12.08.2016 | Marktanalyse

Wirtschaftsforscher und Banken warnen vermehrt vor einer Immobilienblase

Droht in Deutschland eine Immobilienblase? Die Anzeichen dafür mehren sich
Bild: Gisela Peter ⁄

Führende Wirtschaftsforscher und Banken warnen vermehrt vor einer Überhitzung am Häusermarkt. Die Indizien nähmen zu. So lag der Preisanstieg bei Mietwohnungen laut dem Immobilienunternehmen JLL in acht untersuchten Großstädten in der ersten Jahreshälfte 2016 gegenüber dem Vorjahr bei sechs Prozent, so hoch wie seit Beginn der Datenerhebung 2004 nicht mehr. Das Forschungsinstitut Empirica diagnostizierte bei acht von zwölf Großstädten eine "eher hohe Blasengefahr".

In Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, Leipzig, Stuttgart und München lag der Preisanstieg bei Mietwohnungen nach Berechnungen des Immobilienunternehmens JLL in der ersten Jahreshälfte 2016 gegenüber dem Vorjahr bei sechs Prozent, so hoch wie seit Beginn der Datenerhebung 2004 nicht mehr. Die saftigen Mieterhöhungen gehen auf ebenso kräftig steigende Immobilienpreise zurück. Einige Beobachter sehen das mit Sorge. "In immer mehr Regionen deutet der Anstieg der Preise für Wohnhäuser auf übersteigerte Preiserwartungen und damit die Gefahr einer Immobilienblase hin", sagt Roland Döhrn, Ökonom beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.

Click to tweet


Nach Berechnungen von Volkswirten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich liegt das Niveau der Immobilienpreise in Deutschland mehr als zehn Prozent über dem langfristigen Durchschnitt - ein Warnsignal, das regelmäßig vor Finanzkrisen zu beobachten sei. "Der Immobilienboom nimmt immer mehr Züge einer Blase an", sagt auch Ralph Solveen von der Commerzbank. Das Problem: Die Preise koppeln sich von anderen wichtigen Faktoren ab. So steigen sie seit 2010 schneller als die Mieten, schneller als das allgemeine Preisniveau und schneller als die Einkommen der Privathaushalte.

Empirica: 8 von 12 Großstädten haben eine "eher hohe Blasengefahr"

Das private Forschungsinstitut Empirica diagnostiziert bei acht von zwölf untersuchten Großstädten eine "eher hohe Blasengefahr". Die Lage könne zudem durch das Brexit-Votum noch angespannter werden - denn nicht wenige britische Unternehmen könnten ihre Firmensitze nach Deutschland verlagern. Das wäre gut für die deutsche Wirtschaft, könnte aber auch die Immobilienpreise weiter in die Höhe treiben.

Allerdings ist die Situation je nach Region sehr unterschiedlich. Während viele Großstädte boomen, haben kleine Kommunen auf dem Land oft mit Wohnungsleerstand zu kämpfen. Einige Hausbesitzer finden kaum noch Käufer. Dennoch: Auch in 140 Landkreisen in Deutschland gibt es laut Empirica eine "mäßige bis hohe Blasengefahr".

Bislang übersteigt die Nachfrage nach Wohnraum in den Boom-Regionen bei weitem das Angebot. "Der Nachfrageüberhang im Wohnungsmarkt ist hoch und in den letzten Jahren gewachsen", erklärt Eric Heymann von der Deutschen Bank. Bauunternehmen kommen kaum hinterher. Die Auslastung war im ersten Halbjahr 2016 laut Statistischem Bundesamt so hoch wie seit Beginn der Aufzeichnungen 1991 nicht. Der Umsatz aller deutschen Baufirmen ab 20 Mitarbeitern habe im Mai bei 5,8 Milliarden Euro gelegen - so hoch wie zuletzt 2000. Die Stimmung in der Branche ist dem Münchner Ifo-Institut zufolge auf Rekordniveau.

Was passiert, wenn die mutmaßliche Blase platzt?

Aber was passiert, wenn die Kehrtwende zu schnell kommt, wenn also die mutmaßliche Blase platzt? Diese Gefahr sieht Solveen unter anderem, weil die Branche noch Rückenwind von der Europäischen Zentralbank (EZB) habe. Die Währungshüter versuchen mit Null- und Minuszinsen sowie milliardenschweren Anleihekäufen, die Kreditvergabe zu befeuern. Dadurch sanken die Hypothekenzinsen auf Tiefstwerte. Das Problem daran: Inzwischen gibt es kaum noch Spielraum nach unten. Fallen aber die Zinsen nicht weiter, während die Immobilienpreise weiter anziehen, dann entstehe die Gefahr einer deutlichen Korrektur. 

Click to tweet

Zwar ist in Deutschland eine exzessive Vergabe von Hypothekenkrediten nicht in Sicht, wie sie in den USA oder Spanien vor der Finanzkrise stattfand. "Trotz der niedrigen Zinsen steigen die Wohnungsbaukredite nur moderat an", sagt Jens Mehrhoff von der Bundesbank. Aber Edgar Walk, Chefvolkswirt des Bankhauses Metzler, sieht "erste bedenkliche Entwicklungen". So gebe es hierzulande bereits Finanzierungen von 110 Prozent des Kaufpreises. Die jeweilige Bank gibt also einen Kreditbetrag an den Hauskäufer, der den Preis des Hauses übersteigt - ein Phänomen, das in den USA vor der Finanzkrise weit verbreitet war.

Lesen Sie mehr:

JLL will enger mit Tech-Dienstleister Leverton zusammenarbeiten

Berliner Mietspiegel 2015 vom Landgericht bestätigt

Transaktion: GAG kauft 1.200 Wohnungen in Köln-Chorweiler

Schlagworte zum Thema:  Immobilienblase

Aktuell

Meistgelesen