Auch das ist wichtig im Zeitalter der Digitalisierung: Alles, was im Bereich Virtual und Augmented Reality passiert Bild: mauritius images / Westend61 / Rainer Berg

Sie sollen die digitale Transformation vorantreiben wie kein anderer: Chief Digital Officers (CDO) und Chief Information Officers (CIO). Wie ist ihr Rollenverständnis innerhalb der deutschen Immobilienwirtschaft? Welche strategischen Ziele verfolgen sie und auf welche neuen Technologien setzen sie? Die Haufe-Online-Redaktion hat sich mit Kai Zimprich unterhalten, dem CIO Germany und Northern Europe beim Immobiliendienstleister JLL.

Haufe-Online-Redaktion: Herr Zimprich, Sie waren bisher Head of Digital Services Germany bei JLL. Seit Januar dieses Jahres haben Sie die Rolle des Chief Information Officer in Germany und Northern Europe übernommen. Warum wurde diese Position geschaffen?

Zimprich: Nach wie vor bin ich verantwortlich für die digitale Transformation von JLL in Deutschland, habe zusätzlich aber noch die Verantwortung für die klassischen IT-Bereiche, Core Technology Services, übernommen. Bislang habe ich an den deutschen CEO berichtet. Jetzt berichte ich an den europäischen CIO, Chris Zissis, stehe aber auch weiterhin in unmittelbarem Austausch mit dem Deutschland-Chef von JLL, Timo Tschammler. Hintergrund der Neuorganisation ist, dass zentrale Entscheidungen zur digitalen Transformation des Unternehmens für ganz Europa getroffen werden müssen und gleichzeitig das Zusammenspiel "digitaler Bedarfe" mit der IT optimiert werden muss. Dadurch vermeiden wir
Dopplungen, auch beim Budget.

Haufe-Online-Redaktion: Wie viel von Ihrem Budget läuft in das operative Geschäft und wie viel in Innovationen?

Zimprich: Aktuell grob gesagt: 80 Prozent in Infrastruktur, 20 Prozent in digitale Transformation. Ziel ist es, Einsparungen aus der klassischen IT in neue digitale und innovative Ansätze und Lösungen zu reinvestieren. Insgesamt haben wir bereits viel Aufwand investiert, um unter anderem unsere Daten zu optimieren. Dadurch muss zum Beispiel die Assistentin des Teamleiters "Bürovermietung" nicht mehr Fakten in unterschiedlichsten Systemen abfragen, sondern jeder Makler kann seine Live-Performance in einem zentralen 'Business Intelligence System' abrufen. In diesen Bereichen haben wir inzwischen die wesentlichen Effizienzthemen bearbeitet. Mittlerweile legen wir den Fokus auf unsere Kunden und stellen uns Fragen wie: Was sind die veränderten Kundenbedürfnisse? Und spezifischer: Was benötigen unsere Kunden im Hinblick auf Digitalisierungsthemen?

Haufe-Online-Redaktion: Welche Themen werden auf nationaler Managementebene entschieden?

Zimprich: Wenn es zum Beispiel um konkrete Projekte geht, etwa um ein Automated Valuation Model oder die ersten Ideen für Blockchain-Ansätze, dann sind die nationalen Ebenen gefragt – deshalb gibt es weiterhin die enge Zusammenarbeit mit dem deutschen CEO.

Haufe-Online-Redaktion: Was sind Ihre wichtigsten strategischen Ziele als CIO?

Zimprich: Das Thema Change Management im Kontext der Digitalisierung spielt für mich eine unglaublich wichtige Rolle. Dabei geht es darum, Menschen aus allen Unternehmensbereichen zusammenzuführen und ihnen zu zeigen: Wir arbeiten an demselben Ziel, und nur wenn wir zusammenarbeiten, können wir den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen. Denn Digitalisierung ist nicht nur Technologie. Viele Mitarbeiter haben Angst, weil sie nicht wissen, ob sie den technischen Erfordernissen genügen oder ob ihr Job noch in ein paar Jahren existiert. Das ist ein kultureller Wandel, den wir als Abteilung mit begleiten.

Haufe-Online-Redaktion: Welche Arbeitskultur pflegen Sie dabei?

Zimprich: Ich verfolge einen kollaborativen Ansatz. Denn einen solchen habe ich selbst erfahren. Ich habe bei JLL vor knapp 20 Jahren mein Praktikum gemacht und im Unternehmen meine Diplomarbeit geschrieben. Aber ich habe eigentlich alle drei Jahre einen völlig anderen Job gemacht. JLL hat mir immer so viel Freiraum gegeben, eine Idee in eine Innovation, eine Lösung, ein Produkt zu konvertieren. Und das Gleiche mache ich nun mit meinen Mitarbeitern. Wir haben zum Beispiel einmal in der Woche ein Standup-Meeting, bei dem alle Fachbereiche zusammenkommen und sich über ihre Arbeit austauschen, über konkrete Optimierungsansätze sprechen oder innovative Konzepte diskutieren.

