Abwärtstrend bei Wohnungsbaugenehmigungen setzt sich fort

Die Zahl der Baugenehmigungen ist weiterhin rückläufig. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres 2,3 Prozent weniger Wohnungen genehmigt als im gleichen Zeitraum 2018. Verbände aus Immobilien- und Wohnungswirtschaft werten das als Alarmsignal.

164.600 Wohnungen wurden im ersten Halbjahr 2019 genehmigt. Vor allem die Zahl der Baugenehmigungen für Zweifamilienhäuser sank stark, um 4,7 Prozent. Auch die der genehmigten Mehrfamilienhäuser ging überdurchschnittlich zurück, um 3,2 Prozent. Im Mittel lag der Rückgang zwischen Januar und Juni dieses Jahres bei 2,3 Prozent. Lediglich bei den Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser ist die Zahl annähernd gleich geblieben (minus 0,1 Prozent).

GdW sieht Alarmsignal für Zukunft des bezahlbaren Wohnens

Der Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Axel Gedaschko, spricht angesichts des anhaltenden "Sinkflugs" von einem "deutlichen Alarmsignal für die Zukunft des bezahlbaren Wohnens".

"Von den jährlich notwendigen neuen Wohnungen in Deutschland bleiben wir meilenweit entfernt." Axel Gedaschko, Präsident des GdW

Die Lösungen lägen auf der Hand, sie müssten nur umgesetzt werden, so Gedaschko weiter: Ein Planungs- und Baubeschleunigungsgesetz, dauerhafte steuerliche Verbesserungen für den Wohnungsbau, eine aktive und vorausschauende Liegenschafts- und Bodenpolitik der Städte und Kommunen und interkommunale Lösungen und Stadt-Umland-Kooperationen. Die Kommunen müssten die Grundstücke grundsätzlich nach dem Gebot der Konzeptvergabe und nicht nach Höchstpreisen abgeben, forderte Gedaschko. Außerdem müssten die Genehmigungsbehörden ihre Kapazitäten erhöhen.

BFW: Kommunen sind gefragt

Ähnlich äußert sich der Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), Andreas Ibel. Er fordert eine Vereinfachung und Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie eine bessere personelle Ausstattung der Bauämter. Deshalb seien die Kommunen gefragt, ausreichend bezahlbares Bauland auszuweisen und Verfahren zu beschleunigen: "Sonst bleibt der Wohnungsneubau auf der Strecke."

"Was wir aber vor allem für eine wirkliche Trendwende bei den Baugenehmigungen brauchen, ist der klare politische Wille für mehr Neubau – und zwar bei Bund, Ländern und Kommunen." Andreas Ibel, Präsident BFW

Neben den Wohngebäuden ist laut der aktuellen Statistik auch die Zahl der genehmigten Nichtwohngebäude zurückgegangen. Von Januar bis Juni 2019 verringerte sich der umbaute Raum gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7,1 Millionen Kubikmeter auf 101,3 Millionen Kubikmeter (minus 6,6 Prozent).

Trend setzt sich fort

Die aktuelle Entwicklung ist nicht neu. Bereits in den ersten vier Monaten des Jahres gingen die Baugenehmigungen in Deutschland den Statistikern zufolge um 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Besonders deutlich war mit 5,2 Prozent die Zahl der Genehmigungen für Zweifamilienhäuser gesunken (6.546 Bauvorhaben), bei Mehrfamilienhäusern waren es 0,5 Prozent (53.388 Bauvorhaben). Auch damals gab es schon Kritik.

"Die Zahlen sprechen einmal mehr eine deutliche Sprache: Die Baupolitik in Deutschland ist größtenteils eingeschlafen." Andreas Mattner, Präsident des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss

Mattner ist der Ansicht, dass politische Instrumente wie Mietpreisdeckel und Modernisierungsstopp noch weitere Tribute fordern werden.

Der ZIA-Chef sieht die Lösung in einem Stopp der Grunderwerbsteuer-Ralley, der Einführung der digitalen Bauakte und der Erhöhung der linearen AfA, wie sie der Verband immer wieder vorgeschlagen habe, unter anderem im Positionspapier "28 Vorschläge des ZIA zur Beschleunigung bei Stadtentwicklung, Planung und Bau".

"Bis das alles zieht, hilft nur ein besseres Wohngeld statt Regulierung." ZIA-Präsident Andreas Mattner

Um die große Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen zu decken, müssen nach Einschätzung von Politik und Bauwirtschaft in Deutschland jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen entstehen.

IVD: Leerstandspotenzial im ländlichen Raum nutzen

Die enttäuschende Entwicklung der Baugenehmigungszahlen mache deutlich, dass man sich bei der Lösung der Wohnungskrise nicht nur auf den Wohnungsneubau verlassen könne, ergänzte Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbandes IVD. Parallel dazu sollte man den bereits vorhandenen Wohnraum besser nutzen. Denn Wohnraummangel sei ein Problem der Großstädte und Metropolen.

"Es gibt derzeit außerhalb der Wachstumsregionen laut Hochrechnungen mehr als 300.000 marktaktive Leerstände mit steigender Tendenz." Jürgen Michael Schick, IVD-Präsident

Die Lösung muss Schick zufolge darin gesucht werden, die Infrastruktur und die Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen und Klein- und Mittelstädten attraktiver zu machen, um den Wegzug in die Ballungsräume zu drosseln und Druck von den angespannten Wohnungsmärkten zu nehmen.

Engpass auch bei Sozialwohnungen

Auch die Zahl der Sozialwohnungen ist zuletzt deutlich gesunken: So gab es zum Jahresende 2017 knapp 49.000 weniger Sozialwohnungen als noch ein Jahr zuvor, wie das Bundesinnenministerium an den Bundestag meldete. Und im vergangenen Jahr wurden bundesweit nur 27.040 geförderte Sozialwohnungen neu gebaut.

Ein Grund dafür ist, dass Wohnungen nach einer bestimmten Zeit aus der staatlichen Sozialbindung heraus fallen und dann "normal" am Markt vermietet werden können. Werden nicht im gleichen Umfang neue Sozialwohnungen gebaut, sinkt die Zahl.

"Die Lage beim sozialen Wohnungsbau ist dramatisch. [...] Die soziale Zwischennutzung auf Kosten der Mieter und zum Wohl von Investoren muss ein Ende haben." Chris Kühn, Wohnungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag

Laut Kühn will die Bundesregierung die Mittel für Sozialwohnungen im kommenden Jahr um ein Drittel kürzen. Er fordert deshalb einen Kurswechsel nach dem Motto "ein Mal gefördert, für immer gebunden".


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Schlagworte zum Thema:  Baugenehmigung, Neubau, Wohnungsbau