17.12.2012 | Top-Thema 14. Brandenburger-Hof-Gespräch

„Von einer Konsumenten-Lieferanten-Beziehung zu einer Mitmachbeziehung kommen“

Kapitel
Axel Fietzek, Vorstandsvorsitzender LebensRäume Hoyerswerda eG
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Statement Axel Fietzek, Vorstandsvorsitzender LebensRäume Hoyerswerda eG

Im Internationalen Jahr der Genossenschaften ist viel Positives über uns publiziert worden. Wir haben stabile Fundamente und eine lange Tradition. Wenn ich mit unseren alten Genossenschaftern spreche, die noch mit Stolz davon berichten, wie sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren selber die Schippe in die Hand genommen haben, wie sie Sand organisiert haben und wie viele Stunden sie für ihre Mitgliedschaft gearbeitet haben, dann überlege ich mir, mit welchem Selbstverständnis Kunden und Interessenten heute zu uns kommen. Eigentlich geht es ihnen zunächst nicht darum, Mitglied einer Genossenschaft zu werden, sondern ganz profan darum, eine Wohnung zu mieten.

Einige unserer Kollegen und Kolleginnen haben ihre Genossenschaft stark in Richtung eines reinen Vermieters organisiert und das auch in der Öffentlichkeit so dargestellt. Wir sind aber viel mehr als ein Vermieter. Wir sind ein Verein Gleichgesinnter, der nur seinen Mitgliedern verpflichtet ist. Deshalb sollten mit unseren Begrifflichkeiten klarer umgehen. Wir haben keine Mieter. Wer seine Mitglieder als Mieter bezeichnet, behandelt sie auch so in einer reinen Konsumenten-Lieferanten-Beziehung. Wenn wir es nicht schaffen, aus dieser Denkweise auszubrechen, werden wir einer von vielen Vermietern sein. Gerade Jugendlichen ist die Besonderheit der Genossenschaften in der Regel vollkommen unbekannt. Auf die Frage, wem die Genossenschaft gehört, hört man beispielsweise, die gehört doch der Stadt oder dem Vorstand. Wenn wir über Zukunftsfähigkeit sprechen, ist es deshalb ganz wichtig, diese Besonderheiten der Genossenschaft – also Selbstverantwortung, Selbstverwaltung und Selbsthilfe – in den Mittelpunkt zu stellen.

Warum aber sollte jemand unbedingt Mitglied einer Genossenschaft werden? Ist es das lebenslange Wohnen, mit dem wir ja vielfach argumentieren? Ich glaube nicht, dass das heute noch das absolut Erstrebenswerte ist. Denn die Menschen müssen flexibel sein, dem Arbeitsplatz hinterherziehen und die Wohnung verkleinern oder vergrößern können. Das ausschlaggebende Argument ist eher, die passende Wohnung zu finden. In diesem Zusammenhang würde ich mir wünschen, dass wir die Kooperation der Genossenschaften untereinander verstärken, dass wir uns nicht nur als Genossenschaft XY verstehen, sondern als Genossenschaftsfamilie. Es sollte also unkompliziert möglich sein, von einer Genossenschaft in die andere zu wechseln.

Was hingegen Genossenschaften auch heute interessant macht, ist ihre Stabilität und ihre lokale Verbundenheit. Die Mitglieder wissen: Bei meiner Genossenschaft ist jemand vor Ort, mit dem ich sprechen kann. Diese Nähe zu den Kunden ist bei vielen anderen größeren Wohnungsunternehmen heute nicht mehr gegeben. Auch die Stabilität in der Entwicklung der Wohnkosten ist ein bedeutender Aspekt. Und gerade für die Menschen, die nicht zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung zählen, ist das Thema des Kümmerns wichtig: Die Mitglieder wissen, dass jemand für sie da ist, während die Kinder weit weg wohnen.

Allerdings ist die Bereitschaft, Verantwortung für die Nachbarn zu übernehmen, bei den Mitgliedern unterschiedlich groß. Auch die Bereitschaft, in unseren Gremien mitzuarbeiten, ist nicht allzu ausgeprägt. Hingegen kommt man schnell ins Gespräch, wenn es um praktische Fragen geht, also zum Beispiel darum, ob das Haus blau oder grün angestrichen werden soll.

Eine Herausforderung stellt es dar, den Anspruch, Selbstverwaltung zu praktizieren, eine Gemeinschaft zu sein und etwas füreinander zu tun, auf die Wohngebiete und Häuser herunterzubrechen. Da muss uns für die Zukunft etwas einfallen. Dazu können auch die modernen Medien einen Beitrag leisten. Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise, junge Menschen als Mitglieder zu gewinnen und dafür zu begeistern, von einer Konsumenten-Lieferanten-Beziehung zu einer Mitmachbeziehung zu kommen.

Schlagworte zum Thema:  Genossenschaft

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