Fragen Sie zehn Bürger nach einem Konzept für eine Smart City: Sie werden zehn verschiedene Antworten erhalten. Von Blade Runner, Star Wars oder Brave New World bis hin zu E-Mobilität und Nachhaltigkeit. Konkrete Vorstellungen von der Stadt der Zukunft sind selten, selbst Wissenschaftler konnten sich bisher nicht auf eine Definition einigen. Im sechsten Teil unserer Serie "Real Estate Innovation Glossar" liefert unser Experte Viktor Weber einige Erklärungen.

Eine rudimentäre Sentiment-Analyse mit mehr als 600 Tweets zum Thema Smart City zeigt, dass zirka 30 Prozent positiv und 60 Prozent neutral konnotierte Aussagen sind, was in Konsequenz bedeutet, dass die breite Masse von Menschen wenig konkrete Vorstellungen von einer Smart City hat und die einleitende Aussage durchaus realistisch ist (Keyhole.co, 2016, „Smart City“).

Es gibt Forschungen mit reinem Technologie-, Nachhaltigkeits- oder Bewohnerfokus, Anschauungen die konträrer nicht seien könnten. Mehr als 27.000 akademische Publikationen bestätigen aber zumindest das Interesse der Wissenschaft, weshalb es umso mehr verwundert, dass man sich bis dato nicht wirklich auf eine Definition „Smart City“ einigen konnte (Google Scholar, 2016, „Smart City“).

Was ist nun diese sogenannte Smart City?

Wie bereits bei der Definition des Smart Home deutlich wurde, ist man sich bis heute nicht wirklich einig. Aus diesem Grund kann es für sinnvoll erachtet werden, ein Definitionsaggregat aus 116 verschiedenartigen Definitionsversuchen einer Smart City zu verwenden, die wie folgt lautet:

„Eine smarte nachhaltige Stadt, ist eine innovative Stadt, welche Informations – sowie Kommunikationstechnologien und weitere Mittel nutzt, um die Lebensqualität, Effizienz der städtischen Abläufe und Dienste, im Hinblick auf ökonomische, soziale, ökologische und kulturelle Aspekte, verbessert.“

(International Telecommunication Union, 2014, "Smart sustainable cities: An analysis of definitions", ITU-T Focus Group Technical Report).

Ich würde die Smartness durch eine lernende Komponente definitorisch und real optimieren, da eine Stadt aus Fehlern, dem Feedback der Bewohner sowie positiven Dingen lernen können sollte (Chiavlo/Bak, 1999, „Learning from mistakes“, Neuroscience, 90/4, S. 1137 ff).

Wo liegen die Herausforderungen bisheriger Smart City Konzepte?

Das Stichwort Daten wird in Deutschland sensibel diskutiert wird, was dazu geführt hat, dass mehr als 50 Prozent der Bundesbürger ein generelles Misstrauen gegen Firmen in Bezug auf die Nutzung persönlicher Daten haben (Rose/Lawrence/Baltassis/Lang, 2016, „Bridging the Trust Gap: Data Misuse and Stewardship by the Numbers“, BCB.Perspectives).

Dieses Phänomen ist auch von akademischer Seite beleuchtet worden und besonders in Zukunftsstädten wie „Songdo City“ präsent, die wenig einwohnerorientiert „von oben herab“ in einem klassischen Top-Down Approach von Regierung und Technologiekonzernen erschaffen wurden (Olesya, 2016, „The Valuable Citizens of Smart Cities: The Case of Songdo City“, Graduate Journal of Social Science, 12/2, S. 17 ff). Gerade im Kontext von Big Data Analysen und persönlichem „Targeting“ sind die teilweise gläsernen Bürger gegenüber Smart Cities skeptisch (van Zoonen, 2016, „Privacy concerns in smart cities“, Government Information Quarterly, 33/3, S. 3ff).

Smartness in der Stadt: Keine deutsche Stadt unter den Top 10

Ein weiteres Problem ist, dass es keine allgemeingültigen Kriterien zur Beurteilung von Smartness in der Stadt gibt. Zwar existieren bereits seit dem Jahr 2014 „ISO 37120:2014“-Standards, jedoch finden diese nicht überall Anwendung (World Council on City Data, 2014, „ISO 37120:2014“).

