Das Schlagwort „Disruption“ ist in der Wirtschaftswelt weit verbreitet und doch kann nicht jeder etwas damit anfangen. Kurz gesagt beschreibt disruptive Technologie eine so weitreichende Innovation, dass sie einen Prozess, ein Produkt oder eine Dienstleistung komplett ersetzt. Was das für die Immobilienwirtschaft und deren Personalpolitik bedeutet, erklärt Professor Tobias Just von der Universität Regensburg.

Im militärischen Kontext bedeutet „disruptiv“ auch „brisant“ oder „hochexplosiv“. „In diesem Sinne gebrauchen es auch die Manager: Disruption bedeutet für sie Revolution“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Falls Disruption Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels in der Immobilienwirtschaft ist, was wären dann die Implikationen für die Immobilienwirtschaft und ihren Personalbedarf?

Was Disruption für die Immobilienwirtschaft und ihre Personalpolitik bedeutet

Die Basis für IT-basierte Geschäftsmodelle in der Immobilienwirtschaft ist heute stabiler als vor 15 Jahren. Dies bedeutet aber nicht, dass alle 126 derzeit bei Gewerbequadrat gelisteten PropTech-Unternehmen nun eine Erfolgsgarantie haben. Auch hier wird es eine Phase der Normalisierung und Auslese geben. Es gehe nicht zwingend darum, etwas Neues zu erfinden, sondern um die Wirkung im engeren Sinne, schreibt der Gründer des Future Real Estate Institutes und Autor unserer Innovations-Serie, Viktor Weber.

Der Trend zu mehr digitalen Wertschöpfungsprozessen in der Immobilienwirtschaft ist unumkehrbar. Doch was bedeutet dies für die Immobilienwirtschaft und ihre Personalpolitik? Hier sind fünf Aspekte wichtig:

  1. Digitale Prozesse erlauben Effizienz in Reinkultur. Informationen stehen in einer nie gekannten Tiefe und Breite zur Verfügung und müssen immer seltener allein durch fehleranfällige Homo Sapiens interpretiert werden. Rechenstarke Maschinen an unserer Seite stärken den Homo Oeconomicus in uns. In vielen Fällen werden Algorithmen Menschen ersetzen, in anderen Fällen werden sie Menschen leistungsfähiger machen. Dadurch wird der Wettbewerb intensiviert, denn die Datenqualität wird zunehmend über die Entscheidungsgüte mitbestimmen.
  2. Unternehmen benötigen neue Tätigkeitsprofile für Mitarbeiter: Mehr Datenmanager, mehr Software-Experten, mehr Datenanalysten, mehr Ingenieure, mehr Innovationsmanager (lesen Sie in unserem Real Estate Innovation Glossar, wie ein erfolgreiches Innovationsmanagement funktioniert).
  3. Wir befinden uns auf einer relativ frühen Stufe der Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft. In den nächsten Jahren werden zahlreiche Innovationen die Branche umpflügen. Neben die Preisführerschaft tritt zunehmend die Innovationsführerschaft als Wettbewerbsstrategie. Innovationsführer in der Industrie haben häufig offene Entwicklungssysteme – nicht für alle Prozesse, doch überall dort, wo Kreativität entscheidend ist, hilft Offenheit. Kooperationen über Unternehmens-, ja sogar Branchengrenzen hinweg bringen Impulse. Personalmanagement wird also schwieriger, da man neue Talente auf neuen Arbeitsteilmärkten suchen muss, weil der Mitarbeiterstab bunter wird und weil die Unternehmensgrenzen diffuser werden.
  4. Der Strukturwandel in der Immobilienwirtschaft wird von anhaltenden Treibern getragen. Keiner der genannten Bestimmungsfaktoren bedeutet eine Veränderung über Nacht. Unternehmen haben also (noch) Zeit für Anpassungsstrategien. Dazu passende Personalstrategien bestehen aus zwei Bausteinen: die Suche nach Menschen mit neuer Expertise zum einen und die Vorbereitung des Personalbestands auf die Veränderungen der digitalen Immobilienwirtschaft zum anderen. Gerade dieser zweite Baustein, zu dem Change Management und Personalentwicklung gehören, geht häufig bei dem „martialischen Gebrabbel“ um den „Krieg um Talente“ unter. Dabei dürfte dieser Baustein für viele Unternehmen schon allein zahlenmäßig wichtiger sein als die Suche nach den knappen Supertalenten.
  5. Da Kulturwandel in Unternehmen schwierig ist, sollten neue Geschäftsfelder Freiraum erhalten, damit sie nicht durch alte Strukturen am Experimentieren gehindert werden und damit das Neue nicht zu Konfliktlinien im Unternehmen führt.

Fazit

Bleibt abschließend der Hinweis, dass sich die Immobilienwirtschaft im Zuge der Innovationstätigkeit und Digitalisierung erneuert, nicht abschafft.

Vieles, was erfolgreiches Unternehmertum in den vergangenen Jahrhunderten ausgezeichnet hat, wird die Digitalisierung nicht zerstören. Persönliche Beziehungen, Vertrauen und Erfahrungen lassen sich durch Daten nicht ersetzen.

Die Immobilienbranche wird Teile ihrer Prozesse erneuern, und dies wird zahlreiche schlafende Unternehmen zerstören. Doch letztlich geht es hierbei um Effizienzsteigerung. Solange es sinnvolle Nutzungen für Gebäude gibt, werden diese Effizienzsteigerungen für die Immobilienwirtschaft und die wachen Unternehmen wertvoll sein.


(Autor: Prof. Dr. Tobias Just, Inhaber des Lehrstuhls für Immobilienwirtschaft an der IRE|BS International Real Estate Business School der Universität Regensburg sowie Wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der IRE|BS Immobilienakademie)

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