07.05.2015 | Top-Thema Brandenburger-Hof-Gespräch: Strategien der Energieversorgung

Innovation mit Augenmaß

Kapitel
Thomas Ortmanns diskutierte beim 19. Brandenburger-Hof-Gespräch über Energieversorgung
Bild: Thorsten George, Berlin

Thomas Ortmanns, Vorstandsmitglied, Aareal Bank AG, Wiesbaden: Im Markt tut sich momentan unglaublich viel. Die Kunst liegt in meinen Augen darin, die sinnvollen Dinge herauszufiltern und sich nicht zu verzetteln.

Um ein Extrembeispiel zu nennen: Es lässt sich heute im Rahmen der Digitalisierung feststellen, wie lange sich wie viele Leute in einem Raum aufhalten und welche Temperatur dort herrscht. In der Konsequenz kann man erkennen, wann die Luftqualität so schlecht ist, dass die Fenster geöffnet werden sollten. Jetzt stellen wir uns mal vor, wir öffnen den Mietern zwangsweise die Fenster! Ganz abgesehen vom Sicherheitsaspekt – vielleicht kommen ja auch Hacker auf die Idee, mal eben nachts für Einbrecher das Fenster zu öffnen. Es geht darum, herauszufinden, was wirklich sinnvoll ist und was nur technischer Schickschnack ist, der weder wirtschaftlich noch im Sinne der Mieter ist.

Ralf Klöpfer, Vorstandsmitglied, MVV Energie AG, Mannheim: Es gibt viele naheliegende Lösungen. Nehmen wir mal die Nachtspeicherheizung. In den letzten Jahren war sie energie- und umweltpolitisch abgeschrieben. Warum machen wir die Nachtspeicherheizung nicht intelligent und ermöglichen so, dass sie nicht mehr stur nachts geladen wird, sondern genau dann, wenn Wind oder Sonne einen Stromüberschuss produzieren? Dann könnte der Kunde mit der Heizung deutlich sparen oder sogar noch Geld verdienen. Die Speicherung des Stroms ist eine zentrale Herausforderung der Energiewende. Und dabei spielt die Wohnungswirtschaft eine wichtige Rolle. Sie verfügt zum Beispiel über Warmwasserspeicher, bei der die Power-to-Heat-Technologie zum Einsatz kommen kann.

Ein anderes Beispiel: Bei einem Neubau könnte man zwei Schächte vorsehen, einen für den Aufzug und einen für einen riesigen Warmwasserspeicher. Deshalb ist die interdisziplinäre Diskussion zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft so wichtig. Dann haben beide Seiten davon einen Vorteil.

Dr. Peter Schaffner, Leiter Geschäftsbereich Wohnungswirtschaft, Aareal Bank AG, Wiesbaden: Das sind interessante Beispiele, Herr Klöpfer. Kann denn ein Wohnungsunternehmen bei Ihnen ein Energiekonzept für eine Siedlung mit 500 oder 1.000 Wohneinheiten bestellen?

Ralf Klöpfer: Aber natürlich. Wobei ich gleich ergänzen möchte: Ein Konzept von der Stange ergibt keinen Sinn. Es geht immer um Einzelbetrachtungen. Wir beginnen mit einer Bestandsaufnahme und prüfen anschließend, welche Maßnahmen aus Kundensicht viel bringen und schnell umzusetzen sind: Ist eine Dämmung sinnvoll? Sollte die Heizung ausgetauscht werden? Ist ein intelligentes Energiemanagement der richtige Weg? Oder braucht es eine Kombination aus unterschiedlichen Maßnahmen? Und dann gehen wir gemeinsam die Umsetzung an.

Kristina Jahn, Vorstandsmitglied, degewo AG, Berlin: Wir als Wohnungswirtschaft haben den großen Vorteil, die Assets, also die Immobilien, in unserer Hand zu haben. Besonders in den Großsiedlungen verfügen wir über jede Menge Fassaden, Dächer und Freiräume. Diese Stärken sollten wir nutzen, um unseren Mietern langfristig bezahlbaren Wohnraum – und zwar bezahlbar bezogen auf die Gesamtmiete – zur Verfügung stellen zu können. Wenn der Erdwärmespeicher, den wir jetzt in unserem Zukunftshaus ausprobieren, funktioniert, dann spricht überhaupt nichts dagegen, diese Technologie auch in der Fläche anzuwenden. Aber wir müssen diese innovativen Lösungen selbst in unseren Beständen testen und die Übertragbarkeit dieser Lösungen prüfen. Dabei dürfen wir uns nicht allein auf die Energieberater verlassen, von denen es ja unglaublich viele gibt. Denn als langfristiger Bestandshalter haben wir eine ganz andere Intention als ein professioneller Energieerzeuger oder ein Energieberater.

Jürgen Steinert: Herr Gansewig hat in seinem Statement das Geothermie-Projekt in Neubrandenburg vorgestellt, das ich für extrem spannend halte. Deshalb möchte ich auf ein zweites ähnliches Vorhaben hinweisen, das die Vivawest verfolgt und das von der Öffentlichkeit nach meiner Feststellung so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen wird. Die Vivawest hat sich daran erinnert, dass ein erheblicher Teil ihrer Wohnungsbestände auf den stillgelegten Zechen der Ruhrkohle steht. Diese Schächte gehen mehrere hundert Meter in die Tiefe – da muss also nichts mehr gebohrt werden. Das wirft die Frage auf, warum dieses Potenzial nicht in großem Stil genutzt wird. Eine Antwort darauf lautet, dass die Geothermie wesentlich weniger stark gefördert wird als andere regenerative Energien. Deshalb halte ich es für sinnvoll, die Förderung dahin zu lenken, wo wir alle einen möglichst großen Nutzen daraus ziehen können. Übrigens: Wenn ich Geothermie als extrem spannend bezeichne, heißt das nicht zwingend, dass wir alle damit verbundenen Aufgaben selber übernehmen müssen.

Lesen Sie hier den dritten Teil der Diskussion – "Wohnungsunternehmen als Treiber der Innovation"

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft, Energieversorgung, Energie, Wärme, Veranstaltung

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