen Kreuz“ wurden die Lärm- und Schadstoffemissionen im Stadtteil erheblich vermindert und die klimatische Situation verbessert.

Zugleich wurde die Wohnbebauung entlang des ehemaligen Straßenverlaufs aufgewertet: Aus einer der bisher ungünstigsten wurde so eine der besten Wohnlagen im Gebiet.

Verkehrsberuhigung: Wohnen statt rasen

Um die Hauptstraße in eine Grünanlage umzubauen, war die grundlegende Neuordnung des ruhenden und fließenden Verkehrs erforderlich. Zu diesem Zweck wurde der Durchgangsverkehr für Kraftfahrzeuge weitgehend unterbunden: Es ist zwar nicht unmöglich, die Siedlung zu durchqueren, aber es ist unbequem und setzt die Kenntnis des Gebietes voraus. Im Ergebnis verringerte sich das Aufkommen des Autoverkehrs um 37 Prozent. Auch die zahlreichen Stellplätze mussten weichen, was die Einführung einer Parkraumbewirtschaftung erforderte. Auch sie trägt erheblich zur Verkehrsberuhigung bei: Weil jeder seinen Platz sicher hat, entfällt jeder Suchverkehr. Das dient gleichermaßen der Verkehrssicherheit und der Verringerung des CO2-Ausstoßes. Das Konzept selbst wurde von Vertretern der Potsdamer Stadtverwaltung, der Bürgervertretung Drewitz und der ProPotsdam GmbH erarbeitet. Die Vergabe der Stellplätze erfolgt nach sozialen Kriterien, wie Anzahl der Kinder im Haushalt, Behinderungen, altersbedingte Beeinträchtigung oder auch Wohndauer.

Konrad-Wolf-Allee mit Park 2014
Bild: ProPotsdam, Foto: Adam Sevens

Der im Juni 2014 eröffnete Konrad-Wolf-Park hat alle Funktionen der öffentlichen Naherholung aufgenommen, die bislang auf die verschiedenen Wohnhöfe verteilt waren. Künftig müssen nicht mehr alle Höfe allen Bewohnern des Gebietes offenstehen. So wurde der Weg frei zu deren Umwandlung in private und halbprivate Bereiche, die den Mietern der umgebenden Wohnbebauung vorbehalten bleiben. In den geschützten Höfen entstehen nach und nach Einzel- und Gemeinschaftsgärten, die Identität, Kommunikation und Integration fördern.
Die Gartenstadt Drewitz schafft einen barrierefreien und leistungsstarken Stadtraum. Mit der Anlage des aus Park und Promenade bestehenden „Grünen Kreuzes“ werden mehr als 1.000 Wohnungen an ein barrierefreies Wegesystem angeschlossen, das Einkaufsmöglichkeiten, Haltestellen des Nahverkehrs, Gastronomie, Arztpraxen und grüne Erholungsbereiche miteinander verbindet. Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen können hier ihren Alltag ohne fremde Hilfe organisieren, weil alles barrierefrei zu erreichen ist.

Gartenstadt Drewitz: Bonusprogramm für autofreies Wohnen

So macht die Gartenstadt Drewitz das Wohnen ohne Auto möglich und attraktiv. Die überzeugenden neuen Qualitäten des Wohnortes gestatten es nun, das Wohnen ohne ein eigenes Auto aktiv zu bewerben. Die ProPotsdam GmbH setzt diese Idee exemplarisch um und unterbreitet seit 2012 ein Vermietungsangebot, das Wohnen und Mobilität miteinander verbindet: Neumieter einer Ein- oder Zwei-Raum-Wohnung erhalten zum Mietvertrag ein Jahresticket für Bus und Tram. Seit Beginn der Einführung des Bonusprogramms wurden mehr als 160 solcher Mietverträge abgeschlossen.

