Die Städtische Wohnungsgesellschaft Bremerhaven ist überzeugt, dass Wohngebäude aus den 1950er Jahren besser sind als ihr Ruf. Welches Potenzial in den auf den ersten Blick unattraktiven Schlichtbauten steckt, hat sie bei einem Projekt in der Neuelandstraße bewiesen. Dafür ist sie mit dem Deutschen Bauherrenpreis 2018 und dem Bremer Wohnbaupreis ausgezeichnet worden.

Man muss schon ziemlich genau hinschauen, um zu merken, dass es sich bei der Wohnanlage in der Neuelandstraße 76-84/An der Pauluskirche 3-5 in Bremerhaven um ein Ensemble aus den 1950er Jahren handelt. Die verglasten, auf Betonstützen in Form eines umgekehrten V ruhenden Laubengänge, die großzügigen Balkone, die Mietergärten, die Solarpaneele auf dem Dach und der begrünte Innenhof mit dem Gemeinschaftshaus – all das vermittelt den Eindruck einer Wohnadresse, die allen Ansprüchen heutiger Mieter genügt.

Auch unabhängige Experten sind sehr angetan von dem, was das Unternehmen da geleistet hat: Kurz hintereinander ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft von Bremerhaven (Stäwog) für ihr auf den Namen Living Streets getauftes Projekt mit dem Deutschen Bauherrenpreis (Kategorie "Revitalisierung von Wohnsiedlungen") und dem Bremer Wohnbaupreis ausgezeichnet worden.

Aus dem eher unscheinbaren Schlichtbau aus den 1950er Jahren wurde eine moderne Wohnanlage mit zeitgemäßem Komfort

Der Name "Living Streets" bezieht sich auf ein zentrales Element der Umgestaltung, nämlich die verglasten Laubengänge. Diesen Begriff verwendet Stäwog-Geschäftsführer Sieghard Lückehe eigentlich nicht so gerne, da Laubengänge seiner Ansicht nach sozial stigmatisiert und zudem im rauen Nordseeklima bauphysikalisch nicht unproblematisch sind. Um letzteres Problem zu lösen, entschieden sich die Planer um Stäwog-Chefarchitekt Hans-Joachim Ewert dafür, die Erschließungsgänge zu verglasen und so vor Wind und Wetter zu schützen. Außerdem rückte Ewert die Laubengänge von der Fassade ab, sodass zwischen Fassade und äußerer Erschließung ein Zwischenraum entstand.

Laubengänge werden zum Treffpunkt

Und warum nun Living Streets, also Wohnstraßen? Weil die Laubengänge dazu beitragen, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. "Die Bewohner können in Puschen zu ihren Nachbarn gehen", formuliert es Architekt Ewert. Außerdem sind die Laubengänge so breit, dass sie genügend Platz für Blumentöpfe und Sitzgelegenheiten bieten. Damit haben sie nicht nur eine Erschließungsfunktion, sondern werden zum Treffpunkt für die Hausgemeinschaft, die mehrheitlich aus älteren Personen besteht.

"Es ist ein halböffentlicher Raum für die Mieter entstanden", Sieghart Lückehe, Geschäftsführer der Stäwog

Darüber hinaus ermöglichen es die Laubengänge, die insgesamt 54 Wohnungen kostengünstig mit Aufzügen zu erschließen. Nötig sind auf diese Weise nämlich nur zwei Fahrstühle, an die jeweils 30 beziehungsweise 24 Wohnungen angebunden sind. Dadurch sind die Wohnungen auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erreichbar. Zwölf Einheiten sind sogar barrierefrei nach DIN und damit für Rollstuhlfahrer geeignet.

Die neue Eingangshalle mit dem gläsernen Aufzug

Nachhaltigkeit

Das beweist nach Darstellung von Hans-Joachim Ewert, dass es sich bei der Meinung, Bauten aus den 1950er Jahren könnten nicht oder nur mit enormem Aufwand barrierefrei umgebaut werden, um ein Vorurteil handelt. Auch sonst sehen Ewert und Lückehe in ihrem preisgekrönten Objekt den Beweis dafür, dass Schlichtbauten aus den Nachkriegsjahren keineswegs zum Abbruch bestimmt sein müssen, sondern lohnende Sanierungsobjekte sein können. So sei es zum Beispiel entgegen einer weit verbreiteten Auffassung durchaus möglich, den Schallschutz zu verbessern, sagt Ewert.

