Sandra Scholz Bild: Commerz Real

Die Commerz Real hat seit März ein neues Vorstandsmitglied: Sandra Scholz. Durch diese Personalentscheidung wertet das Unternehmen den Bereich Human Resources auf. Welche Folgen die Transformation des Unternehmens zum digitalen Asset und Investment Manager für die Personalarbeit, das Recruiting und die Mitarbeiterführung hat, verrät Scholz im Gespräch mit Laura Henkel, Haufe Online Redaktion.

Frau Scholz, Sie verantworten in Ihrer neuen Position neben dem Bereich Human Resources (HR), den Sie zuvor schon geleitet haben, viele weitere Bereiche. Mit dieser Personalentscheidung wird das Thema HR aufgewertet. Ist die Bedeutung gestiegen?

Scholz: HR war schon immer ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Unternehmen. Es gewinnt aber deshalb an Bedeutung, weil sich die Rahmenbedingungen ändern, in denen wir als Unternehmen agieren. Ich denke da an gesellschaftliche Aspekte, die massive Auswirkungen haben werden – oder schon haben, wie etwa der demografische Wandel. So wird es immer schwieriger, gut ausgebildete junge Leute für die Unternehmen zu gewinnen.

Woran liegt das?

Das hängt mit einem weiteren gesellschaftlichen Aspekt, der Individualisierung, zusammen. In der Folge haben sich die Anforderungen von jungen Leuten an potenzielle Arbeitgeber massiv geändert. Eine große Rolle spielen die Themen Work-Life-Balance oder Work-Life-Harmony, aber auch sich mit seinen Stärken individueller einbringen und die Geschicke des Unternehmens mit leiten zu können. Und last but not least führt der Megatrend Digitalisierung dazu, dass sich die Unternehmen grundlegende Gedanken über die Arbeitsbedingungen machen müssen und über das Selbstverständnis von Führungskräften, die sich letztlich mehr denn je als Coach verstehen müssen.

Was bedeutet das konkret?

Erstens werden sich Arbeitslogiken verändern, zum Beispiel durch vernetztes Arbeiten. Zweitens treffen Menschen im Arbeitsprozess immer weniger aufeinander, weil sie von unterschiedlichen Orten aus arbeiten können. Das stellt Führungskräfte vor besondere Herausforderungen, und da ist natürlich HR gefragt.

Sie verantworten nun auch den Bereich "Compliance". Welchen Vorteil hat es, dass dieses Thema näher an HR herangerückt ist?

Der kulturelle Aspekt von Compliance gewinnt immer mehr an Bedeutung. Wir wollen die Mitarbeiter dafür sensibilisieren, dass Compliance eine Funktion ist, die jeden angeht. Zudem wollen wir die Berührungsängste der Mitarbeiter abbauen. Letztendlich wollen wir eine eigene Compliance-Kultur implementieren. Immer dann, wenn man in die Kultur eines Unternehmens eingreift, ist man natürlich ganz schnell bei den Bereichen HR und Kommunikation. Es gilt, die Mitarbeiter mitzunehmen, und da ist die Schnittstelle zu HR und Kommunikation sehr, sehr wichtig.

Ihr Unternehmen steckt mitten in der Transformation zum digitalen Asset- und
Investmentmanager. Welche Folgen hat das für die HR-Arbeit?

Den Hauptbestandteil "digitale Transformation" kann man in drei große Blöcke einteilen. Zum einen die strategische Blickrichtung auf das Thema, wo es ganz klar darum geht, Digitalisierungsansätze in bestehenden Produkten, in bestehenden Wertschöpfungsketten oder auch in neuen Produkten zu identifizieren und umzusetzen. Dann gibt es den technischen, den IT-Bestandteil, also die Infrastruktur zu schaffen und diese auch umzusetzen. Und dann gibt es noch die kulturelle Transformation des Unternehmens.

Und vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Vorstand?

Ich bin für die letztgenannte, die dritte Säule verantwortlich, denn die Digitalisierung wird zu maßgeblichen Veränderungen in der Unternehmenskultur führen. Diese kulturelle Transformation zieht eine Veränderung von bestimmten Einstellungen bei den Mitarbeitern nach sich. Stichwort: agiles Arbeiten in kurzen Sprints. Dabei geht es in erster Linie darum, immer wieder die Kundenperspektive einzunehmen. Das ist heute State of the Art, und das müssen viele Mitarbeiter lernen. Zudem wird Ausprobieren wichtiger. Letztlich besteht die Herausforderung darin, dass eigentlich keiner so genau weiß, wie das Zielbild für die Commerz Real aussehen kann. Wir nähern uns einem Zielbild nur dadurch an, dass man Dinge immer wieder versucht und gegebenenfalls nachjustiert, so ein bisschen in die Richtung "Trial and Error".

Hierfür braucht es sicherlich auch eine gewisse Fehlerkultur?

Richtig. Sie müssen eine Fehlerkultur implementieren. Dadurch ändert sich auch die Rolle der Führungskräfte komplett: Deren Aufgabe wird nicht mehr sein, Teams anzuleiten und hierarchisch von oben zu steuern, sondern sich eher als Coach zu verstehen, der dafür sorgt, die bestmöglichen Arbeitsbedingungen für die Teams zu schaffen. Das ist dann wieder ein klassisches HR-Thema wie Führungskräftequalifikation.

Wie gehen Sie mit der Veränderung der Anforderungsprofile um? 

Die Anforderungsprofile werden sich natürlich auch verändern, und da ist die Zielsetzung für uns, in erster Linie die eigenen Leute fit zu machen für die Digitalisierung. Gelingt dies nicht, dann werden wir das Nachsehen haben, weil wir nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Und am Ende des Tages werden auch die Mitarbeiter das Nachsehen haben, weil sie selbst nicht mehr marktfähig sind.

Wie digital ist Ihr Recruiting, Frau Scholz?

Da leben wir noch etwas in der alten Welt. Wir wickeln unser komplettes Recruiting noch über eine normale Internetplattform ab. Zwar nehmen wir auch wie die meisten Unternehmen Papierbewerbungen nicht mehr an. Aber ich glaube, wir können noch besser werden.

Studien zeigen, dass viele Immobilienunternehmen Social-Media-Recruiting noch gar nicht einsetzen, obwohl sie junge Mitarbeiter ansprechen wollen. Verspielen die sich damit eine Chance?

Auf jeden Fall. Wir sind in den gängigen Social-Media-Kanälen präsent und adressieren dort auch entsprechende Ausschreibungen, die für die Zielgruppe infrage kommen. Letztlich ist ein guter Mix aus analog und digital sinnvoll.

Zur Person

Sandra Scholz (45) ist seit 2012 für die Commerz Real tätig und gehört seit dem 1.3.2017 zum Vorstand des Unternehmens. Die bisherige Leiterin Human Resources und Communications ist im Vorstand neben diesem Bereich auch für Marketing und Direktvertrieb, Compliance, Recht sowie das Investoren- und Anlegermanagement verantwortlich. Insgesamt ist die Betriebswirtin seit rund 20 Jahren für den Commerzbank-Konzern tätig. Außerdem war sie projektverantwortlich im Besetzungsprozess der Führungsmannschaft im Rahmen der Fusion mit der Dresdner Bank. Scholz arbeitete zudem als persönliche Assistentin von Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller und beriet Auslandseinheiten und internationale Führungskräfte der Bank in Personalfragen.

Schlagworte zum Thema:  Interview, Immobilienbranche, Human Resources (HR)

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