Immobilienwissen: Aktuelle Trends in Studium & Weiterbildung

Was die Immobilienbranche bewegt, schlägt sich selbstverständlich auch in Aus- und Weiterbildung nieder. Große Trends, aktuelle Themen, neue Formate. Ein Überblick.

Was war das für ein Jahr! Hörsäle und Seminarräume landauf-, landab leergefegt. Dozenten, Studenten, Kursteilnehmer – alle zu Hause. Mit der Kontaktsperre verlagerte sich 2020 auch die immobilienwirtschaftliche Aus- und Weiterbildung in die heimischen vier Wände. Vorlesungen per Zoomkonferenz, Lehrmaterial zum Herunterladen oder Erklärstücke als Video oder Podcast wurden zum neuen Studienalltag. Wieder einmal Corona als Digitalisierungsbeschleuniger.

Doch die eigentlichen Treiber für den tiefgreifenden Wandel in der Bildungslandschaft sind andere, stellt Larissa Lapschies, Geschäftsführerin der ADI Akademie der Immobilienwirtschaft, fest. Da ist etwa die zunehmende Individualisierung, verbunden mit immer neuen Lebenszielen. „Dazu gehört, nicht ein- und denselben Job bis zur Rente zu machen. Sondern zum Beispiel auch, mit über 50 Jahren Erfüllung in einem ganz neuen Bereich zu finden“, erklärt Lapschies. Das treibt nicht nur Youngster auf die Schulbank. Hochschulen und Akademien warten daher mit immer differenzierteren Angeboten auf.

„Einsteiger, Anwender, Profis: Man muss Level für verschiedene Kenntnisstände anbieten.“ Larissa Lapschies, ADI Akademie der Immobilienwirtschaft

Zudem prägt auch die fortschreitende Digitalisierung in der Immobilienbranche die Aus- und Weiterbildung. Sie verlangt von Mitarbeitern immer neue Fähigkeiten, das Innovationstempo steigt. All diese Entwicklungen finden sich in den Bildungsangeboten der Immobilienschmieden wieder und äußern sich in fünf großen Trends.

(Hier geht’s zur großen Übersicht Aus- und Weiterbildungsangebote in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft).

Trend 1: Bildung losgelöst von Raum und Zeit

„Man muss nicht mehr auf das Programm der ARD warten, wenn man auf Netflix gehen kann“, sagt Rüdiger Grebe, Leiter der EBZ Akademie in Bochum. Ähnlich verhalte es sich mit der Weiterbildung: Was, wann und wo sie lernen, darüber möchten Kunden selbst entscheiden. Zu diesem Zweck hat sein Haus jüngst die digitale Immo-Plattform „EBZ 4 U“ an den Start gebracht. Kursteilnehmer finden hier Lerneinheiten für die autarke, automatisierte Weiterbildung. Unterlagen, Lernvideos und Tests können individuell gewählt und häppchenweise konsumiert werden – daheim oder auch am Arbeitsplatz.

Wohnungsunternehmen etwa erwerben „EBZ 4 U“ für die interne Verwendung und können sie mit eigenen Inhalten weiter bestücken. Die Weiterbildungspflicht für Makler und Verwalter belebt dabei das Akademie-Geschäft: „Auf dieser Welle sind wir stark geritten“, sagt Grebe. Auch die ADI zum Beispiel bietet einen 20-stündigen Online-Kurs „Fortbildungsnachweis für Makler“ an, den Teilnehmer selbstständig Stück für Stück absolvieren. Wie die EBZ will die ADI bis zum Jahresende eine digitale Lernplattform hochziehen, „zu der Teilnehmer sich einen Zugang kaufen können“, sagt Geschäftsführerin Lapschies. 

Trend 2: Mehr Digitales auf der Agenda

Technologien, die früher nettes Beiwerk waren, haben sich spätestens mit der Corona-Pandemie als essenziell erwiesen. Doch der Umgang will erstmal gelernt sein. Beispiel: die virtuelle Vermarktung und Besichtigung von Objekten, etwa mit 360-Grad-Touren. Oder die hybride Eigentümerversammlung, bei der nach WEG-Reform nicht alle Teilnehmer vor Ort sein müssen, sondern auch digital dabei sein können. 

Die Haufe Akademie in Freiburg zum Beispiel bietet ein entsprechendes Seminar für Immobilienverwalter an („Die optimale Eigentümerversammlung“). „Neben fachlichen Aspekten wie einem rechtskonformen Aufbau werden persönliche Kompetenzen für die Moderation geschult“, erklärt Produktmanagerin Nicole Lehmann. Ein ebenfalls neues Seminar mit dem Titel „Immobilienverwaltung 4.0“ zeigt auf, welche Prozesse sinnvoll automatisiert werden können – von Buchhaltung und Abrechnungen bis zur Kommunikation mit Mietern und Eigentümern.

