24.09.2012 | Top-Thema Trends in der Wohnungswirtschaft: Bäder und Küchen

Von der Arbeitsküche zum Kommunikationszentrum

Kapitel
Bild: AMK

Die Bedeutung der Küche hat sich gewandelt: Wurde in ihr früher oft nur gekocht, so dient sie heute auch als Begegnungsort. Entsprechend haben sich die Anforderungen an Grundriss und Ausstattung der Küche geändert. Daraus ergeben sich für Vermieter von Wohnungen diverse Fragen. Wollen die Mieter zum Beispiel wirklich eine offene Küche? Ist es sinnvoll, eine Einbauküche anzubieten? Und welche Zielgruppen wollen was? Die Antworten hängen von zahlreichen Faktoren ab.

Wenn man sich mit Vertretern der Möbelwirtschaft unterhält, so scheint der Trend klar zu sein: Die Menschen wünschen sich demnach heutzutage eine offene Küche, die mit dem Ess- und Wohnbereich verschmilzt. „Die Deutschen lieben ihre Küche“, sagt zum Beispiel Frank Hüther, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e. V. (AMK), die sich als Dienstleistungsverband der Küchenbranche versteht. „Für viele ist die Küche Herz und Mittelpunkt von Haus und Wohnung – ein Ort, an dem Kommunikation, Genuss, häusliches Leben und geselliges Miteinander stattfinden.“
Sogar als „Gemeindezentrum“ bezeichnet Ulf Rebenschütz, Marketing- und Vertriebsleiter bei der Europa Möbel-Verbund GmbH (EMV), den kombinierten Koch-, Ess- und Wohnbereich. Die EMV ist ein Zusammenschluss von Möbelhändlern und nimmt für sich in Anspruch, den Puls der Nachfrager zu fühlen. Mit einer Mini-Küche, beobachtet Rebenschütz, können die Leute nichts mehr anfangen: „Im Verkauf stellen wir fest, dass Kochinsel und Thekenlösung einen immer größeren Raum einnehmen. Denn die Menschen wollen nicht mehr allein in einer abgekapselten Küche arbeiten.“
Blick in die Praxis
Doch wie sieht das in der wohnungswirtschaftlichen Praxis aus? „Offene Wohnküchen finden bei vielen Mietern Anklang“, bestätigt Dennis Voss, Leiter Mietercentrum der Altonaer Spar- und Bauverein eG (altoba) im Hamburg. Anders scheint es in kleineren Orten auszusehen. „Die offene Küche liegt bei uns nicht im Trend“, sagt jedenfalls Joachim Effertz, Vorstand der Altenaer Baugesellschaft AG. Grundsätzlich beobachtet Effertz allerdings, dass auch in der 18.000-Einwohner-Stadt Altena in Westfalen „die Küche als Raum mit Aufenthaltsqualität an Bedeutung gewinnt“.
Dass die offene Wohn-Küchen-Lösung nicht von allen bevorzugt wird, bestätigen Untersuchungen. So fragte die Kundenzeitschrift der Bausparkasse Schwäbisch Hall in Zusammenarbeit mit der Küchenmesse Living Kitchen die Leser nach ihrer Traumküche. Das Ergebnis liest sich in der Zusammenfassung der Studie so: „Während der fließende Übergang zwischen Küche und Ess- und Wohnzimmer derzeit einer der größten Trends seitens der Küchenmöbelproduzenten ist, wünscht sich die Mehrzahl der Endkonsumenten nach wie vor einen abgetrennten Raum.“
Noch deutlicher ist das Ergebnis einer Befragung, die TNS Emnid im Auftrag des Möbelherstellers Interlübke durchführte. Demnach nutzen fast drei Viertel der Wohnbevölkerung eine reine Küche, während sie nur ein Fünftel mit dem Esszimmer kombiniert hat. „Vielleicht“, sagt dazu Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer von TNS Emnid, „wäre mancher gern ein Trendsetter, wenn die Größe und die baulichen Voraussetzungen seines Zuhauses dies zuließen.“

Möglichkeiten im Bestand …
Gerade im Mietwohnungsbestand lassen sich die von den Küchenherstellern propagierten offenen Lösungen indes kaum umsetzen. Die klassische Wohnung im Bestand der Altenaer Baugesellschaft (ABG) zum Beispiel ist im Durchschnitt ganze 55 m² groß, wobei sie eine L-förmige Wohnküche von immerhin rund 14 m² Größe aufweist. Wenn eine Wohnung frei wird, lässt die ABG diese allerdings oft so umbauen, dass das Bad zu Lasten der Küche vergrößert wird. Eigentlich aber, sagt Vorstand Effertz, freuten sich die Mieter durchaus über eine größere Küche. Bei Wohnungszusammenlegungen schaffe die ABG deshalb immer eine Küche von ungefähr 15 m² Größe.

