29.09.2015 | Top-Thema Nachlese: Köpfe schaffen neue Allianzen

Preisträger und Sponsoren diskutieren

Kapitel
Das Thema Flüchtlinge war allgegenwärtig. Es kommt zu spannenden Gemeinsamkeiten.
Bild: Jochen Zick

Von Investment bis Integration gab es interessante Themen, welche die Diskussionsrunde bereicherten. Vereinzelt schwappten Projektideen über. Es folgen alle Highlights der Diskussion:

Herr Streletzki, wird es eine Bambi- Verleihung geben in den neuen Hallen?

Streletzki: Ja, aber die gab es auch früher schon. Wir haben natürlich viel gelernt. Die Hallen sind jetzt zwei Meter höher, also fernsehgerechter. Es gibt jetzt zwei Großküchen. Um 3.000 Leute zu bewirten.

Woran erinnern Sie sich gerne?
Streletzki: L‘Oréal hat einmal einen Weltkongress bei uns veranstaltet. Ich glaube, man hat damals in der alten Convention Hall mindestens eine Million dafür ausgegeben, alles weiß zu machen. So wurden 6.000 Quadratmeter weißer Teppich verlegt. Etwas anderes war unsere private Bahnanbindung. Da sind per Sonderzug 1.000 Siemens-Mitarbeiter bis vor unsere Tür gefahren. Am Bahnhof Zoo stiegen die Hotelmitarbeiter zu und gaben ihnen schon den Zimmerschlüssel.

Sie hatten ja auch Gäste der Maccabi-Games bei sich im Estrel?
Streletzki: Ja, etwa 2.300 Personen waren bei uns untergebracht. Wir haben 80.000 Essen zubereitet, und das koscher. Das war möglich, weil das neue Convention Center gerade fertiggestellt war. Wir hatten 2.500 neue Bestecke. Ich glaube, es waren 13 Rabbis, die alles überwacht haben.

Was war Ihre Motivation für den Bau des Estrel?
Streletzki: Mir hatte der Regierende Bürgermeister Diepgen erzählt, 1996 oder 1997 würde der neue Flughafen fertig sein. Das gab für mich den Ausschlag.

Und die Motivation jetzt?
Streletzki: Es spielt schon eine Rolle, dass wir heute eine Zinssituation haben, die Investitionen erleichtert. Als das Estrel gebaut wurde, hatten wir 7,5 Prozent Zinsen.

Was ist das Besondere an dem Standort?
Streletzki: Er ist einzigartig. Vor dem Haus gibt es den Landwehrkanal. Hinterm Haus eine Eisenbahnanbindung. Direkt neben dem Hotel war die Trasse für die Autobahn vorgesehen. Es gibt eine hervorragende Bahnanbindung.

Verdienen Sie schon Geld mit der zweiten Convention Hall?
Streletzki: Wir haben vom ersten Tag an Geld verdient. Wir sind mit Sicherheit das profitabelste Hotel in Deutschland. Der Cashflow wird mit dem neuen Center noch einmal erheblich besser aussehen.

Gab es die Idee, das Konzept an anderen Orten auszuprobieren?
Streletzki: Das hat es ein paar Mal gegeben. Ich bin jedes Mal damit gescheitert. Es ist uns einmal gelungen, ein ähnliches Objekt fast in Paris zu verwirklichen. Der Pariser Bürgermeister war sicher fünf Mal bei uns. Es sollte gegenüber vom Stade de France sein. Wir machten damals eine komplette Planung für 1.400 Zimmer.

Woran ist das gescheitert?
Streletzki: Das war etwa vor zehn Jahren. Man fand zu dieser Zeit keine Bank, die bereit war, sich zu engagieren. Die Größe eines solchen Projektes kann also auch ein Nachteil sein. Ähnliches ist später mit Barcelona und auch mit Wien passiert.

Herr Buch, die Vonovia ist das größte deutsche Wohnungsunternehmen inzwischen. Ist Größe ein Wert an sich?
Buch: Von dem Gedanken lassen wir uns nicht leiten. Wir wollen Größenvorteile sinnvoll einsetzen: für eine bessere Wohnungs- und Leistungsqualität.

Was ist mit der Verbesserung Ihres Immobilienbestands?
Buch: Die bleibt natürlich in unserem Fokus. Es sind Rekordinvestitionen geplant. Damit liegt Vonovia weit über den Branchenwerten. Dieses hohe Niveau werden wir auch in den kommenden Jahren halten.

Frau Kirsch, Integration ist in aller Munde. Ihre Anmerkungen dazu?
Kirsch: Integration gelingt nur, wenn man sich um mehrere Lebensthemen kümmert. Bei unserem Modellprojekt Bunte 111 ging es daher nicht nur darum, für „geordnete“ Verhältnisse in einem Wohnhaus zu sorgen. Unser Fokus lag auch auf Bildung, Arbeit, medizinischer Versorgung und auf dem Spracherwerb.

Und das Ergebnis?
Kirsch: Es gab bei vielen keine Integrationsmöglichkeiten. Übrig geblieben sind fünf Familien von 100. Die kamen das erste Mal in den Genuss eines Mietvertrages. Der Verein Phinove hat die inhaltliche Arbeit aufgenommen. Parallel wurde das Haus technisch in Ordnung gebracht.

Aber es gab doch sicher Vorbehalte?
Kirsch: Ja, auch in unserem eigenen Unternehmen. Firmen haben Leistungen nur teilweise erbracht, sie uns aber vollständig in Rechnung gestellt. Es bedurfte eines kommunikativen Prozesses mit vielen Beteiligten, um die Vorbehalte aufzulösen.

