Seit Jahren setzt die Joseph-Stiftung eine umfassende Digitalisierungsstrategie um. Dabei rückt das kirchliche Wohnungsunternehmen stets den Menschen in den Fokus und beteiligt die Mitarbeiter am Transformationsprozess. Erster Teil der dreiteiligen Serie über die Gewinner des DW-Zukunftspreises 2019.

Eine so breite Palette an Digitalisierungsmaßnahmen hat das in Bamberg ansässige Wohnungsunternehmen durchgeführt oder in Umsetzung, dass es schwerfällt, eine Auswahl zu treffen. Ein umfangreiches, auf digitale Mittel setzendes Schulungsprogramm für die Mitarbeiter gibt es ebenso wie die Möglichkeit, mithilfe des Tablets überall zu arbeiten. Eine virtualisierte Serverlandschaft hat das Wohnungsunternehmen mit seinen rund 170 Mitarbeitern eingeführt; im Bauträgergeschäft nutzt es die Möglichkeiten von Virtual Reality, und für seine studentischen Mieter hat es den Vermietungsprozess komplett digitalisiert.

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Preisverleihung in Garmisch- Partenkirchen (v. l.): Jurypräsident Prof. Franz Josef Radermacher, Jürgen Nitschke und Dr. Wolfgang Pfeuffer von der Josph-Stiftung sowie GdW-Präsident Axel Gedaschko

Kein Wunder, dass der mit dem Zukunftspreis ausgezeichnete Beitrag der Joseph-Stiftung einen ungewöhnlich langen Titel trägt: "Heute die Arbeitsplätze von morgen schaffen. Mitarbeiter befähigen und begeistern – das Unternehmen zukunftsfähig machen". Das zeigt, dass Digitalisierung für die Joseph-Stiftung mehrere Aspekte hat: Es geht ihr um eine Unternehmenskultur, die digitale Arbeitswelten zulässt und fördert, es geht um das Engagement in der Weiterbildung (nicht zuletzt, um Abstiegsängste zu bekämpfen); und es geht um moderne ERP-Systeme, die das Andocken weiterer digitaler Lösungen und auch die Kooperation mit Startups erlauben.

Digitalisierung ist Chefsache

Mit diesem umfassenden Engagement dürfte das Bamberger Unternehmen zu denjenigen Akteuren der Wohnungswirtschaft zählen, die als Erste die Tragweite der Digitalisierung erkannt haben. "Wir haben schon vor etwa acht bis zehn Jahren begonnen, uns intensiv mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen", sagt Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung.

"Digitalisierung ist bei uns Chefsache. Die Verantwortung für alle Digitalisierungsthemen liegt bei mir." Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung

Darüber hinaus gibt es das Referat Innovation und Wissen, das bei der Etablierung von digitalen Entwicklungen hilft und Wissen im Unternehmen transparent aufbereitet. Dabei steht die Joseph-Stiftung – wie alle Unternehmen, die sich ernsthaft mit der Digitalisierung befassen – vor der Aufgabe, die Mitarbeiter auf dem anspruchsvollen Weg der digitalen Transformation mitzunehmen.

DW-Zukunftspreis: Arbeitsplätze von morgen - Digitale Transformation - Future-Skills-Framework
Die Anforderungen an Mitarbeiter werden in Zukunft andere sein als heute

Wie gelingt das in Bamberg? Durch den zeitig eingeleiteten Prozess der Digitalisierung hätten sich die Beschäftigten früh an den mit der Digitalisierung verbundenen Veränderungsdruck gewöhnt, antwortet Vorstandssprecher Pfeuffer. Unterstützt wird die Belegschaft durch ein Programm zur digitalen Transformation, das die Joseph-Stiftung im Winter 2018 mit Unterstützung der Aareon AG aufgesetzt hat. Dessen Ziel ist es, die Digitalkompetenz auszubauen und das Mindset zu verändern. "Dabei arbeiten wir mit Workshops, die sich einzelnen Aspekten der Digitalisierung widmen", erläutert Pfeuffer.

