| Interview

25 Jahre Deutsche Einheit – Cordes: "Gemeinsam vieles richtig gemacht"

Dieter Cordes
Bild: GBH

Die Aufgaben in den neuen Ländern nach der Wende waren groß – zum Beispiel mussten Sanierungsträger aufgebaut werden, um die Altstädte zu sanieren. Ein Interview mit Dieter Cordes, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sanierungs- und Entwicklungsträger (ADS) und Vorsitzender des Fachausschusses Stadterneuerung und -entwicklung beim GdW.

Redaktion: Lieber Herr Cordes, Sie blicken auf eine ereignisreiche wohnungswirtschaftliche Karriere zurück, waren unter anderem Vorsitzender des Fachausschusses Stadterneuerung und -entwicklung beim GdW sowie 26 Jahre bei der kommunalen "Bremischen" tätig, zuletzt als Geschäftsführer, und Mitte der 1990er Jahre Chef der kommunalen WBG Marzahn in Berlin. Sie verbrachten auch eine interessante Zeit als Stadterneuerer in Rostock. Wie kam es dazu, dass Sie von Bremen an die Ostsee wechselten?

Cordes: Rostock war schon zu DDR-Zeiten Partnerstadt der Hansestadt Bremen. Nach der Wende wurde der partnerschaftliche Austausch um aktive Beratungshilfe auf staatlicher und betrieblicher Seite ergänzt und ausgeweitet. In Westdeutschland war die kommunale Bremische Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau ein förmlich anerkannter Sanierungsträger der ersten Stunde. Nach Einführung der Städtebauförderung Anfang der 1970er Jahre erwarb der Träger umfassende Expertise in der Durchführung komplexer Stadterneuerungsaufgaben. Dieses Wissen sollte jetzt der Partnerstadt Rostock zugänglich gemacht werden.

Zunächst hospitierten Fachleute aus Rostock bei der "Bremischen" und lernten deren organisatorischen Strukturen und Arbeitsweise kennen. Die beiden Städte vereinbarten den Aufbau einer eigenen kommunalen Sanierungsträgergesellschaft für Rostock. Dabei galt es zu berücksichtigen, dass der rasche Wandel auf allen Ebenen und in allen Bereichen weder lange Einarbeitung noch Aufbauzeiten zuließ. Deshalb wurde die neue Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung zunächst als Zweigniederlassung der „Bremischen“ gegründet und war somit direkt arbeitsfähig. Die Bremische übertrug mir im Einvernehmen mit Rostock die Niederlassungsleitung in Rostock, die ich parallel zu meinen Bremer Aufgaben übernahm. Von Montag bis Mittwoch arbeitete ich in Rostock, der Rest der Woche galt den Aufgaben in Bremen. Das funktionierte damals mit nur zwei Telefonleitungen, ohne Handys oder Internetverbindungen und ohne direkten Autobahnanschluss über Lübeck.

Redaktion: Was waren Ihre Aufgaben? War Ihre "Aufbauarbeit" damals strukturierend, organisierend oder konkret planend, anpackend – in dem Sinne, dass die historische Altstadt vor dem Verfall gerettet werden musste?

Cordes: Die Altstädte der DDR waren zu Wendezeiten landesweit in einem dramatischen Zustand. Der Staat hatte seine ganze Aufbaukraft in die Großwohnsiedlungen gesteckt. Die öffentliche Infrastruktur in den Altstädten war desolat und die privaten und kommunalen Altbauwohnbestände waren zu großen Teilen kaum noch bewohnbar.

In Rostock bot sich uns westdeutschen Fachleuten ein differenzierteres Bild. Rostock als ein Hauptreiseziel der DDR-Urlauber wurde ähnlich wie Ostberlin baulich besser gefördert. Man hatte schon zu DDR-Zeiten große Anstrengungen zum Erhalt bzw. zum Wiederaufbau in der Altstadt unternommen. Im Planungsamt der Hansestadt waren qualifizierte Ingenieure und Altstadtexperten tätig, auf deren planerische Expertise die neue Trägergesellschaft durch deren Übernahme in die privatwirtschaftlichen Strukturen der Zweigniederlassung der "Bremischen" zurückgreifen konnte.

