17.01.2014 | Top-Thema Immobilientrends: Digitalisierung, Demografie & Co.

Interview mit Professor Dr. Günter Vornholz

Kapitel
"Bürgerbeteiligung ist Teil der sozialen Nachhaltigkeit."
Bild: EBZ Business School

Wer sah "Zurück-in-die-Stadt" voraus? ...Niemand. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit Trends wichtig.

Sie sollte aber mit einer gehörigen Portion Realitätssinn einhergehen, meint der Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School – University of Applied Sciences in Bochum. Ein Exkurs in Digitalisierung, Nachhaltigkeit und falschen Prognosen.

Herr Prof. Vornholz, welches sind die wichtigsten Trends in der Immobilienwirtschaft?
Vornholz: Zunächst: Es gibt nicht den Immobilienmarkt und die Immobilienwirtschaft. Mit pauschalen Aussagen sollte man deshalb vorsichtig sein. Wer über langfristige Trends spricht, muss differenzieren nach Objekten, Lagen und anderen Kriterien. Um das am Beispiel Demografie zu verdeutlichen: Die pauschale Aussage, dass die Deutschen weniger, älter und bunter werden, gilt nicht für alle Märkte.

Sind nicht trotzdem grundlegende Trends festzustellen?
Vornholz: Gewiss. Neben dem demografischen Wandel sind beispielsweise Digitalisierung und Nachhaltigkeit wichtige Trends, aber auch der Wertewandel. Die Gesellschaft individualisiert sich, und die Milieus differenzieren sich aus. Ein Beispiel: Wenn wir über Digitalisierung sprechen, müssen wir festhalten, dass nur ein Teil der Konsumenten E-Commerce nutzt.

Ist die Digitalisierung also gar kein entscheidender Trend?
Vornholz: Nun, bei der Digitalisierung ist unwahrscheinlich viel möglich, aber es wird nur ein Teil davon akzeptiert und noch weniger nachgefragt. Das hängt auch damit zusammen, dass Wohnungsmieter nicht unbedingt bereit sind, für Leistungen, die die Digitalisierung möglich macht, zu bezahlen.

Ich höre aus Ihren Worten eine gewisse Skepsis heraus. Wird die Beschäftigung mit Trends überschätzt?
Vornholz: Im Gegenteil – es ist wichtig, sich mit Trends zu beschäftigen. Man sollte dabei aber den Realitätssinn nicht verlieren. Manchmal kommt es mir vor, als wären Utopisten zugange.

Wie verhält es sich mit der Nachhaltigkeit? Ist sie tatsächlich ein Trend oder nur ein Modewort ohne tiefere Bedeutung?
Vornholz: Für mich ist Nachhaltigkeit ein ganz wichtiges Thema. Oft wird der Begriff in der Immobilienwirtschaft aber benutzt, ohne den ursprünglichen Sinn deutlich zu machen. Es wird manchmal so getan, als sei ein Gebäude schon nachhaltig, wenn etwas weniger Heizöl verbraucht wird. Nachhaltigkeit umfasst jedoch viel mehr – neben ökologischen auch ökonomische und soziale Aspekte.

Über Bürgerbeteiligung wird derzeit nicht mehr so viel diskutiert wie auf dem Höhepunkt der Debatte um Stuttgart 21. Ist Partizipation trotzdem ein Trend für die Zukunft?
Vornholz: Ich hoffe, dass die Bürgerbeteiligung nicht vernachlässigt wird. Denn sie ist Teil der sozialen Nachhaltigkeit. Ob sie die Zukunft prägen wird? Da sind die Zukunftsforscher gefragt.

Damit werfen Sie eine grundsätzliche Frage auf: Wie kann man die Trends identifizieren, die nicht nur die letzten Jahre geprägt haben, sondern auch in Zukunft wichtig bleiben?

Vornholz: Das ist unwahrscheinlich schwierig und man muss sich dafür ins stille Kämmerlein zurückziehen und in Ruhe darüber nachdenken. Die Welt ist so vernetzt, dass es schwierig ist, zu einer Einschätzung zu kommen. Dass sich auch Experten irren können, beweist der von niemandem vorhergesehene Trend zurück in die Stadt. Lange gingen die Bevölkerungsprognosen davon aus, die Zahl der Menschen in den großen Städten werde abnehmen.

Ist die Immobilienbranche eigentlich bereit, sich mit diesen grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen? Oder bleiben viele Unternehmen auf die schnelle Rendite fokussiert?
Vornholz: Die Immobilie ist an sich eine langfristige Angelegenheit. Doch leider hat durch das Investmentbanking in einigen Teilbereichen ein kurzfristiges Gewinnmaximierungsverlangen überhand genommen. Aber auch wenn es schwierig ist: Die Branche muss sich intensiv mit langfristigen Entwicklungen beschäftigen.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Nachhaltigkeit, E-Commerce, Demografischer Wandel, Gemischte Nutzung, Klimawandel, Gewerbeimmobilien, Einzelhandelsimmobilie

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