Nachverdichtung: Städte müssen beim Wohnungsbau kreativ sein

Die Flächen sind knapp, die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen groß: Die Städte werden zunehmend selbst aktiv gegen den Wohnungsmangel. Hamburg zum Beispiel will in Altona auf Gleisen bauen und in Freiburg wurden schon Verkehrsinseln zum Baugrund. Auch andere Kommunen haben interessante Pläne.

Um an das Areal rund um den bestehenden Bahnhof Hamburg-Altona zu kommen, hat die Stadt bei der Veräußerung des Shopping-Centers im Bahnhof und dem dazugehörigen Parkhaus von ihrem Vorkaufsrecht gerade noch rechtzeitig Gebrauch gemacht. Zwei Tage später, und die Frist dafür wäre abgelaufen, wie Thomas Schuster, Geschäftsführer des Landesbetriebs Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG), sagte. Erst im September hatte eine britische Investmentfirma das Gebäude für 91 Millionen Euro an die Volksbank Braunschweig Wolfsburg verkauft – jetzt hat Hamburg zugeschlagen und will "an herausragender Stelle ein weiteres Stück Stadtreparatur vornehmen", wie Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) sagte.

Nach Plänen der Deutschen Bahn für die geplante Verlegung des Bahnhofs sollen Fern- und Regionalzüge künftig nicht mehr in Altona, sondern zwei Kilometer weiter nördlich am S-Bahnhof Diebsteich halten. Auf den frei werdenden Gleisflächen will die Stadt Hamburg nun neue Wohnungen bauen. Der Bahnhof soll als S- und Bus-Bahnhof bestehen bleiben. Machbarkeitsuntersuchungen hätten gezeigt, dass eine Verwirklichung dieser Ziele nur unter Einbeziehung der nun erworbenen Flächen und Gebäude möglich sei, so die Finanzverwaltung.

Auch das geht: Acht Geschosse auf einer Verkehrsinsel in Freiburg

Rennwegdreieck, Freiburg

Auch die Stadt Freiburg im Breisgau ist erfinderisch, wenn es darum geht, auf Flächen zu bauen, die wohl niemals bebaut worden wären, wenn nicht der Bedarf an neuem Wohnraum so groß wäre. Auf einer Verkehrsinsel zwischen Straßen und Bahnlinie baut das kommunale Unternehmen Freiburger Stadtbau ein achtgeschossiges Gebäude mit 49 Wohnungen. Weil es sonst zu eng würde, wurden die vorgeschriebenen Stellplätze auf ein Grundstück der Stadtbau auf die andere Straßenseite "verlegt", in eine ähnlich kleine Baulücke. Auf dem Parkhaus-Dach selbst sind weitere Wohnungen geplant. Damit es mit dem genossenschaftlichen und geförderten Wohnungsbau zügig vorwärts geht und Kosten wegfallen, hat etwa die Stadt München den Stellplatzschlüssel gleich reduziert.

Weil Freiburg seit Jahren ein ausgeprägtes Problem mit dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen hat, von dem auch die Mittelschicht zunehmend betroffen ist, hat sich die Stadt bereits im Jahr 2015 eine Besonderheit ausgedacht: Eine Sozialwohnungsklausel von 50 Prozent. Konkret heißt das, dass in neuen Baugebieten die Hälfte der Mietwohnungen gefördert sein müssen. Vor Kurzem hat sich das schleswig-holsteinische Norderstedt dem angeschlossen und ebenfalls eine 50-Prozent-Klausel beschlossen. Die meisten anderen Kommunen haben eine 30-Prozent-Klausel für den geförderten Mietwohnungsbau.

Karlsruhe setzt auf große Gewerbeflächen

Auch Karlsruhe, nach Stuttgart die zweitgrößte Stadt in Baden-Württemberg, hat ein Problem, das viele prosperierende Großstädte haben: den Mangel an Bauflächen. Nach Angaben der Stadt werden langfristig bis zu 258 Hektar Bauland für den Wohnungsneubau gebraucht, "gefunden" wurden bislang aber nur 85 Hektar. Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) will deshalb vermehrt Gewerbeflächen für die Stadt und neue Wohnungen sichern. Man versuche intensiv vor allem an große Flächen heranzukommen, so Mentrup, mit dem Ziel, aus Gewerbegebieten Misch- oder Wohngebiete zu machen.

Herausforderung der anderen Art: Schrottimmobilien

Einen ganz anderen Weg muss Delmenhorst in Niedersachsen gehen. Zwei Hochhäuser mit insgesamt 80 Wohnungen im Problemviertel Wollepark stehen leer. Sie wurden im Jahr 2017 verriegelt, weil die Eigentümer zwar immer wieder Sanierungen angekündigt hatten, aber nie tätig wurden. Die Stadt hatte die Gebäude für unbewohnbar erklärt, nachdem die Mieter monatelang ohne Heizung und fließendes Wasser darin gelebt hatten. Gas und Wasser waren wegen nicht bezahlter Rechnungen abgedreht worden.

Nun scheint eine Lösung in Sicht zu sein. Die Eigentümergemeinschaft habe signalisiert, nun doch einem Verkauf zuzustimmen, sagte Delmenhorsts Oberbürgermeister Axel Jahnz. Er will die Häuser kaufen und abreißen. So ist der Plan. Er hoffe, dass "die Sache" in zwei Jahren erledigt sei. Wenn alles klappt, will Delmenhorst das Brennpunktviertel Wollepark neu aufstellen.

Frankfurt schiebt Business-Apartments einen Riegel vor

Nicht nur Frankfurt am Main, zahlreiche andere Städte wollen den Wohnraum wieder dem Markt zugänglich machen, der sozusagen zweckentfremdet worden ist. Auch auf den deutschen Inseln will man mit Normen arbeiten: Zuletzt hat Norderney eine strenge Satzung beschlossen, um Mietwohnungen zu schützen. Wer Wohnraum für gewerbliche oder berufliche Zwecke umwandelt, muss künftig mit hohen Bußgeldern rechnen.

Die Finanzmetropole am Main geht aber sogar noch einen Schritt weiter als die Kommunen, die zum Teil seit Jahren gegen illegale Ferienwohnungen kämpfen: Gegen das sogenannte Residenzwohnen oder "Wohnen auf Zeit", das unter anderem Geschäftsleuten eine Alternative zu Hotels bietet, soll notfalls juristisch vorgegangen werden. Hier sieht das Frankfurter Planungsdezernat nicht nur einen Verstoß gegen die Ferienwohnungssatzung, sondern auch gegen das Baurecht oder das Mietrecht. Im Mai hatte die SPD-regierte Stadt versuchsweise einmal das Thema "Mietendeckel" zur Diskussion gestellt, viele Anhänger fand Oberbürgermeister Peter Feldmann aber nicht.



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dpa
Schlagworte zum Thema:  Wohnungsbau, Nachverdichtung