Jürgen Michael Schick Bild: IVD

Die Immobilienbranche gilt als träge im Hinblick auf digitale Herausforderungen. "Die große Gefahr für viele ist: Es geht ihnen einfach zu gut", sagte IVD-Präsident Jürgen Michael Schick im Interview mit Dirk Labusch, Chefredakteur "Immobilienwirtschaft". Möglich, dass Branchenvertreter deshalb ihre Innovationskraft hintenanstellten, so Schick. Die komme meist erst in schweren Zeiten zum Vorschein.

Dirk Labusch: Herr Schick, ist Ihnen um Ihre Branche bange?

Schick: Keineswegs. Ich glaube, dass sie eine ganz hohe Innovationskraft hat. Die sie auch wieder unter Beweis stellen muss, weil wir uns mit zwei Herausforderungen zu befassen haben: erstens mit den Umbrüchen im Rahmen der Digitalisierung und zweitens mit den Umbrüchen und Einflüssen, die wir auf gesetzgeberischem Weg möglicherweise zu befürchten haben.

Kommen wir zur Digitalisierung: Nicht nur Geschäftsführer von bestimmten Startup-Unternehmen sprechen schon vom Aussterben der Makler …

Das halte ich für einen großen Irrtum. Digitalisierung ist ja nicht nur eine Gefahr, sie ist auch eine Chance. Wir werden mittelständischen Unternehmen konkrete Maßnahmen an die Hand geben, wie sie modular ihre Geschäftszweige im Alltag digitalisieren können. Dazu veröffentlichen wir unseren Digital Kompass.

Sehen Sie überhaupt keine Gefahr für den Makler?

Gefahr ist Digitalisierung ja nur für denjenigen, der sie nicht berücksichtigt.

Welcher Makler wird überleben?

Ich glaube noch nicht, dass wir im schieren Überlebenskampf sind. Aber diejenigen werden den größten Marktanteil haben, die sich den Veränderungen widmen, und zwar modular, Geschäftszweig für Geschäftszweig. Und die sie auch im Alltag umsetzen.

Ist das Digitalisierungs-Thema bei Ihren Verbandsmitgliedern ausreichend präsent?

Umfragen deuten in eine andere Richtung. Ich bin als Branchenmitglied durchaus selbstkritisch: Die große Gefahr für viele in der Branche ist, dass es ihn einfach zu gut geht. Deswegen stellt man möglicherweise die Innovationskraft hintenan. Wichtig ist jetzt, gemeinsam den Schritt nach vorn zu machen in einer Marktphase, wo es fast allen außerordentlich gut geht.

Sie sprechen auf dem Deutschen Immobilientag erstmals auch die Unternehmensmitarbeiter an. Warum?

Wir werden unsere Arbeitsweise möglicherweise perspektivisch ändern müssen, und zwar recht kurzfristig. Vielleicht sogar schon morgen, in voller Fahrt, während die Auftragsbücher voll sind. Es bringt uns wenig, wenn der Chef voller Tatendrang vom Kongress zurückkommt und die Mitarbeiter ihn gar nicht verstehen, weil sie ja auch ohne Digitalisierung so erfolgreich sind zurzeit. Deswegen ist die Teilnahme für das gesamte Team kostenfrei.

Kommen wir zur Politik. Nachdem alle so optimistisch waren, kommt der Sachkundenachweis nun anscheinend doch nicht …

Ich habe ein neues Wort gelernt, das heißt dilatorisch. Das ist das lateinische Wort für verschleppend und verzögernd. Ganz augenscheinlich soll das Thema aus dieser Legislaturperiode hinaus vertrödelt werden. Weil man es eben jetzt nicht mehr umsetzen will, obwohl es im Koalitionsvertrag steht.

Und wenn es so käme?

Dann ist noch kein Land unter, dann bleibt das Thema in der nächsten Legislaturperiode erhalten.

Sehen Sie diesen Aufschub als Rückschlag?

