Ausbildung von Führungskräften: Wohin muss die Reise gehen?

Die Landschaft der Qualifikationen für Berufe in der Immobilienwirtschaft ist nicht mehr vergleichbar mit dem, was noch vor Jahrzehnten gültig war. Der Anfang wurde 1952 mit dem Ausbildungsberuf "Kaufmann/-frau in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft" gemacht. Seitdem hat sich viel verändert. Wie geht es weiter mit der Ausbildung des Führungskräftenachwuchses?

Als Zentrum für die Ausbildung für die Immobilienwirtschaft etablierte sich in den 1950er Jahren "Hösel" als private Berufsschule. Das war der erste Schritt, dem die Anerkennung als anerkannter Ausbildungsberuf gemäß Berufsbildungsgesetz und die Bildung von einschlägigen Angeboten im Rahmen der staatlichen Berufsschulen folgte. Eine rundherum positive Entwicklung.

Bemerkenswert war, dass sich die immobilienwirtschaftliche Ausbildung in den Berufsschulen aus dem Bankenbereich löste und mit einschlägigen Berufsschullehrern qualifizierte Spezialisten vorhanden waren, die häufig eine enge Verzahnung zu den Unternehmen hatten. Es war jedoch auffällig, dass die Wohnungswirtschaft – auch in der Titulierung des Berufs – im Vordergrund stand.

Differenzierung zwischen Wohnungs- und Immobilienwirtschaft fand lange nicht statt

Spannend wurde es, als in den 1990er Jahren immobilienwirtschaftliche Vollstudiengänge an den akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Raum eingeführt wurden. Die Studierenden gingen in das Studium mit der Erwartung einer Karriere, die sie in die Führungsetage von Immobilienunternehmen führt. Die Branche hoffte auf der anderen Seite, in dieser Gruppe den Nachwuchs für die Unternehmen zu finden. Die Gestalter der Branche kommen zu großen Teilen aus diesem Bildungsweg.

Eine Differenzierung zwischen Immobilienwirtschaft und Wohnungswirtschaft fand in dieser Phase – zumindest in der Außendarstellung – nicht statt. Die Frage stellt sich dennoch:

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Wohnungswirtschaft: Soziale Verantwortung stand lange im Mittelpunkt

Wer Wohnungen nur als Assetklasse betrachtet oder gar nach angelsächsischer Prägung von einem "it’s all about finance" ausgeht, wird keine Differenzierung finden. Die Wohnungswirtschaft hatte jedoch bis zum Wegfall der Wohnungsgemeinnützigkeit ein umfassenderes Verständnis ihres Aufgabenprofils.

Soziale Verantwortung im Umgang mit den Wohnungen gehörte ebenso dazu wie ein sensibles Gespür für die Auswirkungen der Mietgestaltung und der sozialen Zusammensetzung von Nachbarschaften. Auch die klare Erkenntnis über die Bedeutung der Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Wohnungswirtschaft für die Konjunkturpolitik gehörte dazu. Zumindest in Teilen fühlte sich dieser Bereich der Immobilienwirtschaft auch für die Gestaltung der Städte mitverantwortlich.

Eine weitgehend auf Gewinn ausgerichtete Geschäftspolitik war nicht die Regel, allenfalls war eine solche in Ausnahmefällen zu beobachten.

Handlungsmaxime für Führungskräfte

Wieso dieser Rückblick? Es ist meine Überzeugung, dass die Grundlagen für die Handlungsmaximen dieser wichtigen Gruppe von Führungskräften gerade in der Studienzeit gelegt werden.

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Der Studienführer der Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e.V. verzeichnet aktuell mehr als 100 Studiengänge unterschiedlicher Ausprägung, aber alle mit immobilienwirtschaftlichem Bezug. Bei studycheck.de wird auf 50 Studiengänge verwiesen – die Zusammenfassung lautet: "Neben allgemeinen wirtschaftlichen und mathematischen Studieninhalten sind das Immobilienrecht, das Immobilienmarketing sowie die Projektplanung Bestandteil des Immobilienstudiums".

Um diesem bunten Spektrum an Tätigkeitsfeldern gerecht zu werden, verbindet ein Studium der Immobilienwirtschaft Inhalte des Bauingenieurwesens, der Architektur und der Wirtschaftswissenschaften sowie grundlegendes Wissen in den relevanten Rechtsfragen.

