Expo Real 2019: Der Höhenflug wird normal

Drei Tage lang nutzten 2.190 Aussteller und rund 46.000 Besucher die Gewerbeimmobilienmesse Expo Real in München als Plattform für Diskussionen, zum Netzwerken und für Geschäfte. Die Stimmung war bestens und trotz Brexit, Konjunktureintrübung und Handelsstreit überwog realitätsbezogener Optimismus.

Sollte man die immobilienwirtschaftliche Großwetterlage auf den Punkt bringen, würde man das nach den Expo-Real-Erfahrungen in diesem Jahr wohl am ehesten mit "weiterhin heiter" oder "unter stabilem Hochdruckeinfluss" tun. Denn eine Änderung der positiven Entwicklung für den deutschen Immobilienmarkt erwarteten die meisten Branchenfachleute vorerst nicht. Die lockere Geldpolitik der EZB lässt Zinserhöhungen in weite Ferne rücken und verleiht Investments in Immobilien weiterhin eine hohe Attraktivität. Was auf der diesjährigen Leitmesse im Einzelnen zu verschiedenen Assetklassen und Regionen diskutiert und vorgestellt wurde eine Auswahl:

EVIC Expertentalk: Deutschland bleibt beim Wohnen Investors Darling

"Investoren rechnen mit weiter steigenden Preisen", berichtete beispielsweise Kai Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter der Engel & Völkers Investment Consulting (EVIC), im Rahmen eines Expertentalks zum Thema "Immobilieninvestmentmarkt: Safe Haven Germany am Ende?".

Abschlussbericht EVIC Expertentalk Expo Real 2019
Experten sehen kein Ende des Immobilienbooms (v.l.): Kai Wolfram, Thomas Wiegand, Christoph Schumacher, Thomas Landschreiber, Andreas Steyer und Andreas Ewald

Aufgrund des Angebotsmangels und der weiter steigenden Immobilienpreise vor allem in den Segmenten Wohnen und Büro planten viele Marktteilnehmer höhere Investitionen außerhalb der etablierten Ballungszentren. Die Produktknappheit lasse außerdem immer mehr Investoren auf Mischnutzungs- und neue Konzepte ausweichen, so Wolfram. Andere wiederum verlagerten ihr Risikocluster weiter zu Core Plus oder Value-Add. Während in den A-Standorten der Preis-Peak mittlerweile erreicht sei, werde die steigende Nachfrage in den B- und C-Standorten noch zu steigenden Preisen führen.

"Die Mehrheit der Investoren beobachtet die aktuelle Konjunkturentwicklung und das Zinsumfeld sehr genau. Auf der Suche nach alternativen Anlagemöglichkeiten stehen die Zeichen weiter auf Ankauf." Andreas Ewald, geschäftsführender Gesellschafter von EVIC

Thomas Landschreiber, Chief Investment Officer der Corestate Capital Group, sagte, sein Unternehmen investiere in Deutschland zunehmend in Serviced Apartments. Diese Mischnutzungsform sei für Investoren besonders deshalb interessant, weil sie gewerblich und nicht von Mietregulierungen betroffen sei. Der Fokus liege auf den deutschen Top 7 (Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart; Anm. d. Red.), weil hier für die Assetklasse Micro Living die größte Lücke zwischen Angebot und Nachfrage bestehe.

"Als Projektentwickler sind wir auf Wohnungsbau und Quartiersentwicklung spezialisiert. Eine Verlagerung in andere Assets kommt für uns nicht infrage", sagte Andreas Steyer, CEO von Consus Real Estate. Gerade in den großen deutschen Metropolen sehe er auch in den kommenden Jahren noch einen sehr großen Bedarf. Vor allem bezahlbarer Wohnraum werde eine wachsende Nachfrage erfahren. Das Immobilienpreisniveau in Deutschland habe deutlich angezogen und nicht bei jeder Preisvorstellung könne sein Unternehmen mitgehen.

"Was die Renditeerwartung angeht, sind Institutionelle aus der Schweiz, von einem anderen Niveau kommend und mit Negativzinsen erfahren, durchaus moderater und operieren mit geringeren Kapitalerträgen." Christoph Schumacher, Head of Global Real Estate der Credit Suisse Asset Management

Schumacher denkt, dass sich die Immobilienwirtschaft insgesamt auf niedrigere Renditen einstellen muss. "Die börsennotierten Wohnungsgesellschaften verzeichneten lange Zeit einen Bonus auf ihren Asset Value, inzwischen sehen wir eher Abschläge", berichtete Thomas Wiegand, Managing Director der Cerberus Deutschland Beteiligungsberatung.

Bürovermietungsmarkt: BNPPRE erwartet Umsatzrekord für 2019 ... 