"In Arbeitsgruppen arbeiten digital Begeisterte mit Kollegen zusammen, die eher zurückhaltend sind. Auf diese Weise ist es uns gelungen, fast alle Mitarbeiter auf dem Weg der Digitalisierung mitzunehmen." Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung

Mitarbeiter halten und gewinnen

Allerdings verhehlt der Vorstandssprecher nicht, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt grundlegend verändern wird. "Künstliche Intelligenz wird manche hergebrachten Jobprofile überflüssig machen", erklärt er. "Sicher werden wir nicht beispielsweise jede Buchhaltungskraft zu einem guten Kundenbetreuer umschulen können. Aber wir wollen diesen Änderungsprozess sozialverträglich gestalten."

Großen Wert legt die Joseph-Stiftung zudem darauf, ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten. Ein Beispiel: Ein erheblicher Teil der Mitarbeiter hat das Recht, auch im Home Office, im Café oder an irgendeinem anderen Ort zu arbeiten – Hauptsache, die Aufgaben werden erledigt. "Der Anteil dieser Arbeitsverträge nimmt weiter zu", sagt Pfeuffer. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Beschäftigten von überallher Zugriff auf die Daten haben. Dabei hilft, dass rund 55 Tablets für den ortsunabhängigen Einsatz zur Verfügung stehen. Auch softwaremäßig sind die Voraussetzungen für eine umfassende Zusammenarbeit erfüllt; so hat das Unternehmen zum Beispiel Microsoft SharePoint als multifunktionale Arbeitsplattform implementiert.

DW-Zukunftspreis: Arbeitsplatze von morgen - Digitale Transformation - Wandel und Unternehmenskultur
Viele verschiedene Maßnahmen tragen zum Erfolg des digitalen Transformationsprozesses bei der Joseph-Stiftung bei

Eine weitere Maßnahme, die dazu beiträgt, das Arbeiten bei der Joseph-Stiftung attraktiv zu machen, ist der Digital Co-Worker. "Dabei handelt es sich um ein am Markt verfügbares Softwareprogramm, das sich gut für das Massengeschäft eignet", erläutert Pfeuffer. Das zahlt sich etwa dann aus, wenn ein Mieter eine andere Bankverbindung bekommt und das SEPA-Mandat in allen relevanten Dokumenten geändert werden muss. "Während ein Mitarbeiter für eine solche Aufgabe vielleicht 15 bis 20 Minuten benötigt, hat es der Digital Co-Worker in zwei Minuten geschafft", sagt er.

Neben den bisherigen Beschäftigten hat das Unternehmen auch zukünftige Mitarbeiter im Blick. Insofern sei die Digitalisierungsstrategie "auch ein Mittel der Mitarbeitergewinnung", betont der Vorstandssprecher.

"Wir setzen auf junge Leute, die eine neue Denke mitbringen und ein hohes Maß an digitaler Affinität aufweisen." Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung

Bei diesen jungen Leuten muss es sich nicht zwingend um Immobilienkaufleute handeln: Auch Diplom-Politologen, BWL-Absolventen und andere Fachleute hat die Joseph-Stiftung für sich gewonnen.

Neue Ideen sind gefragt

Bei alledem strebt die Joseph-Stiftung das an, was immer einen zentralen Teil der Digitalisierung ausmacht: Die Belegschaft soll sich aktiv einbringen und nicht bloß vorgegebene Aufträge abarbeiten.

"Wir wollen erreichen, dass die Mitarbeiter ihre Tätigkeit hinterfragen und Vorschläge für bessere Lösungen unterbreiten." Dr. Wolfgang Pfeuffer, Vorstandssprecher der Joseph-Stiftung

Deshalb sei das Unternehmen dabei, ein innerbetriebliches Vorschlagswesen aufzubauen. Stellt sich die Frage, was Wohnungsunternehmen, die sich bisher nicht intensiv mit den Herausforderungen der Digitalisierung befasst haben, vom kirchlichen Wohnungsunternehmen aus Oberfranken lernen können. Darauf hat Pfeuffer, der auch den Arbeitskreis Digitalisierung für kleine und mittlere Unternehmen beim VdW Bayern leitet, ebenfalls eine Antwort: Er empfiehlt, zunächst die tiefhängenden Früchte zu pflücken, also die wenig komplizierten Aufgaben anzugehen. "Ganz wichtig" sei es dabei, "ein digitales Archiv als Grundlage für die weiteren Digitalisierungsschritte anzulegen".

Dieser Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 08/2019.


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