Smart contract: Künstliche Intelligenz hilft hier, Regeln aus Daten abzuleiten und automatisiert anzuwenden Bild: Corbis

Miet - und Kaufverträge werden in Zukunft mit Hilfe von Smart Contracts gestaltet. Automatisiert und in der Cloud. Noch ein Quäntchen Künstliche Intelligenz, gepaart mit der theoretischen Unveränderbarkeit der Blockchain. Das klingt gut. Auch deshalb hat die Immobilienwirtschaft das Thema für sich entdeckt. Aus diesem Grund unterzieht unser Experte Viktor Weber im 14. Teil der Serie Real Estate Innovation Glossar "Smart Contracts" einer kritischen Betrachtung.

Zunächst stellt sich die Frage: Was ist ein Smart Contract?

Ein Smart Contract ist ein programmatisches Gebilde, das je nach Fall und Anwender/in einen Papiervertrag ersetzen, ergänzen oder duplizieren soll. Die Idee dahinter ist, dass man zum einen vertraglich verbindliche Abhängigkeiten automatisiert überprüfen, ausführen oder terminieren könnte und zum anderen mit Hilfe der Blockchain Technologie von deren relativer Sicherheit, Konsensfindung und Redundanz profitieren würde.

(Viktor Weber – Gründer & Leiter des Future Real Estate Institute)

Ein Smart Contract könnte nach dieser Definition also die vertragliche Sicherheit erhöhen, den Verwaltungsaufwand minimieren und die Dokumentation verbessern. Ferner könnten Intermediäre, wie Anwälte, Notare oder bürokratische Verwaltungsorgane teilweise obsolet gemacht werden. Ein effizientes, eventuell sogar anonymes (je nach programmatischer Modellierung) Peer-to-Peer Vertragskonstrukt mit Rechtsicherheit ist zumindest die Vision (Quek, B., 2017, „The Promise and Perils of Smart Contracts“, The Undergraduate Business Journal).

Ein genauer Blick – Fallhöhe und Potenzial

Ein intelligenter Vertrag könnte verschiedenartig programmiert werden, weshalb es sich lohnt eine technische Perspektive einzunehmen. So werden beispielsweise BitcoinJ in Java oder Bitcoin Core in C++ programmiert, während Etherium über Solidity läuft, wobei auch andere Sprachen wie etwa Serpent für smarte Verträge genutzt werden. Es handelt sich hierbei um objekt-orientierte Programmiersprachen. An dieser Stelle will ich etwas Gefühl für die Möglichkeiten und Komplexität der programmatischen Abbildung schaffen, indem ich auf ein weiteres Paradigma der Entwicklung eingehe.

In der imperativen Programmierung, dem ursprünglichen Coding-Paradigma, geht es darum eine Reihe von Befehlen linear abzufragen. Der Entwickler muss also im Quellcode jeden Schritt konkret vordefinieren und jeden mögliche Einzelfall ausformulieren. Das Regelkonstrukt ist somit extensiv.

Einen komplexen Vertrag, dessen Rechtsgrundlage der Interpretation bedarf, der aktuelle Rechtsprechung sowie herrschende juristische Meinung berücksichtigen muss, der in seiner Formulierung neuartig ist, imperativ in einer Sprache wie C abzubilden, wäre eine nicht-praktikable und fehleranfällige Sisyphos-Arbeit. Nur ein Beispiel: Käme in einem solchen Vertrag die Formulierung „zumutbar“ vor, müssten sämtliche Fälle der Zumutbarkeit definiert und in Code niedergeschrieben werden.

In der objektorientierten Programmierung, dem momentan relevanten Paradigma im Bereich der smarten Verträge, geht es abstrakter zu. Hier wäre es denkbar, Verträge in Klassen einzuteilen (beispielsweise die Klasse „Kaufvertrag“, die Käufer/in und Verkäufer/in, Adresse sowie eine Wertvariable enthält), die dann wiederum in Objekte unterteilt werden könnten (beispielsweise zwei juristische Personen, zwei natürliche Personen, eine natürliche und eine juristische Person). Dabei werden den Klassen unterschiedliche Methoden zugeordnet, was im Fall von smarten Verträgen 'Konsens finden', 'ausführen', 'überweisen', 'eintragen', 'senden' und vieles mehr sein könnte (Ethereum, 2017, „Solidity - Introduction to Smart Contracts“, Solidity).