Umfangreiche Gebäudesanierungen

Die städtebauliche Intervention wird begleitet von umfänglichen Investitionen in die Sanierung der Wohngebäude. Etwa 600 Wohnungen wurden bislang energetisch und sozialverträglich saniert. Der ProPotsdam gelingt es, energetisch ertüchtigte, barrierefrei und mit Aufzug erschlossene Wohnungen für 5,50 Euro/Quadratmeter Miete anzubieten. Das Angebot überzeugt und bindet die Mieter: In 90 Prozent der sanierten Wohnungen der ProPotsdam leben auch nach der Sanierung Mieter, die schon vor Beginn der Baumaßnahme im Stadtteil lebten. Das Versprechen, die Bewohner durch die Entwicklung des Stadtteils nicht zu verdrängen, wird damit eingelöst. Nachdem die Potsdamer Wohnungsgenossenschaften die Sanierung ihrer Bestände in Drewitz größtenteils abgeschlossen haben, ziehen nun auch die privaten Unternehmen nach und beginnen 2017, ihre Bestände zu modernisieren. Bis 2025, so die aktuelle Schätzung, werden die Investitionen eine Höhe von mehr als 300 Millionen Euro erreicht haben.
Energetisch saniert wurde auch die soziale Infrastruktur. Dabei sollte sich die Sanierung der Grundschule als Glücksfall erweisen. Hier wurde eine Stadtteilschule geschaffen, die unter ihrem Dach Schule und Begegnungshaus vereint.

Das Gebäude der Stadtteilschule beherbergt auch das Begegnungszentrum Oskar
Bild: ProPotsdam, Foto Adam Sevens

Durch die Umnutzung von Kellerräumen und eine geschickte Erweiterung von Nebenflächen entstanden großzügige Räume für das nachbarschaftliche Leben: Werkstatt, Küche, Multimedia-Raum und Räume für Aktionen, Begegnung und Beratung. Schließlich bekam damit der Stadtteil auch einen Saal für Bewohnerversammlungen und kulturelle Veranstaltungen. Möglich wurde diese Investition durch das Förderprogramm „Soziale Stadt“. Die „Gartenstadt“ verwirklicht sich nicht nur in investiven Projekten, sondern inzwischen auch in vielen gemeinschaftlichen und privaten Einzelprojekten, etwa mit der ehrenamtlichen Fahrradwerkstatt im Begegnungszentrum, der Initiative zur Einrichtung eines Gemeinschaftsgartens oder den „Grünen Patenschaften“, einer Aktion, bei der sich Bewohner und Gewerbetreibende für die Schaffung und Pflege von Grünanlagen engagieren. Die zwischen Wohnungsunternehmen, Stadtverwaltung und Bürgervertretung abgestimmte Öffentlichkeitsarbeit umfasst die regelmäßig veröffentlichten Rapporte über das aktuelle Baugeschehen, die Stadtteil- und Mieterzeitungen sowie projektbezogene digitale Medien. Sie ergänzen die kleinteilige Kommunikation vor Ort, die in dem jährlich stattfindenden Gartenstadtfest einen Höhepunkt findet.

Klimaschutz: CO2-Ausstoß deutlich verringert

Die Maßnahmen zur Schaffung einer neuen „Gartenstadt“ bringen Grün in den Stadtteil, schaffen Freiraum und gesunde Luft, bieten Orte zum Ausruhen und brechen  Asphaltflächen auf. 2014 wurden in der Gartenstadt Drewitz 775 t CO2 weniger als noch fünf Jahre zuvor ausgestoßen, 2025 werden es sogar 3.046 t weniger sein. Das Energie- und Klimaschutzkonzept prognostiziert eine Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2050 um 87 Prozent. Der Endenergieverbrauch soll bis dahin halbiert werden. Die Landeshauptstadt konnte 2014 für die Entwicklung der Gartenstadt den Preis Kommunaler Klimaschutz entgegennehmen, die beteiligten Architekten wurden beim Deutschen Städtebaupreis 2014 gewürdigt. Außerdem war die Siedlung Bestandteil eines Forschungsprojekts. Klimaschutz und Energieeffizienz schließen sich also nicht gegenseitig aus.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Wohnungsbau

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