Kai Zimprich (43), CIO bei JLL, soll die digitale Transformationsstrategie in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Nordeuropa vorantreiben. Bild: JLL

Haufe-Online-Redaktion: Die Mehrheit der Führungskräfte beklagt die fehlenden digitalen Kompetenzen in der Belegschaft. In welchen Bereichen tun sich in Ihrer Abteilung kritische Lücken auf?

Zimprich: Vor allem bei speziellen technischen Themen fehlen uns als Immobilienberatungsunternehmen Spezialisten. Diese sind sehr schwer zu bekommen. Ich habe zum Beispiel fast ein Jahr lang einen JavaScript-Entwickler gesucht. Der Markt ist wie leer gefegt.

Haufe-Online-Redaktion: Was sind die wichtigsten neuen Technologien, an denen Sie derzeit arbeiten?
Zimprich: Im Fokus stehen künstliche Intelligenz, Machine Learning und Blockchain. Blockchain ist eine Technologie, bei der wir in Spanien gerade in der letzten internen Testphase sind. Wir arbeiten an einem Produkt für einen international agierenden Kunden. Wir sind bei vielen Entwicklungen – und das ist das Neue, das die Digitalisierung mit sich bringt – "angewiesen" auf die Kollaboration mit unseren Kunden. Deren Bedarfe haben eine neue und wichtige Dimension eingenommen. Ziel ist es, die Erfahrungen und Erkenntnisse des spanischen 'Proof of Concept' nach Deutschland zu transferieren und auch hier für unsere Kunden zur Verfügung zu stellen.

Haufe-Online-Redaktion: Welche dieser Technologien wird Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf die Immobilienbranche haben?

Zimprich: Ich bin da ambivalent. Die Blockchain-Technologie und das dahinterliegende Konzept werden Veränderungen mit sich bringen. Denn bei Blockchain steht im Fokus: 'Take out the Middle Man'. Sprich: Nimm die Intermediäre, also etwa die Makler, raus und verbinde Käufer und Verkäufer direkt miteinander. Das wird Folgen haben. Und die Entwicklung würde mir durchaus Sorgen machen, wenn wir uns nicht der Thematik widmen würden.

Haufe-Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit?

Zimprich: Sie ist ebenfalls von großer Bedeutung. Das Thema Daten ist für mich insgesamt die Basis für Digitalisierung und Innovationen. Und die Möglichkeiten, die sich ergeben, aus vorhandenen Einzeldaten neues Wissen zu schaffen. Ein weiteres Thema in diesem Kontext sind räumliche Daten. Wichtig ist zudem alles, was im Bereich Virtual und Augmented Reality passiert.

Haufe-Online-Redaktion: Wie wichtig sind für Sie strategische Partnerschaften mit PropTechs?

Zimprich: Seit einigen Jahren arbeitet JLL eng mit Leverton zusammen. In den Bereichen Virtual Reality und 3D bestehen Kooperationen mit deutschen und Schweizer Firmen. Die Zusammenarbeit basiert hier nicht auf Beteiligungsbasis, sondern auf Vertrags- und vor allem Vertrauensbasis. Dies ist ein sehr großer Mehrwert für beide Seiten. Insgesamt muss man sagen, dass PropTechs für die gesamte Immobilienbranche wichtig sind. Denn die Startups haben uns wachgerüttelt, was Themen wie Digitalisierung und Innovationen betrifft. Auf Basis neuer
Technologien sind sie in der Lage, Lücken, die die 'Old Economy' offen gelassen hat, zu schließen. Damit zeigen sie uns gleichzeitig Potenziale, die es zu heben gilt.

Haufe-Online-Redaktion: Das heißt, um die Zukunft von JLL muss man sich keine Sorgen machen?

Zimprich: Nein, da mache ich mir keine Gedanken. Immobilien sind ein sehr komplexes Asset, für das weiterhin Beratungsleistung notwendig ist. Technologien und Digitalisierung verändern natürlich die Art, wie wir zukünftig arbeiten. Dennoch wird es am Ende Menschen brauchen. Auch, weil das Vertrauen zu Menschen wichtig ist. Aus meiner Sicht wichtiger als das bloße Vertrauen in Technologie.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Transformation, Startup, PropTech, Augmented Reality, Virtual Reality, Blockchain

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