Strukturpolitik ländlicher Raum: BBSR aktualisiert Inkar Infografik

Von Wohnungsbau bis digitale Infrastruktur: Die Regierung will gleiche Lebensverhältnisse für Stadt und Land schaffen. Um die realen Verhältnisse in den Regionen abzubilden, hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) den Online-Atlas Inkar auf rund 700 Indikatoren erweitert.

Die Aktualisierung des Online-Atlas Inkar (Indikatoren und Karten zur Stadt- und Raumentwicklung) erfolgte im Rahmen der Arbeit der im Juli vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) eingesetzten Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse", die den Wegzug aus den sogenannten strukturschwachen Regionen eindämmen soll, um so Druck von den Ballungsräumen zu nehmen.

"Es gibt zur Strukturpolitik für den ländlichen Raum keine Alternative." Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat

Viele leerstehenden Wohnungen seien abseits der Städte, in den strukturschwachen Regionen, und nicht dort, wo die Menschen lebten, nämlich in der Stadt, sagte Seehofer in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Gleichwertigkeit setzt Kenntnisse der realen Verhältnisse in den Städten, Landkreisen und Regionen voraus." BBSR-Leiter Dr. Markus Eltges

Inkar mit zahlreichen interaktiven Karten ermöglicht Nutzern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden und der Zivilgesellschaft Auswertungen auf verschiedenen räumlichen Ebenen, darunter für Indikatoren wie Baulandpreise, Wohnungsbau und Infrastruktur auch die Anwendung "Vergleiche städtischer und ländlicher Regionen".

Breitbandausbau: Zunehmend zentraler Faktor im ländlichen Raum

Als Grundvoraussetzung für unternehmerisches Handeln auch in den ländlichen Regionen wird etwa die Breitbandversorgung verstärkt zum zentralen Standortfaktor. Die Kommission schlägt deshalb in ihrem Bericht neben einem leistungsfähigen Mobilitätsangebot auch eine flächendeckende Breitband- und Mobilfunkversorgung vor. Der Breitbandausbau ist einer der neuen Indikatoren zur Abbildung der Sustainable Development Goals (SDGs), die im "Inkar" aufgenommen worden sind. Vergleicht man die Daten, zeigt sich, dass die Breitbandversorgung (Beispiel 50 mBit/s) in den Städten mit einem Anteil von 86,9 Prozent der Haushalte deutlich höher liegt als in den ländlichen Regionen (Anteil von 66,5 Prozent).

Die Infrastruktur in Gemeinden mit zentralörtlicher Bedeutung bilden die Daten des ebenfalls neuen "Zentrale-Orte-Monitoring" ab, das knapp 100 Indikatoren umfasst – beispielsweise die Ausstattung mit Krankenhäusern, Schulen oder Polizeidienststellen; dazu kommen Indikatoren, die zeigen, wie gut die zentrale Orte und ihre Einrichtungen zu erreichen sind. Im Bereich "Bautätigkeit" wurden neu gebaute Wohngebäude und Wohnungen mit erneuerbarer Heizenergie aufgenommen.

Seebad Ueckermünde Meck-Pomm
Das Seebad Ueckermünde in Vorpommern: Hier fehlt es an den richtigen Wohnungen und an einer modernen Infrastruktur.

Fallbeispiel Vorpommern: Kommunen und Wohnungsunternehmen fordern konkrete Hilfe

Der Süden Vorpommerns ist so eine Region in Deutschland, die als strukturschwach gilt. Bürgermeister kleinerer Orte und Wohnungsunternehmen fühlen sich hier von Land und Bund alleine gelassen und fordern mehr Unterstützung für den Wohnungsbau finanziell und auch die Infrastruktur betreffend.

Die neue Förderrichtlinie für mehr bezahlbaren Wohnungsbau sei für Städte wie Rostock oder Stralsund gedacht, "aber nicht für uns", sagte Jürgen Kliewe (parteilos), Bürgermeister im Seebad Ueckermünde (9.000 Einwohner). Die Wohnungsfirmen in ländlichen Gebieten bräuchten weitere Finanzhilfen. Ueckermünde habe zwar genug Wohnungen, aber die falschen. Während Plattenbauwohnungen aus den 1970er Jahren leer stünden, fehlten modern ausgestattete und gut geschnittene Wohnungen.

Kliewe und der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) erhoffen sich nicht nur finanzielle Hilfe, sondern auch ein konkretes Konzept für die Region, wie schneller Leute aus Ballungszentren wie etwa Berlin angelockt werden könnten, wo Wohnraum zudem viel teurer sei. Von einer verstärkten Ansiedlung von Rückkehrern und jungen Firmengründern aus dem rund 120 Kilometer entfernten Ballungsraum Berlin verspricht sich die Region eine Belebung. Ueckermünde hat aufgrund der Altersstruktur mit Einwohnerrückgang zu kämpfen, wie Kliewe sagte. Vor allem im Tourismus und in der Gastronomie würden händeringend Arbeitskräfte gesucht. Doch neben der Verkehrsinfrastruktur hinkt in Ueckermünde symptomatisch auch der Breitbandausbau Kliewe zufolge den Anforderungen weit hinterher.

Ifo-Institut: Ländlicher Raum im Osten regelrecht ausgeblutet

Im gesamten Osten Deutschlands ist laut einer Erhebung des ifo-Instituts die Zahl der Einwohner mit 13,6 Millionen auf den Stand des Jahres 1905 gesunken. Zugleich leben demnach auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik so viele Menschen wie nie zuvor mit 68 Millionen Menschen.

"Die Einwohnerzahlen in Ost und West driften nahezu ungebremst auseinander." ifo-Forscher Felix Rösel

Diese Entwicklung werde häufig übersehen und bedürfe einer besonderen politischen Berücksichtigung. Der ländliche Raum im Osten sei regelrecht ausgeblutet und müsse dringend speziell gefördert werden.


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