Ferner wird die Heterogenität durch unzählige Smart City Rankings veranschaulicht. Forbes (IESE Business School, 2016, „Ranking the World’s ‚Smartest‘ Cities“, Forbes) vergab seine Plätze 1 bis 3 an New York, London und Paris (eine Stadt in Deutschland war nicht unter den Top 10).

Das European Smart Cities Ranking nannte Luxemburg Stadt, Aarhus und Turku auf den vordersten Plätzen, wobei hier ebenfalls keine deutsche Stadt in den Top 10 oder sogar 20 zu finden war (European Smart Cities, 2016, „Ranking“).

Das „Internet of Things“ Institute kürte Singapur, Barcelona und London zu den Siegern (Buntz, 2016, „The World’s 5 Smartest Cities", IoT Institute). Dieses Ranking wurde von Juniper Research bestätigt (Juniper Reseach, 2016, „Singapore named global smart city", 2016).

Click to tweet

Hinzu kommen weitere Herausforderungen, die über den Erfolg oder Misserfolg eines Smart City Projekts entscheiden können. Dazu zählen zum einen Investitionsbereitschaft, Technologienutzung und Management, zum anderen der Mangel an Kommunikation, Einwohnereinbindung und die Messbarkeit des Erfolgs (Center for Cities, 2014, „Smart Cities“). Dies lässt sich im Übrigen auch 1:1 auf jeden Digitalen Transformationsprozess in einem Unternehmen übertragen.

Was birgt die Zukunft für die Smart City?

Wie bei jedem Tansformationsprozess ist der Erfolg multifaktoriell bestimmt, wobei im Fall der Smart City einzelne Erfolgsprädiktoren sowie deren Gewichtungen unbekannt sind. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ließe sich jedoch auch hier durch die Schaffung passender Rahmenbedingungen wie Investitionsbereitschaft, Open Innovation, Einbindung aller Stakeholder einer Stadt, Kompetenz auf Seiten der Stadt sowie ihrer Berater, einer gemeinschaftlichen Umsetzung und einer einwohnerzentrierten Vorgehensweise (Customer Focus oder User Centricity), maximieren.

Ob dies eine unrealistische Utopie ist, vermag ich derzeit nicht zu sagen. Momentan scheint es aber so, da die meisten Projekte sehr insular ablaufen und diese Charakteristika nicht erfüllen. Hoffnung bieten jedoch offene Vorgehensweisen wie Better Reykjavik oder das Future Cities Catapult.

Das sind jedenfalls schon einmal Schritte in die richtige Richtung.

Alle weiteren Teile der Serie finden Sie hier:

Real Estate Innovation Glossar – Einleitung: Begriffe, die die Zukunft der Immobilienwirtschaft prägen werden

Real Estate Innovation Glossar – Teil 1: Was ist Innovation?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 2: Wie funktioniert Innovationsmanagement in der Immobilienwirtschaft?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 3: Was verbirgt sich hinter dem Begriff "Digitalisierung" wirklich?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 4: Was beim Digital Marketing zu beachten ist

Real Estate Innovation Glossar - Teil 5: Smart Home – Willkommen in der Zukunft

Real Estate Innovation Glossar - Teil 7: Was ist CREtech?

Real Estate Innovation Glossar -Teil 8: Building Information Modelling in der Praxis

Real Estate Innovation Glossar - Teil 9: Einsatzbereiche von Augmented Reality in der Immobilienbranche

Real Estate Innovation Glossar - Teil 10: Virtual Reality

Real Estate Innovation Glossar - Teil 11: Wie sich Blockchain auf die Immobilienwirtschaft auswirkt

Real Estate Innovation Glossar - Teil 12: Robotik – nicht nur in der Bauwirtschaft

Real Estate Innovation Glossar - Teil 13: Kryptowährungen – mehr als nur Bitcoins

Real Estate Innovation Glossar - Teil 14: Welches Potenzial haben Smart Contracts?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 15: Bewohnbare Häuser aus dem 3D-Druck sind nur der Anfang

Real Estate Innovation Glossar - Teil 16: Wann ist Smart Metering sinnvoll?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 17: Cloud Computing im Fokus der Immobilienfirmen

Real Estate Innovation Glossar - Teil 18: Internet of Things – eine kritische Betrachtung

Schlagworte zum Thema:  Innovation