Die Hypoport AG hat alle Anteile an der FIO Systems AG erworben. Was bedeutet diese Übernahme für den Markt? Wie wirkt sie sich auf die Kooperation von Haufe und FIO Systems im Bereich des ERP-Systems axera aus? Ein Round Table mit den Entscheidern der Unternehmen, Hans Peter Trampe (Vorstand Hypoport AG), Nicolas Schulmann (Vorstand FIO Systems AG) und Dr. Carsten Thies (Vorstand Haufe-Lexware Real Estate AG) unter der Moderation von Jörg Seifert (Redakteur "Immobilienwirtschaft").

Herr Trampe, was verspricht sich Hypoport von der Übernahme der FIO Systems in ihr Portfolio?
Trampe: Ein Internetpost traf es genau: "Damit hat Hypoport die kleine Hypoport in Leipzig gekauft." Wir überschneiden uns in allen Zielgruppen. Die Angebote von FIO Systems vervollständigen unsere Geschäftsmodelle oder erweitern diese. Unser Kerngeschäft – die Finanzierung von Immobilien – wird jetzt durch Makeln und die Bewertung komplettiert. Zusätzlich steigen wir in den ERP-Markt ein.

Hans Peter Trampe ist Vorstand der Hypoport AG.

Gemeinsam führender Akteur in der Immobilienwirtschaft werden

Sind Sie, Herr Schulmann, nun am Ziel Ihres Engagements angekommen? Wie nutzen Sie die Marktmacht der Hypoport AG, bei der Sie nun drittgrößter Aktionär sind?

Schulmann: Wir sind diesem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Denn wir hier am Tisch wollen zusammen der führende Akteur in der Immobilienwirtschaft werden. Dazu gehört zuerst ein solider Kundenstamm. Dafür haben wir mit Haufe genau den richtigen Partner. Zweitens brauchen wir dauerhaft Finanzstärke. Denn vor uns liegen einige Investitionen. Und Drittens gehört dazu die richtige Technologie. Das ist genau die magische Mischung für das nächste Level.

Herr Dr. Thies, Sie haben von der Übernahme von FIO Systems durch Hypoport erst durch die Ad-hoc-Mitteilung des SDax-notierten Unternehmens erfahren: Wie überrascht ist die Haufe Group von diesem Vorgang?

Thies: Zuerst war ich überrascht. Doch nach den Gesprächen, die sich sofort nach der Mitteilung angeschlossen haben, nicht mehr. Die Übernahmelogik ist ja sofort eingängig. Da war auch mir gleich klar: Das passt und bringt uns insgesamt voran.

Neues Level erreicht

Was bedeutet dies für die Kooperation zwischen Haufe und FIO Systems?

Dr. Thies: Kurzfristig ändert sich gar nicht so viel. Mittelfristig werden wir profitieren von den Ressourcen, mit denen Hypoport FIO Systems stärken wird. Langfristig entsteht eine wichtige strategische Konstellation. Wir können unsere Idee vom Ökosystem miteinander erweitern. Wir haben wirklich ein neues Level erreicht.

Wie sehen Sie das, Herr Schulmann?
Schulmann: Neben der Finanzkraft ist mir wichtig, dass wir technisch auch die Produkte von Hypoport in unser Ökosystem einbinden. In diesem Fall all diejenigen von Dr. Klein. So bietet mywowi exzellentes Portfoliomanagement für Wohnungsunternehmen. Auch die Intranet-Lösung von Hypoport wird integriert.

Dr. Carsten Thies ist Vorstand der Haufe-Lexware Real Estate AG.

ERP-System: Mehr als nur "Beifang"

Ist die ERP-Komponente, Herr Trampe, nur Beifang dieser Akquisition?