... und im Neubau
Vielfältiger sind die Gestaltungsmöglichkeiten im Neubau. „Bei Neubauprojekten mit Mieterbeteiligung haben wir festgestellt, dass eine Mehrheit der Mieter offene Küchenlösungen bevorzugt“, berichtet Dennis Voss von der altoba in Hamburg. „Soweit es sich kosten- und grundrisstechnisch abbilden lässt, kommen Schiebetüren zum Einsatz, und die Küche wird so platziert, dass sie nicht mitten im Raum steht.“
Diese Lösung spart zudem Platz, wie die Hamburger Architektin Prof. Beata Huke-Schubert erläutert: Wenn die Küche im Prinzip offen ist, lässt sich nämlich der Flur einsparen. Huke-Schubert arbeitet für Genossenschaften ebenso wie für Baugruppen und stellt sich dabei in letzter Zeit verstärkt die Frage: „Wenn die Küche offen ist – lässt sie sich dann auch abtrennen?“ Die Architektin hält es nämlich für denkbar, dass es künftig eine Gegenbewegung zur offenen Küche geben wird – „zum Beispiel bei Leuten, die nicht viel kochen oder die keine Gerüche in der Wohnung haben wollen“. Eine Schiebetür sei deshalb eine sinnvolle Vorkehrung. Auf flexible Lösungen setzt auch der Wohnungsentwickler Interboden in Ratingen. Laut Prokurist Alexander Schmitz differenziert das Unternehmen nach dem jeweiligen Segment: Im gehobenen Eigentums- und Mietbereich ist die Küche ausnahmslos offen geplant, wobei zum Wohnbereich hin eine 1,20 m hohe Theke errichtet wird. Im kostengünstigeren Segment hingegen haben die Käufer die Wahl zwischen einer geschlossenen und einer offenen Variante. Im zweiten Fall handelt es sich laut Schmitz um eine L-förmige, zum Wohnbereich hin offene Küche – der Küchenblock steht also auch hier nicht mitten im Wohnzimmer.

Zielgruppenanalyse erforderlich
Grundsätzlich sei es sinnvoll, bei der Planung und Gestaltung von Küchen die Wünsche der jeweiligen Zielgruppen zu analysieren, empfiehlt Kerstin Rieke vom Beratungsunternehmen F+B in Hamburg. Gerade für Genossenschaften biete die Küche eine Möglichkeit, jüngere Interessenten anzusprechen. Rieke leitet bei F+B den Bereich Mystery Shopping, bei dem auch der Zustand der Wohnung und damit der Küche untersucht wird.
Eine detaillierte Studie, welche Lebensstilgruppen welche Küchenlösungen bevorzugen, legten die Beratungsgesellschaften Analyse & Konzepte sowie InWIS in ihrer vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in Auftrag gegebenen Studie „Wohntrends 2020“ vor (vgl. Kasten). Zwei Beispiele: Für die Anhänger des „häuslich-familiären Wohnkonzepts“ ist die Küche der wichtigste Raum im Haus, da sie als Treffpunkt für Familie, Freunde und Bekannte fungiert. Während diese Zielgruppe mit einer kleinen Arbeitsküche nicht zu erreichen ist, genügt für die Vertreter des „kommunikativ-dynamischen Wohnkonzepts“, die häufig auswärts essen, eine Kochnische.

