07.07.2016 | Top-Thema PropTechs: Eine Branche wacht auf

Die Branche organisiert sich-wirkliche Innovationen fehlen

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"Zu analog" , findet Dr. Thomas Beyerle die Grundstruktur des Immobiliengeschäfts.
Bild: Catella

Die Branche versucht sich strukturell ein eigenes Profil zu geben. In Berlin hat sich die „German PropTech Initiative“ (GPTI) gegründet. Auch der Bundesverband Start-ups arbeitet an einer eigenen Fachgruppe. Tiefgreifende wirtschaftliche und finanzielle Neuerungen fehlen der Branche aber bisher noch, bemängeln Experten. 

Catella-Analyst Dr. Thomas Beyerle geht nicht zuletzt mit Blick auf die häufig lediglich ins Digitale übertragenen bekannten Geschäftsmodelle davon aus, dass in fünf Jahren an die 90 Prozent aller Start-ups von etablierten Firmen übernommen und damit vom Markt verschwunden sein werden.

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, bilanziert Beyerle. Seiner Ansicht nach liegen die Gründe in der zu „analogen Grundstruktur des Immobiliengeschäfts“, der löchrigen Datengrundlage ohne gleiche Datenstandards und der Individualität des Produkts Immobilie. Ähnlich verhalte es sich auf Nachfrageseite: Die Datenlage sei oft diffus. „Wer einen Überblick will, braucht Personal – mit zwei, drei Leuten ist das nicht zu stemmen“, gibt er zu bedenken und kommt auch anhand einer Studie zu dem Schluss:

„Von einem disruptiven Einfluss auf die Immobilienbranche ist der PropTech-Sektor zurzeit noch ein gehöriges Stück entfernt.“

Die Blogger Gustke und Haberkorn pflichten dem bei. Letztlich sei es für Start-ups überlebenswichtig, Geld zu verdienen und den Markt zu verändern – egal ob allein oder in Zusammenarbeit mit bestehenden Firmen.

Trend: Die virtuelle Währung Bitcoin könnte vieles verändern

Innovationspotenzial sehen die Beobachter und Unternehmer etwa in Anwendungen und Techniken rund ums Tablet. Mieterservices könnten auf ganz anderen Wegen organisiert werden, wenn sie „smart“ ablaufen, erklärt Gustke. Mängel in der Wohnung oder im Haus würden so etwa deutlich schneller kommuniziert und könnten im Dialog behoben, Besichtigungen oder Vertragsabschlüsse anders gehandhabt werden. Zu tiefgreifenden Veränderungen führen solche Anwendungen, wenn sie in einen Trend eingebettet werden, den Gustke als den entscheidenden für die Branche ansieht: Entwicklung und Erfolg der virtuellen Währung Bitcoin sowie der damit verbundenen neuen Kommunikationswege.

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– von Kosten für Notare bis hin zu den Grundbuchgebühren, schreibt Gustke in seinem Blog. „Dem Grunde nach sind alle Berufsgruppen und Institutionen bedroht, deren Kerngeschäft in der Verarbeitung von Informationen oder Sachwerten begründet liegt.“ Er entwirft Szenarien, bei denen Apartments befristet per elektronischem Schlüssel angemietet werden. Gibt der Nutzer den elektronischen Schlüssel ab, erlischt auch der Mietvertrag. Dank der Technik hinter Bitcoin könnten solche Verträge völlig transparent ablaufen.

Die Branche organisiert sich 

Während solche tiefgreifenden wirtschaftlichen und finanziellen Neuerungen derzeit eher nach Zukunftsmusik klingen, versucht sich die Branche zumindest strukturell ein eigenes Profil zu geben – auch wenn die Ordnungsversuche noch ähnlich unübersichtlich wie das Gründungsgeschehen selbst erscheinen und aus verschiedenen Ecken kommen.  In Berlin wurde jetzt die „German PropTech Initiative“ (GPTI) gegründet.

Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, digitale Start-Ups in der Immobilienwirtschaft, sogenannten Proptechs, miteinander zu vernetzen und Interessierten einen zentralen Anlaufpunkt für die Szene zu bieten.

Auf der Gründungsversammlung wurde Mitinitiator Alexander Ubach-Utermöhl, (geschäftsführender Gesellschafter der Blackprintpartners GmbH), zum Vorsitzenden gewählt. GPTI-Mitinitiatoren sind Carl-Friedrich v. Stechow (Zinsland) und Nicolas Jacobi (Immomio). Auch der Bundesverband Start-ups arbeitet an einer eigenen Fachgruppe, um der Branche analog zu FinTech nach außen hin ein Gesicht zu geben. So könnten womöglich zielgerichtet Investoren angesprochen werden, erklärt Bernhard Holzer. Außerdem könnten Akteure leichter Kooperationsmöglichkeiten ausloten und sich austauschen, etwa auch zu Rechtsfragen und politischen Rahmenbedingungen.

Unternehmen strecken ihre Fühler aus

Die Beteiligungsgesellschaft Blackprintpartners investiert nicht mehr nur in PropTech-Start-ups, sondern will auch einen Accelerator auflegen, um Jungunternehmern auf die Sprünge zu helfen. Die Wüstenrot-Bank zielt mit ihrer Tochter W&W Digital GmbH, einem Joint Venture mit einer Digitalberatung, auf Ähnliches ab. Immobilienscout24, einst selbst als Internet-Pionier gestartet, war mit seinem Inkubator „You is now“ eines der ersten Unternehmen, das die Fühler freundschaftlich nach den Branchenneulingen ausstreckte.

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Gründer können so von einer etablierten Firma lernen und ihre Idee entwickeln, Immobilienscout24 wiederum sichert sich den Überblick über das Marktgeschehen und tastet sich in den PropTech-Bereich vor. Bei den ersten Start-ups ist das Unternehmen bereits eingestiegen– zunächst mit einer Minderheitsbeteiligung.

 

Der Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 07/8/2016, erschienen.

 

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Schlagworte zum Thema:  Digital, Bitcoin, Startup, Immobilienwirtschaft, Makler, Online-Plattform, Immobilien

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