Weiterbildung: E-Learning war erst der Anfang

Die Mitarbeiter fachlich fit zu machen und  zu halten – das ist ein großes Thema in allen Unternehmen und eine Herkulesaufgabe. Wie in der Immobilienbranche weitergebildet wird und warum eine neue Art von Lernen nötig ist.

Als zu Beginn der 2000er-Jahre der Begriff "Lebenslanges Lernen" so richtig in Mode kam, klang das für viele vor allem erst mal nach "lebenslänglich" und wenig erstrebenswert. Ein paar Jahre Digitalisierung später ist den meisten Arbeitgebern und Arbeitnehmern klar, dass die Halbwertzeit ihres aktuellen Wissens immer kürzer ausfällt. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als ständig weiter zu lernen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Doch wie bringt man Wissen punktgenau an den Mann oder die Frau?

Nach wie vor hoch im Kurs stehen hierzulande klassische Präsenzschulungen, wie eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) ergab. Kursraum, Klasse, Dozent. Doch immer mehr Unternehmen und Mitarbeiter setzen beim Lernen auch auf digitale Technologien wie Webinare, Lernvideos oder Firmen-Wikis. Acht von zehn der vom KOFA befragten Unternehmen hatten 2017 entsprechende Lernmedien im Einsatz. Zwei Drittel der Unternehmen sehen darin ein wichtiges Instrument, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Allerdings stellen auch 41 Prozent fest, dass es den Mitarbeitern oft an technischer oder Medienkompetenz fehlt. Für solche Fälle seien Blended Learnings hilfreich, stellt das KOFA fest – Kombinationen aus klassischem Unterricht und computergestützten Inhalten.

Online-Angebote machen Lernen zeit- und ortsunabhängig

Diese Mischform erobert auch in der immobilienwirtschaftlichen Weiterbildung langsam ihren Platz. "Angebot und Nachfrage bei Blended-Formaten nehmen stetig zu", beobachtet Nicole Dudenhöffer, Produktmanagerin bei der Haufe Akademie, und führt ihr "Junior Managementprogramm in der Immobilienwirtschaft" als Beispiel an: "Die Präsenzseminare werden ergänzt durch Online-Seminare und E-Learnings. Zugriff hat der Teilnehmer auf seiner Lernumgebung mit digitalem Lernpfad".

Eine andere Variante: Bei der klassischen Fachweiterbildung "Mietverwalter" gibt es Softskill-Trainings als Online-Zugabe. So profitieren Teilnehmer nach wie vor in der Schulung vor Ort von der Möglichkeit zum Netzwerken, können zeit- und ortsunabhängig aber zusätzliches Wissen tanken oder Gelerntes vertiefen. Das ist auch für Natalie Grimm, Personalleiterin bei der Wisag Facility Service Holding, der Grund, alle Präsenzinhalte ihrer Wisag Akademie Stück für Stück auch in Blended-Learning-Formate zu übertragen.

"Für mich ist wichtig, was nach einem Seminar passiert. Gelingt der Transfer in die Praxis? Und da können Webinare, Telefoncoachings oder Wissensnuggets am Arbeitsplatz eine große Hilfe sein." Natalie Grimm, Personalleiterin bei der Wisag Facility Service Holding

Zum Üben, zum Auffrischen, als Erinnerung oder zur Vorbereitung auf Vor-Ort-Seminare, damit dort alle mit dem gleichen Wissensstand starten. Grimm beobachtet, dass es bei den Mitarbeitern gut ankommt, solche digitalen Lernoptionen zu haben. "Auch wenn sie sie faktisch nach einer Präsenzveranstaltung derzeit kaum nutzen", fügt sie schmunzelnd hinzu: "Aber allein schon, dass wir als Unternehmen Möglichkeiten wie diese bieten, ist enorm hilfreich im Employer Branding".

Gerade die junge Generation fragt nach digitalen Formaten, stellt Rüdiger Grebe fest. Er ist Leiter der EBZ Akademie, die schon seit Jahren mit Videos, Studienbriefen und Podcasts arbeitet. Trotzdem bietet sie ihren "Digitalisierungsmanager in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft" in weiten Teilen als Präsenzveranstaltung an, ergänzt um digitale Module.

"In der Immobilienbranche sind Vernetzung und Kommunikation einfach unheimlich wichtig." Rüdiger Grebe, Leiter der EBZ Akademie

Tatsächlich erwartet kein Bildungsexperte, dass der Vor-Ort-Lehrgang komplett ausstirbt. "Für uns ist die digitale Transformation schon lange keine Theorie mehr – mit der Lernplattform bieten wir unseren Studierenden ein adäquates Medium. Nichtsdestotrotz wird in unseren Studiengängen die klassische Präsenzveranstaltung, dort wo sie Mehrwert stiftet, erhalten bleiben. Netzwerken ist eines dieser Themen, die bei uns groß geschrieben werden", meint Michael Zingel, Mitglied der Geschäftsleitung der Irebs Immobilienakademie.

Bestimmte Themen ließen sich auch gar nicht online ersetzen, ergänzt Sandra Niedergesäß, Vorstand der BBA Akademie der Immobilienwirtschaft: "Wir ergänzen unseren Immobilienfachwirt zwar um kleine digitale Lerneinheiten, aber wir sehen auch, dass insbesondere für berufsbegleitend studierende Teilnehmer ein fester Rahmen nötig ist".

