Expo Real 2017: Die 20. Edition der Expo Real toppte alle Rekorde Bild: YouTube

Die Zeit der Niedrigzinsen ist noch lange nicht vorbei, und so fließt weiterhin viel Kapital in die Immobilienmärkte. Die Branche freut es – sie zeigte sich auf der diesjährigen Expo Real in bester Stimmung. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Das große Thema der Messe waren die Digitalisierung und alle Veränderungen, die dadurch auf die Branche zukommen. Eine Nachlese.

Oktober, München, Expo Real – und wie in jedem Herbst seit zwei Jahrzehnten sorgte die internationale Immobilien- und Investment-Messe in der bayerischen Landeshauptstadt wieder für volle Hallen und gute Geschäfte der Hotels, Restaurants und Taxifahrer.

Die 20. Edition der Expo Real toppte alle Rekorde, wie die Ausrichter feststellen: Mehr als 41.500 Professionals kamen vom 4. bis 6. Oktober zum Treffen der Immobilienbranche, mehr als 2.000 Unternehmen, Städte und Regionen aus 35 Ländern stellten aus.

Attraktive "Fundamentals" locken internationale Investoren

Für den „Run“ auf die Messe gibt es einen guten Grund: Die Immobilienwirtschaft ist eine Boombranche, europaweit. Insbesondere der deutsche Immobilienmarkt läuft weiter auf vollen Touren, was nicht zuletzt den sozioökonomischen Rahmendaten geschuldet ist. So sorgt das durch Zuwanderung und wieder steigende Geburtenzahlen gespeiste Bevölkerungswachstum für eine tendenziell steigende Nachfrage an den Wohnimmobilienmärkten und beschert den entsprechenden Transaktionsmärkten Konjunktur.

Günstige Rahmenbedingungen liegen auch für deutsche Gewerbeimmobilien vor: Die Indikatoren für die Lage der Unternehmen fallen positiv aus, die Wirtschaft wächst, der Arbeitsmarkt entwickelt sich positiv; inzwischen scheint eher der Fachkräftemangel ein Problem zu sein – vor nicht allzu langer Zeit war es noch die Arbeitslosigkeit. Da in den vergangenen Jahren wenig gebaut wurde, werden Flächen in den deutschen Bürohochburgen, den „Big Seven“, inzwischen knapp, was Projektentwicklern perspektivisch eine gute Auftragslage sichert und Investoren, solange der Vermietermarkt anhält, eine Erhöhung der Mietpreise realistisch erscheinen lässt.

Kein Wunder also, wenn angesichts dieser „Fundamentals“ die Nachfrage nach Immobilien in Deutschland bei internationalen Investoren steigt. Zumal Anlagen in das so genannte Betongold derzeit ohnehin alternativlos erscheinen – in Zeiten geldpolitischer Experimente, wie der Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung, der in Folge steigenden Staatsverschuldung sowie der von den Nationalbanken verordneten Niedrigzinspolitik.

Geringe Produktverfügbarkeit: eines der großen Expo-Real-Themen

„Der Fokus internationaler Investoren auf den deutschen Immobilienmarkt war bei dieser Expo Real spürbar wie nie“, sagt JLL-Deutschland-Chef Timo Tschammler.

Es sei viel Kapital und Anlagedruck im Markt. Nach den Zahlen, die JLL pünktlich zum Messebeginn präsentiert hatte, wechselten bereits in den ersten drei Quartalen 2017 Gewerbeliegenschaften für 38,6 Milliarden Euro die Hand – satte 19 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Es war das zweitbeste Dreivierteljahresergebnis seit 2007.

JLL geht davon aus, dass sich der Aufwärtstrend im letzten Quartal fortsetzt und rechnet für das laufende Jahr mit einem Transaktionsvolumen von bis zu 55 Milliarden Euro. Das wäre ein ähnliches Ergebnis wie im Rekordjahr 2015 mit 55,1 Milliarden Euro.

„Deutschland wird angesichts globaler geopolitischer und wirtschaftlicher Risiken als Stabilitätsanker in der Wahrnehmung der Anleger Bestand haben“, so Matthias Leube.

Für den CEO und Head of Capital Markets bei Colliers Deutschland liegt es an der Marktgröße und der Produktvielfalt des hiesigen Immobilienmarktes, dass deutsche Objekte bei internationalen Anlegern als Beimischung in den länderübergreifenden Portfolien gefragt seien. Der deutsche Markt sei im Gegensatz zu den meisten europäischen Kernmärkten nicht auf eine landesweit ausstrahlende Metropolregion beschränkt und biete ein zum Teil noch unausgeschöpftes Anlagepotenzial“, meint Leube.

Doch längst nicht jeder Investor auf Einkaufstour komme in Deutschland zum Zug, ergänzt JLL-Chef Tschammler: „Das ‚frustrierte Kapital’ ist enorm hoch.“

Die geringe Produktverfügbarkeit habe bei dieser Messe zu den wichtigsten Themen gezählt, wie Ingo Hartlief bestätigt. Und das neben einer zunehmenden Risikoneigung trotz insgesamt sinkendem Renditeniveau. „Bekannte Entwicklungen aus den letzten Zyklen, die angesichts der stabilen Zinssituation heuer aber niemandem Angst machen“, sagt der ehemalige Top-Manager von Corpus Sireo, der dem Unternehmen noch bis Ende dieses Jahres als Berater zur Verfügung steht.

„Die Nachfrage ist breit. Für fast jedes Angebot findet sich ein Interessent“, berichtet auch Beate Lichner, Geschäftsführerin der Lichner Projects GmbH.

