07.05.2015 | Top-Thema Brandenburger-Hof-Gespräch: Strategien der Energieversorgung

Kooperation oder eigener Weg?

Kapitel
Teilnehmer des 19. Brandenburger-Hof-Gesprächs
Bild: Thorsten George, Berlin

Immer mehr Wohnungsunternehmen beschäftigen sich mit der Frage, ob sie in die Energieerzeugung und -verteilung einsteigen wollen. Damit geraten die bisherigen Fronten zwischen Wohnungswirtschaft und Energiewirtschaft in Bewegung. Im Zentrum des 19. Brandenburger-Hof-Gesprächs stand die Frage: Sollen Wohnungsunternehmen in eigener Regie eine Energiestrategie umsetzen oder dafür besser mit Partnern zusammenarbeiten?

Zu dem jährlich stattfindenden, für die Wohnungswirtschaft bedeutsamen Ereignis wurden bereits zum 19. Mal über die Branche hinaus bekannte Experten eingeladen, um über Zukunftsthemen der Wohnungswirtschaft zu diskutieren. Die Veranstaltung fand traditionell in Berlin statt, geladen waren Experten aus den Bereichen Wohnungswirtschaft, Energie und Finanzierung. Jürgen Steinert, ehemaliger Hamburger Wirtschaftssenator und früherer Präsident des GdW, moderierte das Gespräch. Organisiert wurde es von Ulrike Silberberg, Chefredakteurin der Fachzeitschrift DW Die Wohnungswirtschaft. Unter dem Titel "Strategien der zukünftigen Strom- und Wärmeversorgung für die Wohnungswirtschaft" wurden die Teilnehmer aufgefordert, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Diskussion lesen Sie hier:

Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V., Berlin: Die zentrale Frage in dieser Sache ist, ob die Beschäftigung mit Energiethemen zum Kerngeschäft der Wohnungsunternehmen gehört oder nicht. Als GdW haben wir eine Umfrage dazu durchgeführt. Das Ergebnis war, dass etwa die Hälfte der Unternehmen Energie als Bestandteil oder möglichen Bestandteil ihres Kerngeschäftes betrachten. Als Verbandsvertreter weise ich darauf hin, dass eine entscheidende Herausforderung für unsere Unternehmen in den warmen Betriebskosten liegt, die in den vergangenen Jahren ja rasant gestiegen sind. Gerade in schwächeren Wohnungsmärkten ist es von großer Bedeutung, günstiges Wohnen anzubieten – und dazu gehören eben auch günstige Nebenkosten. Eine ganz andere Frage ist, ob ein Unternehmen dann alles selbst machen muss. Interessanterweise werden wir jetzt förmlich überrannt von Wünschen von Energieversorgern, mit uns Kooperationsmodelle zu fahren. Der Wettbewerb wird noch intensiver werden, da auch die Abrechnungsdienstleister erkannt haben, dass ihr altes Geschäftsmodell, das Ablesen, endlich ist. Unsere Unternehmen müssen also nicht befürchten, dass sie sich bald nicht mehr um ihr Kerngeschäft kümmern können, weil sie sich ständig mit Energiefragen auseinandersetzen müssen. Dafür gibt es genügend Partner. Das Kerngeschäft der Wohnungsunternehmen bleibt selbstverständlich das günstige Wohnen.

Hans-Otto Kraus, Geschäftsführer, GWG Städtische Wohnungsgesellschaft München mbH, München: Als Wohnungsvermieter muss ich mich tatsächlich darum kümmern, dass die Warmmieten im erträglichen Bereich bleiben. Diese Frage beschäftigt uns natürlich auch beim Neubau. Da ist es z. B. eine schwierige Frage, ob man Neubauten an die Fernwärme anschließt oder nicht. Denn Fernwärme ist ja für den Kunden bzw. Verbraucher die teuerste Variante. Nun gibt es Städte, in denen Satzungen einen Anschlusszwang vorsehen, da muss man dann nicht lange streiten. Aber auch in München haben wir damit zu tun, und zwar z. B. bei dem einen Passivhaus, das wir bisher errichtet haben. Da diskutieren wir mit den Stadtwerken über die Anschlusskosten, die beim Passivhaus enorm hoch sind. Die Stadtwerke argumentieren, dass sich das Netz in diesem Fall eigentlich gar nicht lohne, weil der Wärmebedarf so niedrig sei. In einem solchen Fall, denke ich, müsste man wirklich eine isolierte – also fallbezogene – Lösung ins Auge fassen.