Zu den Pflichtveranstaltungen gehören Kurse der Bautechnik (Tragwerkskonzepte, Baustoffe, Bauverfahren, Bauphysik, Instandhaltung und Sanierung, Altlastensanierung und Flächenregulierung), der Finanz- und Wirtschaftswissenschaften (Einführung in die Volks-, Betriebswirtschaftslehre, Buchhaltung / Rechnungswesen, Investition und Finanzierung, Betriebswirtschaft für Bauunternehmen sowie Grundstücks- und Wertermittlung) sowie der Rechtswissenschaften (Rechtssysteme, zivilöffentliches Bau-, Steuerrecht und Versicherungswesen).

Ausbildungsinhalte: viel Mathematik, wenig Wirtschaftsgeschichte

Betrachtet man in die Inhalte besonders der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge, so fällt auf, dass eine starke Ausrichtung auf Mathematik und quantitative Methoden zu verzeichnen ist. Manche der Studiengänge räumen der Mathematik geradezu einen Status ein, an dem sich der voraussichtliche spätere Erfolg in der beruflichen Tätigkeit ablesen lässt.

Abgesehen von einer angestrebten wissenschaftlichen Karriere oder wenigen Teilbereichen der beruflichen Tätigkeit, stellt sich die Frage, ob jemand bei seiner Führungstätigkeit in der Wohnungswirtschaft diese Ausprägung benötigt und ob bei einer solchen Orientierung nicht weitere Studieninhalte zu kurz kommen, die gerade in der Wohnungswirtschaft von Bedeutung sind.

Ein Beispiel ist die Wirtschaftsgeschichte: weitgehend Fehlanzeige bei den Studieninhalten. Dabei könnte gerade hier viel Wissen, Erfahrung und Aktuelles aus dem Alltagsgeschäft der Wohnungswirtschaft vermittelt werden.

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Ist etwas schiefgelaufen bei der Etablierung der Immobilienwirtschaft in der Welt der Hochschulen und Universitäten, was den Bereich der Wohnungswirtschaft in der gesamten Immobilienwirtschaft betrifft?

Das "Killerargument" gegen jede Überlegung in diese Richtung ist die Freiheit von Forschung und Lehre. Es entscheidet jede Hochschule, jeder Studiengang und jede Professur eigenständig über Lehrinhalte und das Profil eines Studiengangs.

Doch es gibt einen deutlichen Wettbewerb um Studienbewerber sowie die Anerkennung von Studiengängen und Hochschulen. Es sollte also ein Leichtes sein, dass die Wohnungswirtschaft – trotz ihrer Inhomogenität – deutlich zu erkennen gibt, was sie von Absolventen akademischer Einrichtungen erwartet, wenn sie ihren beruflichen Weg in den Unternehmen beginnen.

Profilierung für die Wohnungswirtschaft ist ausbaufähig

Die Entwicklung der beruflichen Grundausbildung war ein Kind der Wohnungswirtschaft. Diese hat sich weiterentwickelt und Eigenständigkeit gewonnen für eine Spezialisierung bei Maklerunternehmen, Bauträgern oder Projektentwicklern.

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Großen Wohnungsunternehmen und wohnungswirtschaftlichen Verbänden kommt hier eine führende Rolle zu. Die geringe Anzahl von Lehrstühlen mit wohnungswirtschaftlicher Ausrichtung oder Schwerpunkt und die relativ geringe Anzahl von Dissertationen mit wohnungswirtschaftlichen Themen geben eine deutliche Wegweisung.

Wohnungswirtschaft ist ein faszinierendes Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Fachbereiche. Anhaltende Unternehmenserfolge lassen sich nur erzielen, wenn die in den Unternehmen agierenden Führungskräfte nicht einseitig auf einen fachlichen Aspekt fixiert sind, sondern sich in dieser Vielfalt wohlfühlen – und hierfür auch im Studium vorbereitet wurden.

Fasst man diese Vielfalt etwas unscharf unter dem Begriff "Sozialkompetenz" zusammen, lautet die Frage der Zukunft: Wie wird unser akademischer Führungsnachwuchs geprägt – durch Mathematik oder Sozialkompetenz?


Der Beitrag erschien in DW Die Wohnungswirtschaft 11/2018


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