Nein, es ist für uns ein Riesenerfolg, dass das Thema überhaupt im Koalitionsvertrag drinsteht, dass es in den Ausschüssen des Bundestags behandelt wird.

Die Verbände haben also nicht versagt?

Ich glaube, dass wir in der Meinungsbildung einen Riesenschritt vorangegangen sind. Der IVD und seine Vorgängerverbände RDM und VDM fordern den Sachkundenachweis ja nun seit mehr als 90 Jahren. Als Verbandsmensch darf man kein Kurzstreckenläufer sein. Mein Hobby ist Marathonlauf. Und das hier ist wirklich einer …

Wie sieht es denn aus mit Ihrem anderen großen Steckenpferd, der Vertrauensschadensversicherung? Hat sich da etwas bewegt?

Der Gesetzgeber wird sie nicht als Mindestvoraussetzung für Verwalter vorsehen. Sie ist ja quasi der Schutz von den Treuhandgeldern. Man wird sehen, ob zumindest die Vermögensschadensversicherung in ein Gesetz einfließt.

Stärkt das nicht die Verbände?

Möglicherweise. Wer sichergehen will, dass seine Treuhandgelder wirklich geschützt sind vor Missbrauch, der muss halt darauf achten, bei einem IVD-Mitglied zu sein. Denn nur wir haben eine Vertrauensschadensversicherung für alle Mitglieder abgeschlossen.

Gibt es Ziele, bei denen Sie im letzten Jahr weitergekommen sind?

Ein Riesenerfolg für uns ist, dass alle deutschen Parteien über Wohneigentumsbildung sprechen. Auch haben wir eine gute Meinungsbildung bei der Wohnimmobilienkreditrichtlinie erreicht. Ein Erfolg ist auch, dass die Mietpreisbremse nicht ein zweites Mal verschärft worden ist. Auch ist es bisher gelungen, allen Versuchungen zu widerstehen, den Neubau in puncto Miete zu regulieren. Das alles hätte das Investitionsklima in Deutschland nachhaltig geschädigt.

Was versprechen Sie sich jetzt von der Bundestagswahl?

Mein Wunsch wäre, dass wir ideologiefrei über die Bedürfnisse unserer Wohnungsmärkte sprechen, dass die neue Regierung nicht nur Mieterschutzpolitik, sondern sachgerechte Immobilienpolitik macht und sie nach den Bedürfnissen von Mietern und Vermietern ausrichtet.
Befürchten Sie, dass das Bestellerprinzip ausgeweitet wird?

Dass die Bundesregierung Bestellerprinzip und Mietpreisbremse eingeführt hat, war in der überhitzten Wohnimmobiliendiskussion in den Augen von Union und SPD vonnöten. Jetzt sollten aber keine weiteren Regulierungen kommen, damit die Investitionsbereitschaft in den Wohnungsneubau nicht nachlässt. Wenn überzogene Forderungen dazu führen, dass in den Bestand nicht weiter investiert wird oder Investitionen in den Wohnungsneubau unterbleiben, dann sind ja vor allem die Mieter diejenigen, die die Zeche zahlen.

Liegen die Prioritäten bei der Wohnungspolitik zurzeit nicht zu stark im Ausbau von Sozialwohnungen?

Die Fokussierung auf bezahlbares Wohneigentum und bezahlbaren Mietwohnungsbestand ist schon essentiell. Bei diesem Thema sollte man aber nicht alle Fehler der Vergangenheit wiederholen, insbesondere nicht die Fehlbelegung großer Teile der Bestände, bis hin zum Bau seelenloser Neubaubestände, in denen keiner wohnen will.

Was erwarten Sie vom Deutschen Immobilientag?

Wir wollen keine Sonntagsreden aneinanderreihen, sondern zwei hochintensive Tage veranstalten. Ziel ist es, als bessere Unternehmer nach Hause zu gehen.

Schlagworte zum Thema:  Immobilienunternehmen, Digitalisierung, Innovation

Aktuell
Meistgelesen