Abrissmoratorium: Neuregelung von Bauministerin Geywitz gefordert

Die Initiatoren eines Abrissmoratoriums fordern von Bauministerin Klara Gewitz den temporären Stopp des Rückbaus von (Wohn-)Gebäuden und eine Neuregelung der geltenden Vorschriften. Neben mehr Recycling von Material wäre der Umbau des Bestands Teil der Lösung, um die Klimaziele zu erreichen.

Pro Jahr 400.000 neue Wohnungen bauen, das ist ein erklärtes Ziel der Bundesregierung. Das andere: Der Gebäudebestand soll bis 2045 klimaneutral sein. "Diese Punkte widersprechen sich bei der aktuellen Abriss- und Neubauroutine diametral", so die Verfasser eines offenen Briefes, der an Bauministerin Klara Geywitz adressiert ist. Die Initiatoren des Abrissmoratoriums sind neben namhaften Architekten, Stadtplanern und anderen auch Institutionen der Baubranche: Sie fordern einen temporären Stopp von Gebäudeabrissen in Deutschland und eine Neuregelung der gültigen Vorschriften. Künftige Genehmigungen für Abrisse sollen das Gemeinwohl und die gesamte Lebenszyklusanalyse von Gebäuden als zentrale Kriterien einbeziehen.

Abrissmoratorium: Bedarf an Baustoffen reduzieren

Dem Bündnis zufolge entstehen pro Jahr 230 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, das ist mehr als die Hälfte (55 Prozent) des gesamten deutschen Abfalls ausmacht. Zudem sei der Gebäudebereich für etwa 35 Prozent des Energieverbrauchs und 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Und: Der Gebäudesektor hat 2021 zum zweiten Mal in Folge sein Emissionsminderungsziel verfehlt. Trotzdem werde noch zu wenig Material recycelt und kaum nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft geplant und gebaut.

"Heute, wo die Klimaerwärmung spürbar, die Energieversorgung unsicher und die planetaren Grenzen erreicht sind, ist nicht der Erhalt von Gebäudestrukturen erklärungsbedürftig, sondern ihr Abriss", schreibt die Initiative Abrissmoratorium: "Die Erhaltung darf sich nicht auf einen kleinen Teil von repräsentativen Denkmälern beschränken, sondern muss den gesamten Baubestand umfassen. Die Zerstörung und der Abtransport von brauchbarem Baumaterial auf die Deponie ist nicht mehr zeitgemäß."

Ein Abrissmoratorium führe zu einem verminderten Bedarf an Baustoffen, verringere den CO2-Ausstoß und den Energieverbrauch, aktiviere die Potenziale leerstehender Gebäude für die Schaffung neuer Wohnungen und begegne Gentrifizierungs- und Verdrängungseffekten in urbanen Ballungsräumen. "Um dies zu erreichen, muss die Politik klare regulatorische Rahmenbedingungen schaffen", so die Forderung.

Abrissmoratorium: Offener Brief an Bundesbauministerin Klara Geywitz

Architekten: Gebäude oft zu früh abgerissen

Der Stadtplaner Daniel Fuhrhop sorgte schon im Jahr 2015 mit einer Streitschrift gegen Abriss und Neubau für Aufsehen. Es sei ökologisch sinnvoller, Altbauten kreativ umzunutzen, so die These. Seitdem forderten immer mehr Architekten ein radikales Umdenken: Gebäude würden oft zu früh abgerissen.

Im Hinblick auf die Emissionen, den Energieverbrauch und das Abfallaufkommen im Gebäudesektor, ergebe es Sinn, zunächst den Bestandserhalt mitsamt Sanierung zu prüfen, schrieben etwa Experten des auf Büroimmobilien und Arbeitswelten spezialisierten Beratungs- und Architekturunternehmens CSMM bereits vor rund eineinhalb Jahren. Auch sie sprachen sich für mehr ressourcenschonendes Bauen im Bestand aus.

"In der Baupraxis geben Gebäudeplaner leider noch viel zu oft dem Abriss beziehungsweise Ersatzneubau den Vorzug vor dem ökologisch viel sinnvolleren Bestandserhalt mitsamt Sanierung", sagte Timo Brehme, geschäftsführender Gesellschafter bei CSMM. Häufig fehle es an Aufklärung "in Sachen Baurecht, Brandschutz und Wirtschaftlichkeit", ergänzte CSMM-Partner Reiner Nowak: "Es braucht mehr, damit Eigentümer und Projektentwickler nachhaltiger zwischen Abriss und Sanierung entscheiden können."

Abriss bevorzugt: Es fehlt an der Aufklärung

Auch Kostenaspekte und ungeklärte Fragen nach der Wirtschaftlichkeit bewegen Entwickler, sich oft schneller für Abriss und Neubau zu entscheiden, wie eine Umfrage der "Architects for Future" von Dezember 2020 zeigt. Knapp ein Viertel (24 Prozent) der dort befragten Architekten verwies auf eine fehlende Sachkenntnis bei den Bauherren (24 Prozent) – 13 Prozent sahen das fehlende Wissen bei den Fachplanern.

Architects for Future forderte für einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche mehr Aufklärung über den Wert des Gebäudebestandes und dessen klimaschutztechnische Potenziale. 21 Prozent der Umfrageteilnehmer sprachen sich für eine "Umbauordnung" aus, mit der gesetzlich verbindliche Anforderungen für das Bauen im Bestand festgeschrieben werden.

Klimaschutz: Recyclebare Baustoffe im Umbau

Der Architekt und Blogger Fuhrhop hatte 2015 mit seinem Buch "Verbietet das Bauen!" die Architekten-Debatte womöglich angeheizt. "Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen", lautet eine These darin. Seitdem habe sich allerdings einiges bewegt, schreibt der Bund Deutscher Architekten (BDA) in seinem Positionspapier "Das Haus der Erde": Die Erkenntnis, dass der Gebäudesektor zu den größten CO2-Emittenden gehört, führe zu einem Umdenken.

"Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss", heißt es in dem Papier, das auf dem BDA-Tag 2019 in Halle/Saale beschlossen worden und Anfang 2021 um klimapolitische Forderungen ergänzt worden ist. Die "graue Energie", die vom Material über den Transport bis hin zur Konstruktion in Bestandsgebäuden stecke, müsse ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung im Planungsprozess werden.

Die Architekten plädieren dafür, dass alle Baumaterialien vollständig wiederverwendbar oder kompostierbar sein müssen. Zum architektonischen Entwurf gehöre es demnach unter anderem, Rezyklate im Neu- und Umbau mit einem gestalterischen Anspruch einzusetzen und zu erreichen, dass ganze Bauteile später selbst wieder zur Ressource werden. Verbunden ist damit ein ökologischer Anspruch an die Materialien und deren Verwendung. Der BDA sowie sämtliche Präsidiumsmitglieder gehören zu den Erstunterzeichnern des Abrissmoratoriums.


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Schlagworte zum Thema:  Neubau, Wohnungsbau, Umnutzung