07.07.2016 | Top-Thema PropTechs: Eine Branche wacht auf

PropTech-Firmen mischen die Branche auf

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Die Einführung des Bestellerprinzips: Für viele Start-ups ein "Wecksignal".
Bild: 31moonlight31/shutterstock

Lange hat es gedauert, doch spätestens seit das Bestellerprinzip greift, wittern Internetunternehmer Morgenluft: Um die 100 Start-ups haben sich in kurzer Zeit gegründet, um etablierten Immobilienunternehmen das Wasser abzugraben. Mit ihren häufig günstigeren und wendigeren Geschäftsmodellen mischen PropTech-Firmen die Branche auf-auch wenn viele scheitern und wirkliche Innovationen auf sich warten lassen.

Der Begriff „Startschuss“ trifft in diesem Fall den Kern: An die 100 Start-ups sind seit der Einführung des Bestellerprinzips im vergangenen Jahr auf den digitalen Markt für Wohnungsvermittlung gedrängt.

Allen voran: virtuelle Maklerdienstleistungen

Von der Dating-Plattform für Mietinteressenten und Vermieter bis hin zum Komplettservice oder zu der Studentenwohnungs-App für Universitätsstädte – vor allem virtuelle Maklerdienstleistungen boomen und schieben damit eine Branche an, die in Deutschland lange in den Kinderschuhen steckte und sich erst seit Ende vergangenen Jahres unter dem Dachbegriff „PropTech“ sammelt.

Mit der Bezeichnung suchen Jungunternehmer auch Anschluss an Entwicklungen, die international deutlich weiter fortgeschritten sind.

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Dies bestätigt der Vizepräsident des Immobilienverbands IVD, Axel Kloth. Seit Juni 2015 dürfen Vermieter Maklerkosten nicht mehr auf Mieter abwälzen. Derjenige zahlt, der einen Makler beauftragt. Seitdem überlegen sich viele Vermieter vor allem in nachgefragten Märkten, ob sie wirklich Unterstützung bei der Suche nach einem Mieter brauchen – und geschäftstüchtige Internetunternehmer wittern eine lukrative Marktlücke. „Wir gehen davon aus, dass Geschäfte rund ums Makeln etwa drei Viertel der PropTech-Firmen ausmachen“, sagt Jonas Haberkorn, der mit seinem Blog gewerbe-quadrat.de die Szene beobachtet.

Den restlichen Marktanteil teilen sich Start-ups, die sich mit Projektsteuerung, Finanzierung, Planung und Bau auseinandersetzen.

Crowdinvesting fällt darunter genauso wie digitales Dokumentenmanagement oder Smart Building. Gemeinsam mit dem Blogger Sebastian Gustke hat Haberkorn 62 Start-ups in der Vermittlung gezählt, 14 mit Fokus Nutzung, 15 in der Projektsteuerung, neun in der Finanzierung, vier im Bausektor und zwei in der Planung.

Neu ist nur die Preisgestaltung

Wer gründet, sucht sich häufig Nischen oder beschränkt sich auf eine Region, wenige decken die gesamte Bandbreite des Maklergeschäfts ab. Die Start-ups lehnen sich mit Namen wie „123Makler“ oder „McMakler“ an Schnäppchenjäger an oder wecken Verheißungen („Wunderagent“); gemeinsam ist den meisten, dass sie Interessenten per Algorithmen zusammenbringen – also ähnlich wie bei digitalen Partnervermittlungen.

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Innovativ ist allenfalls die Preisgestaltung: Die meisten rechnen Teilleistungen per Festpreis ab, wodurch die Courtage insgesamt deutlich günstiger wird. Branchenschätzungen zufolge liegt die Ersparnis jährlich im Millionenbereich. 

"So viele kommen, so viele verschwinden auch immer“, fasst Bernhard Holzer vom Bundesverband Deutsche Start-ups die Bewegungen am Markt zusammen.

Pioniere verabschieden sich-ein Warnsignal?

Bemerkt hat die Branche gleichwohl das Aus zweier Start-ups, hinter denen prominente Geldgeber steckten: Unlängst beendete Immobilienscout24 seinen Komplett-Service für Vermieter, den das Unternehmen ein Jahr zuvor mit dem Softwareanbieter on-geo gestartet hatte. Zuvor hatte zum Jahreswechsel Rocket Internet sein Start-up Vendomo vom Markt genommen, das mit digitalen Paketen und Festpreisen Maklern das Wasser abgraben wollte.

Man habe in der Zwischenzeit einiges über den Markt gelernt, teilten die Investoren lapidar mit.

Ein Warnsignal für eine erste Konsolidierung auf dem euphorisierten Markt?

Der Geschäftsführer des Webportals Realbest, Axel Winckler, winkt ab. „Das Vorgehen entspricht eher dem üblichen von Rocket Internet. Sie haben den Markt analysiert und versucht, etwas Neues anzubieten; wenn es nicht so eintritt wie erhofft, hören sie einfach wieder auf.“  Winckler weiß, wovon er spricht – der 37-Jährige sammelte selbst beim Rocket-Internet- Flagschiff Zalando Erfahrung im E-Commerce. Marktbeobachter Haberkorn pflichtet ihm bei.

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Viele kämen auf den Markt, ohne dessen Struktur oder etwa rechtliche Bedingungen wirklich zu kennen.

Branchenfremde Geldgeber

Die Geldgeber sind ein Spiegelbild dessen. „In der Regel handelt es sich um Investoren, die Geld auf der hohen Kante liegen haben und anlegen wollen“, sagt Holzer vom Start-up-Bundesverband.

„Überraschend wenige kommen aus der Branche selbst, anders als beim FinTech-Bereich, den die Banken selbst gerade für sich entdecken.“

Haberkorn bestätigt die Einschätzung und spricht von überwiegend „branchenfremden Businessangels“. Die Zahl der Beteiligungsgesellschaften, die sich auf PropTech fokussieren, ist in der Tat überschaubar. Die hinter 32nd Floor steckende in Berlin ansässige Skjerven Holding etwa hat zunächst in 123Makler investiert, eine rasch wachsende Onlineplattform für Makler und Vermieter/Verkäufer; weitere Beteiligungen sind geplant.

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Während einer Studie des Beratungshauses Catella zufolge 2015 Investoren weltweit 1,7 Milliarden Dollar in die Branche steckten, flossen ganze vier Prozent davon nach Europa – und davon wiederum drei Viertel in britische Start-ups.

 

Kristina Pezzei, Berlin

Der Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 07/8/2016, erschienen.

 

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Schlagworte zum Thema:  Online-Plattform, Startup, Bestellerprinzip, Makler, Immobilien

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