Einbauküche oder nicht?
Die Frage, ob Vermieter eine Einbauküche zur Verfügung stellen sollen oder nicht, hängt nicht nur von der Zielgruppe ab, sondern auch von regionalen Gepflogenheiten. „In Hamburg“, erläutert Kerstin Rieke von F+B, „sind Herd und Spüle das Mindeste, während in Süddeutschland gar nichts in der Küche steht.“
Auch in Altena erwarten die Mieter laut ABG-Vorstand Joachim Effertz keine Einbauküche. Allerdings übernimmt die ABG gelegentlich die Küchengeräte, die ein Vormieter eingebaut hat. Mietvertraglich regelt es das Unternehmen dann so, dass der Vermieter für den Unterhalt der Küchenmöbel verantwortlich ist, der Mieter aber für den Unterhalt der Geräte. Damit wird verhindert, dass für das Wohnungsunternehmen hohe Folgekosten entstehen, weil der Mieter unsachgemäß mit Kühlschrank oder Dunstabzugshaube umgeht.
„Wenn wir Mietwohnungen für institutionelle Investoren errichten, würden wir ungern Einbauküchen mit anbieten“, sagt auch Alexander Schmitz von Interboden. In diesem Fall müsste Interboden nach seinen Angaben nämlich für die fünfjährige Gewährleistung gradestehen. Noch einen weiteren Grund gegen die Einbauküche führt Schmitz an: „Eine Mehrmiete lässt sich nicht durchsetzen.“ Dabei wäre laut dem Interboden-Prokuristen eine monatliche Zusatzmiete von monatlich 0,60 bis 1 €/m² erforderlich, um eine gehobene Einbauküche im Wert von 10.000 € zu refinanzieren. Dem Onlineportal Immowelt zufolge kann es sich für den Vermieter hingegen durchaus lohnen, eine Einbauküche zur Verfügung zu stellen. Laut einer Auswertung von 12.000 Mietangeboten lässt sich für eine Dreizimmerwohnung mit Einbauküche 26% mehr Miete erzielen als für eine Einheit ohne Einbauküche – wobei diese Rechnung allerdings außer Acht lässt, dass eine mit einer Einbauküche ausgestattete Wohnung vermutlich auch in anderen Bereichen einen höheren Standard aufweist.
Auf jeden Fall könne „eine vermieterseitig gestellte Einbauküche bei überschaubarem Aufwand ein Alleinstellungsmerkmal darstellen“, heißt es in der Studie „Wohntrends 2020“. Auch Joachim Effertz in Altena stellt fest, „dass gerade junge Leute und Menschen nach einer Trennung sehr erleichtert sind, wenn die Wohnung mit einer Einbauküche ausgestattet ist“. Und Andreas Schmalfeld vom Beratungsunternehmen F+B betont, „dass das in entspannten Wohnungsmärkten ein entscheidendes Kriterium sein kann“. Allerdings zeigt sich hier ein bekanntes Dilemma: Vermieter in nachfragestarken Gegenden haben zwar die wirtschaftliche Kraft, solche Investitionen zu tätigen, sind aber nicht darauf angewiesen, weil sie ihre Wohnungen auch ohne besondere Ausstattung problemlos vermieten können. Für Eigentümer in nachfrageschwachen Regionen hingegen sind die Aufwendungen kaum refinanzierbar. Schmalfeld empfiehlt, in solchen Fällen auf kleine Maßnahmen zu setzen: Schon eine neue Spüle und eine schicke Armatur bringen nach seiner Erfahrung bei der Besichtigung Pluspunkte.

Technische Anforderungen
Nach Ansicht der Küchenindustrie reichen solche Maßnahmen indes nicht aus. Ulf Rebenschütz von der Europa Möbel-Verbund GmbH registriert einen Trend hin zu Geräten wie Induktionsherden, Dampfgarer, Einbau-Kaffeevollautomaten oder Kühl-/Gefrierkombinationen mit Eiswürfelmaschine. Dafür, so Rebenschütz, müssten die Vermieter genauso die technischen Voraussetzungen schaffen wie für leistungsstarke Abluftanlagen. Leistungsfähige Stromanschlüsse und ggf. zusätzliche Wasseranschlüsse können erforderlich sein.
In der Praxis des Mietwohnungssegments scheinen solche Luxusprodukte indes kaum eine Rolle zu spielen. „Einen Induktionsherd in einer Mietwohnung habe ich noch nie gesehen“, sagt jedenfalls Kerstin Rieke von F+B. Und Alexander Schmitz von Interboden macht darauf aufmerksam, dass der Bau von Abluftschächten – eigentlich wünschenswert, um von offenen Küchen ausgehende Geruchsbelästigungen zu vermeiden – zu Lasten der Wohnfläche geht.
In einem allerdings sind sich alle Experten mit der Architektin Beata Huke-Schubert einig: „Die reine Arbeitsküche hat sich überlebt.“ Was keine neue Erkenntnis ist: Der Vorstand der Genossenschaft altoba distanzierte sich schon in seinem Geschäftsbericht 1928 von der damals herrschenden Vorstellung und unterstrich, „dass wir die Bestrebungen, die Küche möglichst klein zu gestalten und nur als Kochraum zu betrachten, nach wie vor ablehnen“.

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