"Wir haben die gesamte Haustechnik und alle Leitungen erneuert und komplett schallentkoppelt. Die Böden wurden mit einer neuen Trittschalldämmung und neuem Estrich aufgefüttert. Es wäre viel zu schade, die Altbauten aus den 1950er Jahren abzureißen und zu schreddern", Hans-Joachim Ewert, Stäwog-Chefarchitekt

Denn zum einen hätten sie in der Gesamtbetrachtung (also dann, wenn man auch die graue Energie berücksichtigt, die für das Herstellen von Baustoffen benötigt wird) eine bessere Energiebilanz als energetisch hoch effiziente Neubauten. Und zum anderen komme ihnen in einer Stadt wie Bremerhaven, in der es nicht viele historische Gebäude gebe, eine identitätsstiftende Funktion zu. "Unser Projekt kann eben nur in Bremerhaven-Lehe stehen und ist dadurch sehr individuell", erläutert der Stäwog-Architekt.

Individuelle Umgestaltung

Die Laubengänge und die neuen Balkone sind nicht die einzigen gestalterischen Änderungen, welche die Stäwog vorgenommen hat. Vielmehr hat sie zwei Gebäuderiegel durch einen Ergänzungsbau mit großzügigem Foyer und Aufzug verbunden. Hier befindet sich zudem eine Gemeinschaftsfläche, welche die Bewohner "Zwischenraum" getauft haben: Etwa acht Personen finden in diesem offenen Bereich Platz, um sich zu unterhalten oder sich bei gemeinsamen Spielen zu vergnügen.

Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Einer der Treffpunkte ist der Gemeinschaftsraum, den die Bewohner "Zwischenraum" nennen

"Es hat sich eine intakte Hausgemeinschaft entwickelt", freuen sich Lückehe und Ewert. "Die Bewohner unternehmen gemeinsam Ausflüge und treffen sich zu Filmabenden." Unterstützt wird das Gemeinschaftsgefühl – in trendigen Szenevierteln der Metropolen würde man sagen: der Community-Gedanke – durch einen zweiten, größeren Gemeinschaftsraum, der in einer alten Remise im Hof untergebracht ist. Auch dieser Hof präsentiert sich völlig anders als vor der Modernisierung: Standen hier früher Garagen, so bietet er jetzt mit seinen Grünflächen eine hohe Aufenthaltsqualität.

Deutlich günstiger als ein Neubau

Die gesamten Baukosten beziffern die Verantwortlichen auf knapp 1.700 Euro pro Quadratmeter brutto. Dies ist nach ihren Worten 30 bis 50 Prozent günstiger, als ein Neubau an dieser Stelle gewesen wäre. Auch die Mieten sind deutlich niedriger, als es in einem Neubau möglich wäre: Für die öffentlich geförderten Wohnungen zahlen die Mieter 5,60 Euro pro Quadratmeter, während für die frei finanzierten Einheiten 6 Euro pro Quadratmeter fällig werden. Möglich wurde dieses niedrige Mietniveau, weil rund ein Fünftel der Modernisierungskosten durch Mittel aus dem Bund-Länder-Programm Stadtumbau-West getragen wurde. Da es sich mehrheitlich um kompakte Zweizimmer-Wohnungen handelt, bleibt die Mietbelastung auch für Menschen mit geringem Einkommen tragbar.

Darüber hinaus profitieren die Bewohner von niedrigen Betriebskosten. Denn auch das Energiekonzept des Ensembles genügt heutigen Ansprüchen: Es basiert auf einer Kombination eines Blockheizkraftwerks mit Photovoltaik-Modulen auf dem Dach. Dies trägt dazu bei, dass der Gebäudekomplex den KfW-Standard Effizienzhaus 70 erreicht. Den vor Ort produzierten Strom bietet die Stäwog über eine Tochtergesellschaft ihren Kunden als Mieterstrom an, wobei fast alle Bewohner von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.

Im Energieschaufenster ist der Generator als Herz des Blockheizkraftwerks zu sehen. Der Bildschirm links daneben informiert die Bewohner darüber, wie viel Energie vor Ort erzeugt wird

Wie sehr sich die Mieter mit "ihrer" Wohnanlage identifizieren, zeigt auch das sogenannte Energieschaufenster: Viele Bewohner führen ihre Besucher zu diesem Raum im Erdgeschoss, um ihnen an dem dort angebrachten Bildschirm zu demonstrieren, wie viel Energie vor Ort erzeugt wird.

"Unser Projekt zeigt, dass man die Schlichtbauten aus den 1950er Jahren konstruktiv und gestalterisch weiterentwickeln kann", Hans-Joachim Ewert, Stäwog-Chefarchitekt

Dennoch befasst sich die Stäwog auch mit Neubauten. So plant sie gerade einen Ergänzungsbau mit 35 Wohneinheiten, bei dem sie wieder mit Laubengängen – oder besser Living Streets – arbeiten will. "Ein bisschen", sagt Geschäftsführer Lückehe, "haben wir uns verliebt in die Laubengang-Idee."

 

Dieser Artikel ist in der DW Die Wohnungswirtschaft 7/2018 erschienen.


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