Wie ist das gelungen?
Kirsch: Das war stark geprägt von der Kunstaktion, die die Initiative Urban Nation umgesetzt hat. Es war das erste Mal, dass die Bewohner des Vorderhauses zusammen mit Roma auf einer Bank saßen.

Was haben Sie gelernt?
Kirsch: Die Nachbarn, die selbst in einer schwierigen Lebenssituation sind, konnten kaum Entgegenkommen gegenüber den Roma aufbringen.

Das lässt sich auf das Thema Flüchtlinge insgesamt übertragen …
Kirsch: Ja. Wenn Sie in Bezirke kommen, deren Bewohner stark mit sich selbst zu tun haben, wird Integration schwieriger.

Gibt es Erfolge?
Kirsch: Ja. Schon bald wird der Erste ein Praktikum beginnen. Die nächsten Vermittlungen werden bereits verhandelt.

Herr Streletzki, sind Sie beim Flüchtlingsthema involviert?
Streletzki: Ja, wir haben eine Initiative gegründet mit Berliner Hoteliers. Und beschlossen, dass jedes Berliner Hotel Zimmer für Flüchtlinge bereitstellen soll. Wir sind gerade dabei, unser Bau-Büro umzubauen, sodass hier noch 30 Flüchtlinge aufgenommen werden können.

Herr Buch, ist Vonovia als Arbeitgeber für Flüchtlinge interessant?
Buch: Ja. Wir haben uns auf einer speziellen Jobbörse für Flüchtlinge registriert und stehen mit der Arbeitsagentur in Kontakt, um Jobangebote machen zu können.

Frau Kirsch, sind alle freien Wohnungen von Roma-Familien ersetzt worden?

Kirsch: Ja, wir haben „Mitstreiter“ gefunden. Das wichtigste Kriterium war nicht klassisch, sondern es ging um die Frage, was die künftigen Bewohner für die Hausgemeinschaft mit einbringen würden.

Sind die Wohnungen vermietet?

Kirsch: Ja. Wir haben durch die Aktionen viele Menschen mit an Bord bekommen, die zeigen wirklich großes Engagement.

Was passiert mit dem Know-how, das Sie aufgebaut haben?
Kirsch: Wir können das natürlich anderen zur Verfügung stellen. Es handelt sich um ein Modellprojekt, das wir in Partnerschaft mit dem Bezirk und insbesondere auch dem Senat sowie dem Verein auf die Beine gestellt haben. Durch die aktuelle Situation musste die Ableitung von Instrumenten leider zurückgestellt werden.

So etwas wird es also nicht mehr geben?
Kirsch: Ich engagiere mich dafür, dass dieses Thema durch ein Forschungsvorhaben vertieft wird.

Sehen Sie bei den Programmen die Gefahr, dass es Aktionismus gibt?
Kirsch: Leider ja. Es ist sehr wichtig, die Qualität der einzelnen Programme zu bemessen. Integration gelingt doch nur, wenn die Menschen in Arbeit gekommen sind, neue soziale Kontakte im Einwanderungsland bestehen und die Zuwanderer auch der Sprache gewachsen sind.

Buch: Wir arbeiten beim Thema Flüchtlinge mit Städten, caritativen Einrichtungen, Sprachschulen zusammen.

Wie sieht der Kontakt konkret aus?
Buch: Mit verschiedenen Kommunen haben wir Kooperationsverträge. Wir melden regelmäßig freie Wohnungen.

Wie viele Flüchtlinge wohnen zurzeit bei Ihnen?
Buch: Die Zahl liegt bundesweit im vierstelligen Bereich. Miseré: Wir stellen fest, dass es in kommunalen und landeseigenen Wohnungsunternehmen völlig neuen Bedarf für Mitarbeiter gibt. Es werden Mitarbeiter gesucht mit neuen Jobprofilen. Die Frage stellt sich immer mehr: Wie hat eigentlich die Wohnungsvergabe abzulaufen? Casting – vielleicht ein neuer Trend?

Kirsch: Wohnungsunternehmen fragen sich immer mehr: Wie vergibt man transparent? Kann man qualitativ vermieten? Wir brauchen auch neuen Wohnraum. Klappt das, was lange gefordert wird?

Buch: Es scheint so. Baukosten von 2.000 Euro pro Quadratmeter sind aber zu viel. Gefragt sind standardisierte Bauten. Wir praktizieren dies heute schon erfolgreich. Die Errichtung ganzer Gebäude in standardisierten Verfahren ist für uns denkbar.

Das Thema Flüchtlinge ist nicht wirklich sexy für die Branche …
Schulmann: Warum nicht? Es wandern derzeit pro Jahr ca. eine Million Menschen nach Deutschland ein. Es sind viele potenzielle Arbeitskräfte dabei.

Die Projekte wie Ihres, Frau Kirsch, und die Skalierung solcher Projekte wird eine hohe Bedeutung dafür haben, ob die Öffnung der Tore für Flüchtlinge nachhaltig zum Erfolg führt.
Kirsch: Berlin hat ein Stück weit Projektitis. Viele Projekte wissen voneinander nichts. Es gibt viele Ressourcen. Die sind programmgetrieben, oft nicht erfolgsorientiert. Das kann nicht die Lösung sein.

Schulmann: Gelingt Integration, so wie in den USA? Dort hat sich aus verschiedensten Kulturen ein gemeinsames Leitbild entwickelt. Ich bin selber als Migrantenkind mit einem bruchstückhaften Deutsch hierhergekommen. Es ist wichtig, aus Ihrem kleinen Projekt ein funktionierendes Großprojekt machen.


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Schlagworte zum Thema:  Immobilien-Köpfe, Immobilienwirtschaft, Award

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