"In den ersten drei Quartalen 2019 lag das Transaktionsvolumen auf einem hohen Niveau und der Bürovermietungsmarkt steuert auf einen neuen Rekord zu", erläuterte Piotr Bienkowski, Chief Executive Officer (CEO) der BNP Paribas Real Estate Holding (BNPPRE). Die Zinsen seien nochmals gesunken und immer häufiger richte sich der Blick nach Japan und dessen Umgang mit der Deflation. "Gerade in einer Welt mit zunehmenden ökonomischen und politischen Unsicherheiten stellen Immobilien trotz der mittlerweile hohen Preisniveaus eine der renditestärksten, am wenigsten schwankungsanfälligen und damit sichersten Assetklassen dar", so Bienkowski. Dies gelte insbesondere in einer insgesamt stabilen und gesunden Volkswirtschaft wie Deutschland.

"Das Interesse ausländischer Investoren ist ungebrochen hoch und liegt in vielen Deals bei 40 bis 60 Prozent", bestätigte Andreas Völker, Geschäftsführer bei BNPPRE. Deutschland werde im Vergleich zu anderen Ländern immer noch als sicherer Hafen wahrgenommen. Investoren akzeptierten angesichts mangelnder Alternativen niedrige Renditen.

Abschlussbericht Expo Real BNPPRE
Der Bürovermietungsmarkt steuert auf ein Rekordniveau zu, prognostizieren Andreas Völker, Piotr Bienkowski und Wolfgang Schneider von BNP Paribas Real Estate (v.l.)

Der Flächenumsatz in den acht von BNPPRE untersuchten deutschen Bürohochburgen (Berlin, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig und München; Anm. d. Red.) habe mit rund drei Millionen Quadratmeter Bürofläche den Vorjahreswert noch einmal um sechs Prozent übertroffen, und "für das Gesamtjahr ist eine neue Bestmarke zu erwarten", berichtete Bienkowski. Trotz schwächelnder Wirtschaft geht er zumindest im kommenden Jahr nur von geringen Auswirkungen auf den Bürovermietungsmarkt aus, zumal auf der Angebotsseite keine Entspannung in Sicht sei. Die Mehrheit der Unternehmen denke, dass es sich bei der aktuell verlangsamten Konjunkturentwicklung nur um eine "Wachstumsdelle" handele, so Bienkowski.

"Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung und dem daraus resultierenden War for Talents, spricht einiges dafür, dass viele Firmen auch in einer konjunkturellen Schwächephase versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten." Piotr Bienkowski, CEO der BNP Paribas Real Estate Holding

Vor dem Hintergrund des sich weiter verengenden Angebots, insbesondere im Segment der hochwertigen und modern ausgestatteten Flächen in zentralen Lagen, ist Bienkowski zufolge der Leerstand in den acht Top-Städten gesunken und die Mietpreise im Durchschnitt um sieben Prozent gestiegen. In Berlin sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Marke von 40 Euro pro Quadratmeter überschritten werde.

... und eine Konsolidierung auf dem Coworking-Markt 

"Der technologische Fortschritt verändert die Struktur der Wirtschaft und die Arbeitsweisen. Die Startup-Branche und der War for Talents gewinnen zunehmend an Bedeutung", sagte Geschäftsführer Völker. Diesem neuen Arbeits- und Lebensstil trügen flexible Arbeitsplatzlösungen häufig besser Rechnung als eine traditionelle Büroumgebung. In Deutschland sei Berlin der größte Standort für Flexible Spaces, ergänzte Research-Chef Schneider. Das Segment stelle hierzulande allerdings im Gegensatz zu Standorten wie New York mit einem Anteil von 40 Prozent am Büroflächenmarkt nur ein Nischenprodukt dar. Investoren akzeptierten in der Regel höchstens einen Anteil von 30 Prozent Flexible Spaces in einem Objekt. "Diesem Segment steht nach dem anfänglichen Hype in der öffentlichen Diskussion eine Konsolidierungsphase bevor", so Völker.

"Die Diskussionen über Mietendeckel, Enteignungen und weitere Regulierungspläne verunsichern insbesondere ausländische Investoren." BNPPRE-CEO Piotr Bienkowski

Auch wenn im Moment Berlin hier als Vorreiter fungiere, bestehe die Sorge, dass weitere Städte mit angespannten Wohnungsmärkten folgen könnten, führte Bienkowski abschließend aus. Noch werde allerdings fleißig investiert. Der hohe Nachfrageüberhang auf dem Wohnungsmarkt der A-Städte werde aufgrund von Kapazitätsengpässen im Bausegment, länger andauernden Planungsprozessen und dem Einstieg der offenen Immobilienfonds in die Sparte Wohnimmobilien tendenziell noch weiter ansteigen.

