Alternative Wohnformen: selbstbestimmt Wohnen im Alter

Generationengerechtes Wohnen wird mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft immer wichtiger. Häufig sind betreute Einrichtungen der letzte Ausweg. Dass es Alternativen gibt, zeigt ein beispielhaftes Neubauprojekt der Schiffszimmerer-Genossenschaft in Hamburg.

Die Allgemeine Deutsche Schiffszimmerer-Genossenschaft eG ist das älteste genossenschaftliche Wohnungsunternehmen in Hamburg und hat nun zum ersten Mal besondere Wohnformen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter gebaut.

Im Quartier Spannskamp im Stadtteil Stellingen sind die Bewohner bereits eingezogen: in eine Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft für körperlich eingeschränkte Menschen, eine Wohngemeinschaft für Menschen mit einer demenziellen Erkrankung und eine Pflegewohnung auf Zeit.

Wer hat Platz für neuen Wohnraum?

Bis vor kurzem lebten im Quartier Spannskamp rund 900 Mitglieder der Schiffszimmerer in knapp 340 Bestandswohnungen der 1960er Jahre. Zwischen den Bestandsgebäuden sind bis Ende 2018 neben dem neuen Wohnungsangebot für ältere Mieter zwei weitere moderne und barrierearme Neubauten entstanden.

Auf einer Gesamtfläche von rund 5.000 Quadratmetern hat die Genossenschaft 68 Wohnungen, zwei Tiefgaragen mit 38 Parkplätzen, einen Quartierstreff und die besonderen Wohnformen gebaut. Die neuen Gebäude fügen sich mit ihrem für die Hansestadt typischen dunkelroten Klinker in das Stadtbild ein.

Zirka ein Drittel der entstandenen Wohnungen ist öffentlich gefördert. Alle verfügen über barrierearme Grundrisse. Den Anstoß für den Neubau gab ein Gutachten des Bezirks Hamburg-Eimsbüttel. Auf der Suche nach möglichen Standorten für neuen Wohnraum in der wachsenden Metropole geriet auch das Quartier Spannskamp in den Fokus.

"In den vergangenen Jahren sind die Preise für Grundstücke und Immobilien weiter gestiegen. Auch die Baukosten sind hoch. Deshalb wird es immer schwieriger, unseren Mitgliedern bezahlbaren Wohnraum anzubieten." Thomas Speeth, Vorstandsmitglied der Schiffszimmerer-Genossenschaft

Möglich sei dies, wenn auf vorhandenen Grundstücken weitere Wohnhäuser errichtet würden. Deshalb habe man sich für eine Nachverdichtung entschieden.

Mut zur Veränderung

Die Altersstruktur zeigt den bereits stattfindenden Generationenwechsel im Quartier: Mehr als jeder Dritte hatte das 65. Lebensjahr bereits erreicht oder überschritten. Viele Spannskamper wohnen seit den 1960er Jahren in der Wohnanlage. Im Zentrum befand sich eine große Wiese mit einer alten Buche und einem Spielplatz. Auf dieser Fläche plante die Genossenschaft die neuen Gebäude – und stieß damit zunächst auf Widerstand.

"Der Start für unser Neubauprojekt war nicht ganz einfach. An die Veränderungen in ihrem direkten Wohnumfeld mussten sich unsere Mitglieder im Spannskamp erstmal gewöhnen." Christina Wittneben, Abteilungsleiterin Vermietung bei der Schiffszimmerer-Genossenschaft

Nun seien bereits 20 Bewohner aus ihren alten Wohnungen in die neuen Gebäude umgezogen sind, weil diese modern und barrierearm sind, sagt Wittneben.

Wohngemeinschaft mal anders?

Während mit zwei der drei Neubauten bezahlbare Wohnungen für alle Mieter der Genossenschaft entstanden sind, stehen bei dem dritten Gebäude ausschließlich die Bedürfnisse älterer Menschen im Vordergrund.

Gemeinsam mit der Martha Stiftung betreibt die Schiffszimmerer-Genossenschaft eine Wohngemeinschaft für demenziell erkrankte Menschen, eine Pflegewohnung auf Zeit sowie eine Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft für körperlich eingeschränkte Menschen. Ein Gemeinschaftsraum, ein Büro für engagierte Mitglieder und das Quartiersmanagement vervollständigen den inklusiven Ansatz.

Die in einer Etage auf rund 165 Quadratmetern Gesamtwohnfläche entstandene ambulante Wohn-Pflege-Gemeinschaft bietet vier Einzel-Apartments mit 17 bis 25 Quadratmetern Wohnfläche. Diese verfügen jeweils über eine Küchenzeile, Bad und Balkon. Zusätzlich gibt es eine Gemeinschaftsfläche mit rollstuhlgerechter Küche. Zusammen mit dem Flurbereich entstehen so weitere rund 70 Quadratmeter.

Küche Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft Quartier Spannskamp
Küche der Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft: Die Schränke können mit dem Rollstuhl unterfahren werden und die Hängeschränke sind in der Höhe elektrisch verstellbar.

Die ambulante Wohn-Pflege-Gemeinschaft für Menschen mit Demenz ist im Erdgeschoss desselben Gebäudes auf einer Gesamtwohnfläche von 340 Quadratmetern eingezogen.

Der Grundriss beinhaltet neun barrierefreie Einzelwohneinheiten mit 17 bis 22 Quadratmetern Wohnfläche sowie einem eigenen Bad mit vier bis sechs Quadratmetern. Ein Gemeinschaftsraum mit Gemeinschaftsküche misst weitere rund 70 Quadratmeter. Dazu kommt eine Außenterrasse von knapp 30 Quadratmetern.

Innovative Wohnformen: Selbsthilfe und Selbstbestimmung

Den Bau der neuen Wohnformen haben die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB) sowie die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV) mit finanziellen Mitteln unterstützt.

"Das Konzept der Wohn-Pflege-Gemeinschaft bietet Menschen mit starken kognitiven Einschränkungen die Chance auf ein Leben in einer häuslichen Gemeinschaft." Thomas Speeth, Vorstand der Schiffszimmerer-Genossenschaft

In der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz finden neun Personen mit demenzbedingten Fähigkeitsstörungen ein Zuhause. Sie führen einen gemeinsamen Haushalt und nutzen Küche und Wohnzimmer gemeinsam. Der Mix an verschiedenen Wohnungsgrößen und die innovativen Wohnformen der neuen Mehrfamilienhäuser in Stellingen bieten sowohl jungen als auch älteren Mietern die passenden vier Wände – in jeder Lebensphase.

Die Schiffszimmerer-Genossenschaft entwickelt damit den genossenschaftlichen Gedanken von Selbsthilfe und Selbstbestimmung weiter und passt diesen den Anforderungen der heutigen Zeit an.

Der genossenschaftlichen Gedanke war bereits den Gründungsvätern im Jahr 1875 besonders wichtig. Damals waren es prekäre Arbeits- und Wohnverhältnisse, die die Genossen dazu brachten, eigene Schiffswerften und später Wohnraum zu schaffen. Heute ist es die demografische Entwicklung der Gesellschaft, die nach einer neuen Definition von Selbsthilfe und Selbstbestimmung ruft. "Deshalb entwickeln wir unsere Quartiere generationengerecht weiter", erklärt Speeth.


Der vollständige Artikel erschien im Magazin "DW Die Wohnungswirtschaft", Ausgabe 07/2019.


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