Während die kompakten Kurse auf die praktische Anwendung zielen, bilden die Hochschulen begehrte Methodenkenner für die Schnittstelle zwischen Immobilienwirtschaft und Informatik aus. Mit dem ersten Bachelor-Studiengang Digitales Immobilienmanagement startete die TH Aschaffenburg im vergangenen Oktober. „Die Nachfrage war groß“, berichtet Verena Rock, Leiterin des Instituts für Immobilienwirtschaft- und -management an der TH Aschaffenburg. Rund 50 Erstsemester beschäftigen sich hier erstmals zum Beispiel mit so genannten Smart-Building-Technologien für mehr Nachhaltigkeit wie der CO2-Neutralität von Gebäuden. Im kommenden Jahr plant an die EBZ Business School, ein solches Programmanzubieten.

Im weiterführenden Intensivstudium Digital Real Estate Management der IREBS Immobilienakademie an der Universität Regensburg liegt der Fokus seit drei Jahren auf der Führungskompetenz. „Wir bilden keine Programmierer aus“, betont Akademie-Leiter Just, „sondern Manager mit digitaler Denke, die Veränderungsprozesse anschieben müssen oder neue Geschäftsmodelle entwickeln sollen.“ Auch an der ADI können Immobilienprofis sich neuerdings im siebenmonatigen Kurzzeitstudium Digital Real Estate Management für eine Führungsposition als so genannter Chief Information oder Chief Digital Officer qualifizieren.

Gastronomie Innenstadt Stühle leer
Viele Nutzungsarten - von Büro über Gastronomie bis Hotel - stehen im Zuge der Pandemie auf dem Prüfstand. Das ist auch Thema in aktuellen Bildungsangeboten

Trend 3: Corona-Folgen spiegeln sich im Lehrplan

Die Pandemie trifft die Immobilienbranche an allen Ecken. „Krisenmanagement Gewerbeimmobilien“ oder „Mieten in  Corona-Zeiten“ heißen deshalb beispielsweise Online-Seminare an der ADI. „Wo immer sich ein Thema auftut, wir werden es besetzen“, sagt Leiterin Lapschies. Das ist Aufgabe der Akademien.

Die Hochschulen mit ihren akkreditierten Studiengängen „können nicht jeden Monat die Programme ändern“, stellt Rock von der TH Aschaffenburg fest. Aber die Lehrpläne lassen ausreichend Spiel auch für aktuelle Themen. So beschäftigten Studenten sich im Kurs „Immobiliennutzungsarten“ unter anderem mit der Zukunft der klassischen Büroimmobilie. Was wollen Nutzer: Kürzere Verträge, Co-Working und Co-Living, Betreibermodelle als moderne Formen der Büro- und Wohngemeinschaft? Und wie könnten Hotels sich neu positionieren?

Auch an der IREBS erforschen Studenten die Folgen der Pandemie – etwa für Shopping-Center – in Projekt-, Bachelor- und Masterarbeiten.  Ob Corona, Klimaschutz oder bezahlbares Wohnen: „Spannende Themen, die über das Curriculum hinausgehen, finden bei uns auch Platz in digitalen Kamingesprächen mit unseren Professorinnen und Professoren“, sagt Daniel Kaltofen, Rektor der EBZ Business School.

Trend 4: Präsenzformate reüssieren – dort, wo sinnvoll

Wie das Homeoffice wird auch das digitale Lernen nicht mit Corona verschwinden. Doch nach fast einem Jahr betrachtet man es differenzierter: Digital total ist in Aus- und Weiterbildung nicht der Königsweg.

Klar, wo etwa die Wissensvermittlung im Vordergrund steht, muss keiner von weither zum Campus anreisen – Beispiel Finanzmathematik. So arbeitet beispielsweise die EBZ Business School aktuell daran, ausgewählte Unterrichtsteile fachlich versiert und trotzdem unterhaltsam im Videoformat zu produzieren. An der TH Aschaffenburg habe man während des Lockdowns hochkarätige Gastdozenten für Videokonferenzen gewinnen können. „Virtuell haben viele eher eine Stunde Zeit“, sagt Institutsleiterin Rock. Eine Erfahrung, auf die man sicher auch künftig zurückgreifen werde.