Offene Immobilienfonds  (OIF) Oldtimer oder Evergreens?

"Nach der Krise der offenen Immobilienfonds in Folge der Finanzkrise und der Änderung des Investmentgesetzes gelten sie wieder als sicheres Anlagevehikel mit Mittelzuflüssen von 76,3 Milliarden Euro allein im vergangenen Jahr", stellte Sonja Knorr, Leiterin Alternative Investments der Ratingagentur Scope, fest. Inzwischen stünden auch bei Publikumsfonds Produkte mit breiter Diversifizierung neben Varianten mit ausschließlicher Fokussierung auf eine bestimmt Nutzungsart.

"Aus wissenschaftlicher Sicht sind Produkte mit gemischten Nutzungsarten und breiter lokaler Streuung für Privatanleger geeigneter, da sie ganz im Sinne der Portfoliotheorie von Markowitz eine hohe Diversifizierung und damit ein geringeres Risiko aufweisen." Professor Steffen Sebastian, Inhaber des Lehrstuhls für Immobilienfinanzierung an der IREBS, Universität Regensburg

Idealerweise würde ein Privatanleger darüber hinaus in die Produkte unterschiedlicher Anbieter investieren. Das sah Guido Küther, geschäftsführender Gesellschafter des Frankfurter Fondsinitiators und Asset Managers Habona Invest, ganz anders. Der gerade aufgelegte offene Immobilien-Publikumsfonds "Habona Nahversorgungsfonds Deutschland" mit einem mittelfristigen Zielvolumen von 500 Millionen Euro investiere ausschließlich in deutsche Nahversorgungsimmobilien. Der Bereich Nahversorgung werde nur fälschlicherweise als Nische wahrgenommen.

"Die wachsende Nachfrage nach qualitätsvollen und wohnortnahen Einkaufsstätten für die tägliche Bedarfsdeckung ist nach unserer Auffassung die ideale Basis für einen stabilen Cashflow und eine hohe Wertstabilität." Guido Küther, geschäftsführender Gesellschafter Habona Invest

In Deutschland gebe es rund 28.000 Supermärkte, von denen viele investmentfähig seien. "Ich kann den Wissenschaftler verstehen, aber es ist Aufgabe des Vertriebs für den Kunden beratend zu diversifizieren", so Küthers Auffassung.

"Die meisten OIF bündeln in ihren Portfolios die vier Nutzungsarten Büro, Einzelhandel, Logistik und Hotel", führte Christine Bernhofer, Geschäftsführerin der Swiss Life KVG, aus und böten damit auch für Privatanleger eine gute Diversifizierung. Institutionelle Investoren übernähmen die Mischung meist selbst. Inzwischen gewinne auch das Segment Wohnimmobilien an Bedeutung für die offenen Immobilien-Publikumsfonds. So habe Swiss Life gemeinsam mit der Deka den "Swiss Life REF (DE) European Living" aufgelegt, der in Wohnimmobilien in europäischen Metropolregionen investiere. Für die OIF gelte es jedoch aufzupassen, dass sie angesichts niedriger Zinsen nicht als kurzfristige Anlagemöglichkeit missbraucht würden.

"Der Mangel an Core-Immobilien ist auch bei den Fondsgesellschaften spürbar." Michael Schneider, Geschäftsführer der Service-KVG Intreal

Intreal arbeite mit mehr als 40 Asset Managern zusammen und beobachte dabei, dass nicht jedem von ihnen alle Immobilien angeboten werden, so Schneider. Dabei spiele vermutlich auch eine Rolle, dass jeder Asset Manager über individuelle Fähigkeiten verfüge auch in der Akquise.

Baulandkommission – ein Praxis-Check am BID-Stand

"Erbbaurecht ist nicht die Lösung aller Probleme, aber es durchaus ein Instrument, sofern die Verträge attraktiv ausgestaltet werden", sagte Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen GdW und Vorsitzender der BID Bundesarbeitsgemeinschaft Immobilienwirtschaft Deutschland bei der Abschlussdiskussion zu Empfehlungen seitens der Baulandkommsion.

Schlussbericht Baulandkommission am BID-Stand
Christoph Krupp, Marco Wanderwitz, Dorothee Stapelfeldt und Axel Gedaschko (v.l.) nahmen die Praxistauglichkeit der von der Baulandkommission erarbeiteten Empfehlungen ins Visier

Gedaschko schlug in der Runde die Vergabe kommunaler Grundstücke zu einem gegen Null tendierenden Erbbauzins beispielsweise für Genossenschaften oder den sozialen Wohnungsbau vor. "Wir würden unsere Grundstücke durchaus im Erbbaurecht vergeben, aber die meisten Kommunen bevorzugen einen Kauf", so die Erfahrung von Christoph Krupp, dem Sprecher des Vorstands der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima).