„Die zum Teil aufgerufenen Renditen scheinen im ersten Moment oft fast abenteuerlich“, so Lichtner.

Doch bei realistischer und neutraler Betrachtungsweise könne man sie in den meisten Fällen vertreten, da es an alternativen Anlagemöglichkeiten mangele.

Die Nachfrage nach Nischenprodukten steigt

Die Party scheint also noch lange nicht zu Ende. „Eine Änderung des niedrigen Zinsumfeldes ist nicht in Sicht, sodass wir weiterhin mit einem starken Investmentmarkt rechnen können“, ist Colliers-Experte Leube wie viele andere Marktteilnehmer überzeugt. Angesichts der mageren Kapitalmarktrenditen dürften weiterhin viele Anleger nach höher rentierlichen Immobilieninvestments suchen und folglich das Angebot in den klassischen Anlagesegmenten noch knapper werden, die Preise noch höher und die Renditen noch magerer.

Auch dass Investoren nach neuen Strategien suchen, wurde auf der Expo Real deutlich. Und so steigt die Nachfrage in so genannte Nischenprodukte, beispielsweise Pflege- und Seniorenheime, temporäres Wohnen, Logistikimmobilien oder Parkhäuser. Also Investments, um die auf Sicherheit bedachte Core-Investoren bis vor nicht allzu langer Zeit noch einen großen Bogen gemacht haben.

Auf der Suche nach mehr Rendite scheint die Risikoaversion vieler Anlegergruppen nachzulassen.

Expo Real als Gradmesser für die digitale Transformation der Branche

Neben der Kapitalschwemme auf dem Immobilienmarkt, der Produktknappheit in Deutschland, dem niedrigen Renditeniveau und der Suche nach Ausweichstrategien gab es ein weiteres großes Thema: die Digitalisierung, die viele Immobilienmarktakteure als eine der wichtigsten Bedingungen für die Zukunftssicherheit des eigenen Unternehmens betrachten.

Entsprechend hoch war das Interesse der Expo-Real-Besucher an den Veranstaltungen der Messe zu diesem Thema. An vielen Ständen wurden Themen wie Big Data, Predictive Analytics, Blockchain, Sensorik, Mensch-Maschine-Schnittstellen oder Robotik diskutiert.

Wie sehr sich Immobilienunternehmen mit der Digitalisierung auseinandersetzen, zeigte auch die auf der Messe vorgestellte Studie „Smart, Smarter, Real Estate“ von EY Real Estate und ZIA: Danach ist für inzwischen 90 Prozent der befragten Fachleute Digitalisierung ein relevantes Thema – und 77 Prozent sehen sich selbst in der Phase, in der bereits konkrete Projekte entwickelt und umgesetzt werden.

In diesem Sektor gibt es noch jede Menge Handlungsbedarf. Und so gründete die Messe München anlässlich der diesjährigen Expo Real mit REIN ein neues Real Estate Innovation Network. Im Vorfeld der Messe hatte REIN 700 internationale Startups identifiziert und die 25 besten nach München geholt, um sie mit etablierten Immobilienunternehmen zu vernetzen. Ein Ziel, das aus Sicht aller Beteiligten hervorragend umgesetzt wurde.

Auch wenn der Aufholbedarf der Immobilienwirtschaft gegenüber anderen Branchen weiterhin signifikant sei, hätten sich viele Unternehmen gegenüber dem Vorjahr „deutlich besser aufgestellt“, bemerkt Fabian Hellbusch, Leiter Immobilien Marketing und Kommunikation von Union Investment Real Estate. „Die Expo Real ist ein Gradmesser für die digitale Transformation der Branche.“

Boomstimmung und Achtsamkeit gehen Hand in Hand

Die Stimmung auf der internationalen Immobilien-Investmentmesse war, wie die Messeveranstalter in ihrem Schlussbericht hervorheben, ähnlich wie in den Vorjahren: heiter bis ausgelassen, doch "gleichzeitig achtsam“.

Und Achtsamkeit scheint in der Tat geboten: Denn der Run auf Immobilien hält nun schon seit Jahren an. Dieses oftmals als „verlängerter Zyklus“ bezeichnete Phänomen bekanntermaßen „marktfremder“ Einflussfaktoren ist unter anderem dem Zinsdiktat der EZB geschuldet. So zeigten sich auch einige Marktteilnehmer skeptisch.

„Die Stimmung ist positiv, alle machen gute Geschäfte“, sagt Nikolai Deus von Homeyer, Geschäftsführer NAS Invest GmbH. Insgesamt sorgten die Niedrigzinsen für eine anhaltend hohe Nachfrage nach Immobilien-Assets, was natürlich die Atmosphäre auf der Messe präge.

„Aber die Frage, wann der nun schon über Jahre andauernde Immobilienboom zum Ende kommt, stellt sich doch mit jedem Jahr, das er andauert, drängender“, sagt Deus abschließend.

Expo-Real-Videos: Sehen Sie unsere Video-Nachberichte und Interviews
von den drei Messetagen

Videointerview mit Alexandre Grellier, CEO der Drooms GmbH

Interview mit Martina Hertwig, Wirtschaftsprüferin, Baker Tilly​​​​​​​

O-Töne von Michael Schmid, Vorsitzender der Geschäftsführung, DB Services GmbH

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Im Gespräch mit David Etmenan, CEO der Novum Group

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Schlagworte zum Thema:  Immobilienbranche, Immobilienmesse, Expo Real

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