Grundsätzlich ist man sich an Hochschulen wie Akademien aber einig: Wo es vor allem um Atmosphäre, Netzwerken, kreativen Austausch und Debatte geht, bleiben Präsenzveranstaltungen die bessere Wahl. „Uns ist der diskursive Ansatz wichtig“, unterstreicht Just von der IREBS Immobilienakademie. „In der Immobilienwirtschaft gibt es oft nicht nur einen, sondern möglicherweise zwei oder drei gute Lösungswege.“ Diese müssten im Seminarraum gemeinsam erarbeitet werden. EBZ Akademie-Leiter Grebe bringt es so auf den Punkt:

"Online, wo online Sinn macht. Präsenz, wo Präsenz Sinn macht. Die Formate werden ehrlicher." Rüdiger Grebe, EBZ Akademie

Trend 5: Über den fachlichen Tellerrand schauen

Spezialisierung ist gut und schön, darf aber nicht zum Silo-Denken führen. So bietet etwa die EBZ Business School allen Teilnehmern ihrer 2022 neu startenden spezialisierten Angebote – darunter auf digitales Immobilienmanagement oder öffentliches Bau- und Liegenschaftsmanagement spezialisierte Programme – die Möglichkeit zum Studium generale, „in dem sie über den Tellerrand ihres Spezialgebiets blicken können“, sagt Rektor Kaltofen.

Auch an der TH Aschaffenburg befruchten sich das Internationale und das neue Digitale Immobilienmanagement gegenseitig. „Die Anzahl der Wahlfächer ist gestiegen“, sagt Professorin Rock. In interdisziplinären Ansätzen sieht sie überhaupt Potenzial für die Zukunft. Auch in der Bildung.


Eine tabellarische Übersicht zu Aus- und Weiterbildungsangeboten in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft finden Sie hier zum Download.


Finanzspritzen für die Weiterbildung:

Wenn sich der Arbeitgeber beteiligen will, kann er …

> die Kosten der Schulung ganz oder teilweise übernehmen und/oder den Mitarbeiter dafür freistellen. Die Leistungen sind steuerfrei, seit Jahresbeginn sogar dann, wenn die Fortbildung nicht direkt arbeitsplatzbezogen ist, sondern nur der Beschäftigungsfähigkeit des Arbeitnehmers dient, etwa Sprach- oder Computerkurse. Um Vorsteuer abziehen zu können, muss die Rechnung auf das Unternehmen laufen. Auch für den Arbeitnehmer bleibt der Zuschuss in der Regel steuer- und abgabenfrei.

> im Tausch gegen Kostenübernahme und Freistellung Bleibevereinbarungen und Rückzahlungsklauseln abschließen. Aber verhältnismäßig müssen sie sein. Durch die Rechtsprechung hat sich grob als Richtschnur durchgesetzt: Ein Monat Weiterbildung (in Summe der freigestellten Lernstunden) – bis sechs Monate Bindung, zwei Monate Weiterbildung – bis zwölf Monate Bindung, bis sechs Monate Weiterbildung – bis zwei Jahre Bindung, bis zwölf Monate Weiterbildung – bis drei Jahre Bindung.

> Fördermittel nach dem Qualifizierungschancengesetz beantragen. Zuschüsse auf die Fortbildungskosten (je nach Unternehmensgröße 15 bis 100 Prozent) sowie die Entgeltfortzahlung (25 bis 75 Prozent). Infos: www.bmas.de (> Service > Gesetze))


Wenn der Mitarbeiter selbst zahlt, kann er …

> die Kosten der Weiterbildung, Unterbringung, Lernmittel, Fahrtkosten etc. als Sonderausgaben (bei Erststudium/-ausbildung, begrenzt auf 6.000 Euro/Jahr) oder Werbungskosten (bei Zweitstudium/-ausbildung, in unbegrenzter Höhe, Verlustvorträge für Folgejahre möglich) von der Steuer absetzen. Tipp: Zu erwartende Ausgaben vorab auf der Steuerkarte eintragen lassen. Spart monatliche Abzüge.

> als Selbstständiger die Kosten voll aus Betriebsausgaben absetzen und auch Vorsteuer geltend machen.

> sich um Stipendien bewerben. Öffentliche wie private Stiftungen vergeben Gelder zwar oft an (jüngere) Studenten und seltener an Berufserfahrene/Berufstätige. Datenbanken führen aber auch Stipendien für sehr spezielle Zielgruppen, so dass die Suche lohnen kann. Infos: www.stipendienlotse.de, www.mystipendium.de

> (elternunabhängiges) BAföG oder Aufstiegs-BAföG beantragen. Infos: www.bafög.de, www.aufstiegs-bafoeg.de

> sich bei der „Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung“ (SBB) um ein Aufstiegs- oder ein Weiterbildungsstipendium des Bundesbildungsministeriums bewerben. Infos: www.sbb-stipendien.de


Das könnte Sie auch interessieren:

E-Learning war erst der Anfang

Kontinuierliches Lernen löst klassische Trainings ab

Schlagworte zum Thema:  Fachkräftemangel, Weiterbildung, Studium, Ausbildung