Für jeden Bedarf wird es spezielle Formate geben können

Unterm Strich erwarten die Fachleute, dass überall da, wo es um persönliche Kompetenzen und Austausch geht, die Nachfrage nach Präsenzterminen noch steigen wird. Wo dagegen mehr Wissensvermittlung gefragt ist, werden Blended Learnings das Rennen machen. "Und wo früher klassische Seminare den akuten, punktuellen Bedarf deckten", schätzt EBZ-Leiter Grebe, "werden Webinare und Lernvideos zum Einsatz kommen – und das dann on demand." Damit spricht er Plattformlösungen an, über die sich Wissen schnell verfügbar machen lässt, gespeist aus zugelieferten Lernmodulen von Bildungsanbietern – oder selbst gemacht vom Unternehmen und seinen Mitarbeitern. Wie etwa bei Jones Lang LaSalle (JLL).

"Über unsere 'JLL we share'-Plattform teilen wir Wissen", erklärt Sophie Motisi, die bei JLL das Talent Management und die Personalentwicklung verantwortet: "Eine Abteilung mit Spezialisten für ein Thema entwickelt zum Beispiel dazu ein Webinar und teilt so seine Expertise mit interessierten Kollegen anderer Bereiche. Davon profitiert dann das ganze Haus, vor allem auch Quer- oder Neueinsteiger".

Michael Bursik
Michael Bursik, Learning Experience Strategist bei der Haufe Akademie

Learning Experience Strategist Michael Bursik im Interview

"Lernen sollte nicht mehr isoliert im Klassenzimmer stattfinden, sondern stärker im Arbeitsprozess", sagt Michael Bursik, Learning Experience Strategist bei der Haufe Akademie, im Interview mit Ulrike Heitze.

Herr Bursik, warum braucht die Welt neue Bildungsformate? Durch die Digitalisierung veraltet unser Wissen immer schneller.

Bursik: Ein Programmierer muss zum Beispiel kontinuierlich dranbleiben. Das lässt sich schwer mit klassischen Weiterbildungsformen bewerkstelligen, weil das viel zu ineffizient wäre. Besser ist kontinuierliches Lernen. Lernen als Teil des Arbeitens.

Wie kann das aussehen?

Indem Sie als Unternehmen zum Beispiel immer wieder zu wichtigen Themen kleine Lernanstöße geben. Lassen Sie Kollegenteams sich ihre Skills an konkreten Themen im Projekt erarbeiten. Das bringt mehr als ein Seminar für jeden.

Was spricht gegen Seminare?

Grundsätzlich nichts. Aber nach dem 70/20/10-Lernmodell stammen nur zehn Prozent unseres Wissens aus formalem Lernen etwa durch Seminare. 20 Prozent lernen wir über und durch andere. Der Großteil, 70 Prozent, stammt aus Learning on the job. Die Personalabteilungen konzentrieren sich zurzeit nur auf die ersten zehn Prozent. 90 Prozent bleiben so in vielen Unternehmen komplett unberührt. Unser Ziel ist, auch dieses Potenzial zu heben und zu steuern.

Wie stellen Sie das an?

Wir haben eine Learning Experience-Plattform entwickelt, die den Lernenden ins Zentrum stellt. Wir gehen weg von klassischen Trainings hin zum 'Ermöglichen von Lernerfahrungen'.

Klingt etwas abstrakt.

Lernen soll nicht mehr isoliert im Klassenzimmer stattfinden, sondern stärker im Arbeitsprozess. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter muss ein größeres Projekt managen und stellt fest, dass im Team das Know-how dafür fehlt. Er könnte jetzt klassisch einen Kurs besuchen. Dann fehlt er drei, vier Tage im Betrieb und muss das Gelernte auch noch in seinen Arbeitsalltag transferieren. Alternativ könnte man auf selbstgesteuertes Lernen setzen.

"Microlearning ist ein großer Trend"

Wie funktioniert selbstgesteuertes Lernen?

Die Idee ist, einen digitalen Lernraum zu kreieren, aus dem sich unterschiedlichste Inhalte abrufen lassen. Genau dann, wenn man sie braucht. Der Lernende übernimmt das Ruder. Die Angebote speisen sich zum Beispiel aus standardisierten Trainings, die eingespielt werden, oder Dingen, die von Kollegen kommen – eventuell ergänzt um ein Mentorenkonzept: Wer sich auskennt, steht den anderen zur Verfügung. Heinrich von Pierer hat mal gesagt: „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß.“ Dieses firmeninterne Know-how sicht- und nutzbar zu machen, findet in Unternehmen noch viel zu wenig statt.

Wie können neue digitale Formate aussehen?

Statt dem reinen Frontalunterricht mit dem Computer als Gegenüber, wie es früher beim E-Learning war, kann ein ganzer Strauß an Formaten zum Einsatz kommen, durch die man geleitet wird. Videos, Multiple Choice, kleinere Lerneinheiten, Serien – inspiriert von Netflix und Youtube. Microlearning ist ein großer Trend: Ein Thema gesplittet in kleine Einheiten, die man nach und nach durchspielt. Snippets orchestriert zu einem Gesamtkunstwerk. Die neuen digitalen Formate erlauben es, die klassische Linearität des Lernens aufzugeben. Sie können springen, wiederholen, auslassen oder Bausteine individuell zuordnen.

Und wo steht, Ihrer Meinung nach, die Immobilienbranche beim digitalen Lernen?

In der Branche setzen sich solche Trends traditionell ein bisschen langsamer durch. Aber das kann plötzlich auch ganz schnell gehen, wenn etwa ein neuer Player vorstösst. Wir kennen das aus anderen Bereichen. Man denke nur an ImmoScout oder Immowelt. Der Druck durch neue Wettbewerber steigt. Zudem will man ja auch als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Die junge Generation ist ganz anders sozialisiert. Die stehen dem Teilen von Wissen ganz anders gegenüber. Für die ist das normal. Und das sollte man sich als Arbeitgeber zunutze machen.


Der Artikel und das Interview sind erschienen im Magazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 10/2019.


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