09.04.2015 | Top-Thema InDIRA: Häuser als Stromspeicher

Kommentar: Technik allein macht keine Revolution

Kapitel
Thomas Reisz, EnergieAgentur.NRW.de
Bild: Haufe Online Redaktion

Es reicht nicht, die eine durch die andere Technik zu ersetzen. Der Mensch muss sich ändern.

Die „Dritte Industrielle Revolution“ bedeutet nicht, dass bald in jedem Keller eine Brennstoffzelle als Heizung arbeiten wird. Das kann Jeremy Rifkin auch nicht gemeint haben.  Gebäude sollen Kraftwerke, unstete Energie soll gespeichert werden, dem Wasserstoff soll eine Schlüsselrolle zukommen!

Gebäude als System

Spätestens seit der Energieeinsparverordnung werden Gebäude in Deutschland als System bewertet. Und die Energieversorgung ist idealtypisch das Ergebnis einer Abwägung verschiedener Faktoren wie zum Beispiel des Zustands der Gebäudehülle, des Heizwärmebedarfs, bereits vorhandener Versorgungsstrukturen – und der Wirtschaftlichkeit. Je nachdem kann das Ergebnis einer Analyse des Systems sein, dass Wasserstoff und Brennstoffzelle (derzeit) vielleicht nicht die geeignete Technik zur Bereitstellung von thermischer (und elektrischer) Energie für das Gebäude sind – sondern Holzpellets, Fernwärme, Wärmepumpe oder ein Blockheizkraftwerk auf Erdgasbasis.

Brennstoffzelle als reale Option

Den technischen Voraussetzungen, dass Wasserstoff diese ihm von Rifkin zugedachte Rolle übernehmen kann, nähert man sich inzwischen allerdings an. Brennstoffzellen als Energiezentrale eines Einfamilienhauses befinden sich im Feldversuch, erste Hersteller bieten Seriengeräte an.

Mit der Serienfertigung ist wiederum eine Voraussetzung für die wirtschaftliche Machbarkeit erfüllt. Dabei werden verschiedene Brennstoffzellensysteme eingesetzt, die mit unterschiedlichen Temperaturen laufen, um die Grundlasten des Gebäudes abzudecken. In Deutschland sind bald die ersten 1.000 Brennstoffzellen-Anlagen im Einsatz. Für Einfamilienhäuser sind sie ab rund 20.000 Euro zu bekommen, für kleine Gewerbebetriebe ab 25.000 Euro. Brennstoffzellen sind damit nicht mehr nur abstrakte Objekte, sie sind eine (Handlungs-)Option geworden. Trotzdem gilt: Jede Technik ist nur so gut wie die Kultur, die sie anwendet.

Fähigkeit zur Revolution?

Es ist Kultur, Probleme durch Technik lösen zu wollen. Wasserstoff für die Heizung im Keller (und Internet) ist deshalb weniger Revolution, es ist dann schon eher Tradition. Oder – vom mittelalterlichen Mönchstum und Calvinismus ausgehend – vielleicht sogar Religion (Fortschrittsglaube), wenn es gilt, die unvollendete Schöpfung (creatio continua) mit Hilfe von Technik endlich zu vollenden.

Vom historischen Begriff der „Industriellen Revolution“ aus gedacht reicht es jedenfalls nicht, die eine durch die andere Technik zu ersetzen. Wir werden vielleicht bald die technischen Möglichkeiten zur Veränderung besitzen, aber nicht die mentale Fähigkeit zur „Revolution“ (zur Begrenzung des Verbrauchs, zur Änderung des Habitus). In der Praxis drückt sich das darin aus, dass wir in Deutschland rund 21 Millionen Heizungen betreiben und jährlich ca. 2,5 Prozent der Altanlagen durch neue ersetzt werden. Vorausgesetzt, die neuen Anlagen nutzten erneuerbare Quellen in Kombination mit Wasserstoff, bräuchten wir bei dieser Dynamik einen noch weitere rund 42 Jahre anhaltenden „revolutionären“ Eifer – oder Geduld.

Schlagworte zum Thema:  Immobilienwirtschaft, Energieversorgung, Energie, Immobilien

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