René Gansewig, Vorstandssprecher, NEUWOBA Neubrandenburger Wohnungsbaugenossenschaft eG, Neubrandenburg: Diskussionen mit den Stadtwerken führen wir ebenfalls. Als Genossenschaft, der jede vierte Geschosswohnung in der Stadt Neubrandenburg gehört, möchten wir gemeinsam mit dem kommunalen Wohnungsunternehmen und den Neubrandenburger Stadtwerken Lösungen finden. Allerdings ist es dafür manchmal nötig, zuerst einmal eine konträre Situation zu schaffen, um dann Fortschritte zu erzielen.

Hans-Otto Kraus: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Stadtwerke einen wesentlichen Beitrag zum städtischen Haushalt leisten. Überspitzt formuliert, dürfen sie sich eigentlich nicht um Energieeinsparung kümmern, sondern müssen möglichst viel Energie verkaufen. Das ist keine Kritik an den Stadtwerken, sondern eine Kritik an einem System, das eine konzertierte Aktion zum Energiesparen in der Kommune be- bzw. verhindert. Dabei, das will ich betonen und anerkennen, haben sich bei uns in München die Stadtwerke zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren ihren Strom und die Energieversorgung komplett auf umweltfreundliche Art zu produzieren. Aber wir brauchen konzertierte Aktionen und Kommunen, die bereit sind, auch mal auf Einnahmen zu verzichten. Sonst schaffen wir es nicht.

Ralf Schekira, Technischer Geschäftsführer, wbg Nürnberg GmbH, Nürnberg: Bei uns in Nürnberg gibt es bereits abgestimmtes Handeln mit den Städtischen Werken. So haben wir zusammen ein Modell zur effizienten Fernwärmeversorgung unserer Kernwohnanlagen entwickelt. Zum Hintergrund: Die Fernwärmeerzeugung in Nürnberg hat drei Energieträger, nämlich Gas, Müll und Biomasse. Als Wohnungsunternehmen müssten wir uns mit unseren großen Kernwohnanlagen schon sehr weit strecken, um die Wärme so produzieren zu können. Da scheint mir das Kooperationsmodell dann doch der sinnvollere Ansatz zu sein. Deshalb war ich auch überrascht, dass in der von Herrn Gedaschko zitierten Umfrage so viele Kollegen erklärt haben, Energie zu ihrem Kerngeschäft zu zählen. Ich interpretiere das sozusagen als Hilferuf, weil sich die Energiepreise so stark verteuert haben, dass die Bruttomiete deutlich gestiegen ist.

Eine andere Frage ist, ob diese Unternehmen dann das nötige Know-how und die nötigen Kapazitäten haben, um diese Dinge wirklich wirtschaftlich und verlässlich umzusetzen.

Axel Gedaschko: Bei der Zusammenarbeit zwischen Stadtwerken und Wohnungswirtschaft müssen die Spielregeln für alle gleich sein. Das ist die Ebene, auf der wir die Gespräche mit dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU) führen. Das heißt auch, dass das Verdrängungsverbot gemäß Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz erhalten bleiben sollte, dass also die Wohnungswirtschaft dort, wo es bereits einen Fernwärmeanschluss gibt, nicht in Konkurrenz dazu treten darf.
Umgekehrt muss das aber genauso gelten: Es darf nicht sein, dass ein Anschluss- und Benutzungszwang ausgesprochen wird, um unliebsame Konkurrenz zu verhindern.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Diskussion – "Innovation mit Augenmaß"

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Energieversorgung, Energie, Wärme, Veranstaltung

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