Solange es möglich ist, eine Klasse für einen simplen Vertrag absolut genau zu definieren und vorhandene Mechanismen ausreichen, ist dieses System praktikabel. In dem Moment, in dem aber interpretierbare, unklare oder neue Sachverhalte abgebildet werden müssten, ist das nicht garantiert, obgleich Solidity Textkommentierungen zur Interpretation erlaubt.

Künstliche Intelligenz ist kein Heilsbringer

Wenn Sie jetzt aber glauben, dass Künstliche Intelligenz der Heilsbringer ist, dann muss man auch das kritisch hinterfragen.

Simpel formuliert hilft eine Künstliche Intelligenz, Regeln aus Daten abzuleiten und automatisiert anzuwenden, wobei in der imperativen Programmierung noch alle Regeln ausformuliert werden mussten, während andere Paradigmen abstraktere Regeln erlauben. Da Künstliche Intelligenz in den meisten Fällen extensive Referenzdaten benötigt und bei einem wichtigen Vertrag mit hohem Wertgehalt, der aber neuartig ist, eine probalistische Schätzung vielleicht doch etwas unsicher wäre, ist das – zumindest noch – nicht die beste Idee (Ghahramani, Z., 2015, „Probalistic machine learning and artificial intelligence“, nature).

Zusätzlich kommt das Problem des Overfitting, also wenn in Daten Muster erkannt oder Regeln definiert werden, die nicht in der Realität vorkommen. Bei einem künstlich intelligenten Vertrag könnte so beispielsweise folgende Situation entstehen:

  • Als Asset Manager haben Sie bei einem Objekt 70 Mietverträge laufen, allesamt smart.

In Ihren Trainingsdaten zur Prognose von Mietausfällen hat ihr Modell diese Regel abgeleitet:

  • Mietausfallwagnis immer am wahrscheinlichsten, wenn der Vertrag am Freitag den 13. geschlossen wurde.

Diese Regel ist offensichtlich aus der Luft gegriffen, aber der Algorithmus kann seine Entscheidung nicht plausibilisieren. Das führt dann dazu, falls es unerkannt bleibt, dass Verträge am Freitag den 13. grundsätzlich abgelehnt werden oder die Mietausfallwagnis in der Cash-Flow-Modellierung für diesen Fall einfach anders angesetzt wird. Außerdem ist nicht gesagt, dass eine Künstliche Intelligenz die Vorstellungen von Moral und Ethik ähnlich iteriert wie die herrschende Meinung im juristischen Sinne.

Fazit – Was noch passieren muss

Wie viele Anwälte, Notare, Behörden und Unternehmen sind Ihnen bekannt, die den Quellcode eines Smart Contract formulieren, plausibilisieren oder auf Fehlerfreiheit überprüfen könnten? Richtig. Hier müssten zunächst entsprechend Kompetenzen aufgebaut werden, um sicher zu gehen, dass in einem smarten Vertrag auch die Inhalte so abgebildet sind wie es alle Vertragsparteien intendiert haben.

Darüber hinaus ist weiterhin ungelöst, wer in welcher Form bei der Falschausführung (Konsensfindung in der offenen, demokratischen Blockchain) haftet? Sind das die jurisprudenten Informatiker/innen, oder die programmierenden Juristen, eine vertragsaufsetzende Künstliche Intelligenz, die aufsetzende Vertragspartei oder doch ein verteiltes System in Form aller Partizipierenden einer spezifischen Blockchain (Robinson, A. & Hingley, T., 2016, „Smart Contracts: the Next Frontier?“, University of Oxford - Faculty of Law)?

Ferner müsste die jeweilige Blockchain tatsächlich sicher sein, sodass vertraglich nicht beabsichtigte Veränderungen (Hard Forks) ausgeschlossen werden können, was bis dato leider noch nicht möglich ist (Lim et al, 2016, „Smart Contracts: Bridging the Gap Between Expectation and Reality“, University of Oxford - Faculty of Law).

In dem Moment, in dem diese Hürden überwunden werden, wird sich auch die disruptive Wirkung von smarten Verträgen bemerkbar machen.

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Schlagworte zum Thema:  Innovation, Digitalisierung

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