Trampe: Beifang sind ja Fische, die eher zufällig im Netz gelandet sind. In der Tat kam bei uns in einer Vorstandssitzung diese Frage auf: "Steigen wir nun bloß beiläufig in ein ERP-System ein, weil es gerade einfach zum Angebot hinzugehört?" Doch im Hinterkopf hatten wir das schon lange. Jetzt haben wir endlich ein ERP-System gefunden, das auch technisch zu der Philosophie passt, wie wir Plattformen seit über 20 Jahren entwickeln – nämlich ausschließlich webbasiert. Unsere drei Vorstände meinten dann unisono: "Genau in diesen Markt werden wir jetzt einsteigen!" Wenn man das Beifang nennen will, o.k! Wir wollten eigentlich Hering fischen und hatten auf einmal zusätzlich einen riesigen Lobster im Netz! Und mit diesem können wir wirklich etwas bewegen.

Schulmann: Mit Hypoport haben wir endlich den Partner, der nicht nur an einem einzelnen Produkt interessiert ist. Es gab ja in den vergangenen 15 Jahren zahlreiche Angebote von den verschiedensten Marktplayern. Doch zu unserer breiten Palette in der Finanz- und Immobilienwirtschaft war unter den früheren Anfragen kein Pendant vorhanden. Die große Hypoport stärkt tatsächlich in allen Bereichen unser ureigenes Kerngeschäft. Ohne die ERP-Komponente wäre der Verkauf für uns kein Thema gewesen.

Eigene Wege bei der Marktstrategie

Steht, Herr Trampe, das Modell Aareal Bank Pate bei Ihrer Marktstrategie?

Trampe: Ein Patenmodell für uns? Nein! Das gilt sowohl innerhalb der Unternehmen als im Verhältnis zu den Kunden. Wir gehen unsere eigenen Wege. Auf diesen sind wir sehr erfolgreich. Banales Beispiel: Die Aareal Bank hat noch nie ein webbasiertes System entwickelt. Wir dagegen stehen schon immer für End-to-end-Lösungen. Unsere erste Plattform, Europace, haben wir sofort auch für alle Wettbewerber von Dr. Klein geöffnet. Auch das Ökosystem von Haufe ist offen. Ich sehe deshalb zur Philosophie der Aareal Bank sehr große Unterschiede – außer dass wir die gleichen Kunden bearbeiten.

Liegt der Unterschied also in dem zwischen Software und Plattform?

Trampe: Der größere Unterschied liegt in der Philosophie. Wir sind im Vergleich zur etablierten Aareal Bank alle relativ neu dabei. Wir haben frische Ideen und auch keine Altlasten. Wir haben keine Systeme am Ende ihres Produktlebenszyklus. Wie GES zum Beispiel, das definitiv nicht mehr weiterentwickelt werden konnte. Wir bauen jetzt mit axera etwas komplett Neues auf, das in die Zukunft weist.

Nicolas Schulmann ist Vorstand der FIO Systems AG.

Technologiesprung und altbewährte Produkte

Jemand mit ein paar Altlasten sitzt allerdings auch hier am Tisch. Herr Dr. Thies, werden Ihre Bestandskunden auf axera wechseln müssen?

Thies: Was Sie als Altlasten bezeichnen sind unsere ausgereiften, bewährten Produkte, die heute quasi das Rückgrat vieler Wohnungsunternehmen bilden. Aber der Lebenszyklus eines jeden Produktes ist nun mal endlich. Wir erwarten, dass die wowinex-Technologie on premise noch mindestens zehn Jahre genutzt wird. Doch gerade findet ein Technologiesprung statt. Die weitere Entwicklung dieser Softwarearchitektur mit all den heutigen Anforderungen – wie Vernetzung, mobiles Arbeiten, Skalierbarkeit, Automatisierung et cetera – ist mit den alten Produkten nicht mehr auf Dauer zu gewährleisten. Irgendwann werden auch unsere Bestandskunden von uns eine modernere Lösung verlangen, die diesen Anforderungen besser entspricht.

Weshalb hat eigentlich nicht Haufe FIO Systems gekauft? Sie hätte ja auch an die Aareal Bank gehen können!

Schulmann: Dazu gehören ja zwei!

Sie hätten dann nicht verkauft?

