17.12.2012 | Top-Thema 14. Brandenburger-Hof-Gespräch

„Eine Alternative, in der sich bürgerschaftliches Engagement wirtschaftlich manifestiert“

Kapitel
Peter Schmidt, Vorstand WOGENO München eG
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Statement Peter Schmidt, Vorstand WOGENO München eG

Genossenschaften verbinden traditionell wirtschaftliches Denken und Handeln mit ganzheitlichen, an menschlichen Bedürfnissen und Maßstäben orientierten Vorgehensweisen. Ihre Mehrfachfunktion als Wirtschafts- und Solidargemeinschaft hebt sie ethisch und sozialpolitisch deutlich von rein gewinnorientierten Kapitalgesellschaften ab. Das qualifiziert sie auch zu verlässlichen Partnern der Politik.

Zugleich wächst in Zeiten wachsender Überforderung staatlicher Versorgungssysteme die Notwendigkeit subsidiärer Systeme. Wohnungsgenossenschaften können elementare Beiträge zur Lösung kommunal- und sozialpolitischer Aufgaben liefern, indem sie sich dem zentralen Bedürfnis des Wohnens und den dem Wohnen angelagerten Grundbedürfnissen (zum Beispiel dem nach sozialer Sicherheit) widmen.

Dennoch wird das genossenschaftliche Unternehmen als Trainingsfeld für Demokratie und solidarische Aushandlungsprozesse von Politik, Medien und Wirtschaftswissenschaften kaum propagiert. Im Gegenteil: Genossenschaften mit ihren eigenen Kompetenzen des sozialen Ausgleichs stellen eine Konkurrenzveranstaltung zur parteipolitisch gebundenen Politik dar, die für sich die Lizenz zur Bestimmung der gesellschaftlichen (Um-)Verteilungsregeln beansprucht. Auch die von der gewerblichen Wirtschaft aggressiv beworbenen individuellen Lifestyles stehen in Konkurrenz zur Selbsthilfekompetenz genossenschaftlicher Gemeinschaften. Und im Bildungssektor von der Grundschule bis zur Finanzwissenschaft führen genossenschaftliche Ansätze bestenfalls ein Mauerblümchendasein. Der homo oeconomicus ist nach wie vor Leitbild der Lehre.

Ohne große Anstrengungen wird es dem genossenschaftlichen Sektor gegen die Interessen des so genannten Mainstreams kaum gelingen, zu einer breiten emanzipatorischen Bewegung und zu einer Alternative zum rein gewinnorientierten Wirtschaften heranzuwachsen. Immerhin kann seit der Novellierung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 eine Mini-Renaissance festgestellt werden. Angesichts globaler Herausforderungen ist dies aber weniger als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Am Ende des Internationalen Genossenschaftsjahres stellt sich die Frage: Wird der Genossenschaftsgedanke weiter in einer selbstzufriedenen Nische hausen, die keinen großen Zuwachs für sich reklamiert, sondern sich eher vom Bösen ringsum abschottet? Oder entsteht nun endlich so etwas wie eine Massenbewegung, die den neoliberalen Kräften durch faktisches wirtschaftliches Handeln (und nicht durch fruchtlosen Protest) allmählich das Wasser abgräbt?

In München erleben Wohnungsgenossenschaften gerade einen politisch flankierten Boom, der angesichts der Wohnungsknappheit in den nächsten Jahren große Neubauanstrengungen ermöglichen soll. Dabei werden Genossenschaften durch den politisch-administrativen Bereich auch als Partner für die Bewältigung städtebaulicher Aufgaben der vernetzten Quartiersentwicklung entdeckt. Es wird sich zeigen, ob diese Schwingungen allein dem bevorstehenden Wahlkampf geschuldet sind.

Ziel sollte (wieder) sein, genossenschaftlich strukturierte Unternehmen aus verschiedenen Geschäftsfeldern so miteinander zu vernetzen, dass der gesamte Sektor mit mehr Schwungmasse interagieren kann, um dem shareholder-basierten Unternehmenssektor eine ernsthafte sozialethische Alternative entgegenzusetzen. Eine Vision wäre, dass Genossenschaften nicht immer nur das sozialpolitische Porzellanzerschlagen der anderen Sektoren heilen, sondern zur echten Alternative heranwachsen, in der sich bürgerschaftliches Engagement wirtschaftlich manifestiert.

Schlagworte zum Thema:  Genossenschaft

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