Die Arbeitsteilung zwischen Bremen und Rostock sah vor: Bremen leitet, stellt die betriebswirtschaftliche Struktur sicher, formuliert die Förderanträge und hilft bei der Einarbeitung in die bundesdeutsche Fördergesetzgebung, die neuen Rostocker Kollegen der "Bremischen" planen und bauen; jetzt aber mit moderner Technologie und ausreichenden Finanzmitteln.

Redaktion: Damals waren ja viele Experten und Berater aus dem Westen im Einsatz. Kam man sich da nicht in die Quere?

Cordes: Mecklenburg-Vorpommern wurde nach bundesweiter Zuordnung der westdeutschen Partnerländer von Schleswig-Holstein beraten. Das galt auch für die Städtebauförderung. Gleich zwei Kieler Sanierungsträger und andere westdeutsche Träger standen in einem harten Wettbewerb um die Übernahme von Sanierungsträgeraufgaben im neuen Nachbarland. Die Gründung eigener selbstständiger kommunaler Träger in den zu beratenden Städten war nicht ihr Modell. Dass nun mit Rostock die größte Stadt in Mecklenburg mit den Bremern einen ganz anderen Weg ging, fand nicht nur Begeisterung.

Redaktion: Wie war die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus der Stadtverwaltung, den lokalen Stadtplanern und Stadterneuerern? Stießen Sie auf Widerstände, oder zog man an einem Strang?

Cordes: Die meisten Kollegen der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung und der zuständigen Stadtverwaltung kannten sich schon aus früherer Zusammenarbeit. Es gab nicht mehr und keine anderen Konflikte als die, die die Sanierungsträger auch schon in westdeutschen Kommunen kennengelernt hatten. Widerstände traten eher auf der Landesebene auf, die sich ja ebenfalls neu aufbaute und von einem Flächenstaat beraten wurde. Die "kulturellen" Unterschiede entstanden zwischen der stadtstaatenerprobten Bremischen, die kurze Wege und schlanke Entscheidungsstrukturen kannte mit der jetzt bremisch geprägten Rostocker Gesellschaft, und den zentral denkenden und lenkenden "Schwerinern" aus Kiel.

Redaktion: Wenn Sie zurückblicken: Würde man heute noch einmal so vorgehen? Was meinen Sie, wie die beteiligten Akteure und Institutionen diese Zeit rückblickend beurteilen würden?

Cordes: Die Hansestadt Rostock verfügt mit der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau mbH (RGS) seit vielen Jahren über einen eigenständigen erfolgreichen Sanierungsträger, der unter meinem Nachfolger und heutigem Chef Reinhard Wolfgramm wichtige Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsaufgaben in Rostock erfolgreich umgesetzt hat. Das war unser Ziel 1990. Wir haben wohl damals gemeinsam vieles richtig gemacht.

Redaktion: An welche kuriosen Dinge oder Situationen erinnern Sie sich?

Cordes: Unter den wohlmeinenden Beratern aus dem Westen waren auch sehr zweifelhafte "Experten": In unserem Planungsbüro in der Rostocker Altstadt stellten sich mir auch Spezialisten vor, die mit einer noch zu bauenden gewaltigen Steinmühle flächendeckend die gesamte Altstadt Rostocks zermahlen wollten. So gründlich hätte das nicht einmal die verfehlte Städtebaupolitik der DDR geschafft.

Redaktion: Herr Cordes, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Olaf Berger.

Tipp: Weitere Beiträge zum Thema "25 Jahre Wiedervereinigung" sind in DW 9/2015 ab Seite 50 erschienen. 
 

Schlagworte zum Thema:  Wohnungswirtschaft

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