Schulmann: Nein, an die Aareal Bank hätten wir nicht verkauft!

O.k. Die Frage aber galt Herrn Dr. Thies.

Thies: Gegen eine Übernahme durch einen Käufer, der nicht zu Haufe gepasst hätte, sind wir mit einer Change-of-Control-Klausel in unserem Kooperationsvertrag abgesichert. Haufe hat FIO Systems nicht gekauft, weil die strategische Überdeckung nicht so wie bei Hypoport zum Wertschöpfungsumfang und zu unserer Ausrichtung passt. Unser Portfolio umfasst die ERP- und Verwaltungssysteme sowie Content, ergänzt durch Services. Wir hatten vorab alle Konstellationen geprüft: Doch um schnell zu sein, ist diese Kooperation die richtige.

Operative Themen auf der Agenda

Bleibt das weiterhin die Zusammenarbeitsform der Wahl? Was ist etwa mit den Urheberrechten an der Software?

Thies: Die Urheberrechte liegen bei FIO Systems. Wir haben miteinander einen Vertriebsvertrag, der FIO Systems bestimmte Rechte zum Eigenvertrieb lässt. Diese Rahmenbedingungen gelten auch weiterhin. Jetzt geht es vor allem erst einmal um die operativen Themen in Produkt und Prozessen, Vertrieb und Consulting, um am Markt erfolgreich zu sein.
Was sind konkret die nächsten Schritte in Ihrer Kooperation?

Dr. Thies: Kurzfristig geht es um Produktentwicklung, Anforderungsprozesse und On-Boarding. Wir üben jetzt viel ein, bauen Ressourcen auf und vervollständigen das Produkt. Die Übernahme durch Hypoport ändert die Agenda nicht. Wir integrieren nun natürlich ihre Erfahrung und Vertriebspower.

Investitionsphase nutzen Budget aufstocken

Herr Trampe, um wie viel wird das Entwicklungsbudget für das webbasierte ERP-Produkt axera aufgestockt?

Trampe: Wir setzen da kein Limit. Sollten sich auf drei Stellenausschreibungen sechs gute Programmierer bewerben, dann nehmen wir diese.

Sie können sich ein solches Vorgehen wohl finanziell locker leisten?!

Trampe: Es ist die grundsätzliche Philosophie unseres Unternehmens! Wir sind zwar ein börsennotiertes Unternehmen, aber wir schauen nicht bloß auf unsere Quartalszahlen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr etwa haben wir ein Umsatzplus von 25 Prozent erreicht. Doch das EBIT-Plus liegt bei null Prozent. Wir nutzen gerade jetzt die Phase, um zu investieren. Und wir haben das Glück, dass Hypoport als sehr attraktiver Arbeitgeber im IT-Umfeld gilt. Zudem hilft uns auch die bulgarische Schwesterfirma von FIO Systems mit einem günstigeren Arbeitsmarkt. Insofern gibt es jetzt keine Beschränkungen auf irgendeine Summe. Wir werden noch weiter aufstocken, das ist klar.

Schulmann: Ich hatte anfangs die Befürchtung: Agiert die börsennotierte Hypoport nicht wie alle Finanzinvestoren? Denn die wollen häufig bloß mit dem halben Personal die doppelte Leistung erzielen. Doch für denjenigen, der investieren und wachsen will, ist das eine kontraproduktive Strategie. Deshalb finde ich es sehr erfrischend, wie sich Hypoport verhält. Wie wir will sie möglichst viele gute Talente akquirieren. Das finde ich für ein börsennotiertes
Unternehmen einmalig.

Eigentlich, Herr Schulmann, haben Sie es ja nun geschafft: Wie lange bleiben Sie noch Vorstand der FIO Systems AG?
Schulmann: Ich?! Ich habe es noch nicht geschafft! Mein Ziel war ja nicht, mein Unternehmen zu verkaufen. Jetzt gehts erst richtig los!

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Schlagworte zum Thema:  Übernahme, Immobiliendienstleister