"In dieser Hinsicht profitiert Hamburg davon, gleichzeitig Stadt und Land zu sein", stellte Dorothee Stapelfeldt, Hamburger Senatorin der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, fest. In Hamburg hätten sich das Bündnis von Stadt und Wohnungswirtschaft sowie von Stadt und Bezirken als "Motor" für den Neubau von Wohnungen bewährt. So etwas könne allerdings nur funktionieren, sofern Bauland zur Verfügung stehe und die planungsrechtlichen Voraussetzungen im Vorfeld geschaffen worden seien.

"Länger anhaltendes Wachstum fordert eine ganzheitliche Stadtentwicklung, die eine gute Sozial- und Bildungsinfrastruktur von Beginn an einplant. Zudem bedarf es einer aktiven Liegenschaftspolitik." Dorothee Stapelfeldt, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Hamburg

Die in Hamburg praktizierte Konzeptvergabe sei auch für Investoren interessant, gerade weil nicht der Preis im Fokus stehe. Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär im  Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, sorgte sich um den zunehmenden Überhang an Baugenehmigungen. Hier hätten alle Beteiligten noch "Hausaufgaben" zu erledigen. "Die Baulandmobilisierung ist ebenso wichtig wie die Überwindung der Nutzungskonkurrenz von Flächen. Zudem muss der Vorrang des Gemeinwesens vor Einzelinteressen wieder stärkere Beachtung finden", forderte Stapelfeldt in diesem Zusammenhang.

"Stadt ist nicht gleich Stadt. In wenig genutzten Standorten ist sicher Mobilisierungspotenzial vorhanden, in wachsenden Städten müsste andererseits bauplanerisch eine größere Dichte ermöglicht werden." Axel Gedaschko, GdW-Chef und BID-Vorsitzender

Regionen unter der Lupe: Frankfurt am Main will Wachstum sozial- und klimagerecht gestalten

Frankfurt am Main wird bis zum Jahr 2030 voraussichtlich von knapp 750.000 auf 810.000 Einwohner wachsen. Das führt zu weiter steigenden Preisen und Mieten und einer zunehmenden Konkurrenz der Flächennutzungen. Wie also umgehen mit dem Wachstum? Das war die zentrale Frage einer weiteren Diskussionsrunde auf der Expo Real.

Schlussrunde Frankfurt Expo Real 2019
Torsten Becker, Mike Josef und Oliver Weigel diskutierten über die Ausgestaltung des Frankfurter Wachstums (v.l.)

"Klimagerechte Stadtquartiere lassen sich nicht ohne Berücksichtigung der sozialen Frage verwirklichen", stellte Oliver Weigel, Referatsleiter beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), fest. Für Kommunen gelte es, die unterschiedlichen Interessen gegeneinander abzuwägen. Beim Thema energetische Sanierung stehe die Bundesregierung vor dem Problem, dass die Städtelandschaft in Deutschland stark zwischen Wachstum und Schrumpfungsprozessen differiere. Bei der Vergrößerung des Angebots gelte es, passgenau zu bauen und soziale, ökologische und ökonomische Aspekte in Übereinstimmung zu bringen, sagte auch Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main.

"Wir können das Verhalten der Menschen nicht ändern. Wenn wir Wachstum gestalten wollen, müssen wir Akzeptanz in der Bevölkerung schaffen. Das geht nur, wenn auch Mehrwerte geschaffen werden." Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen, Stadt Frankfurt am Main

Die Beteiligungsformate der Stadt Frankfurt hätten schon bei der Entwicklung des integrierten Stadtentwicklungskonzepts die Bevölkerung mitgenommen und damit Erfolge erzielt, führte Weigel weiter aus. Nun gelte es, für die Politik das Konzept auch umzusetzen. "Beteiligungsverfahren lassen sich nicht in Endlosschleife realisieren", ergänzte Josef. Das schärfste Schwert einer Kommune sei das Planungsrecht, in das sie ihre Vorstellungen einbringen und umsetzen könne.

"Kommunen benötigen eine Planungskultur. In Deutschland ist Verdichtung häufig negativ besetzt." Torsten Becker, Stadtplaner, Vorsitzender des Städtebaubeirats der Stadt Frankfurt

"Nachverdichtung ist nicht pauschal schlecht für das Klima", so Becker weiter. So wirke sich etwa die Umnutzung eines bisher versiegelten Parkplatzes in eine begrünte Wohnbebauung durchaus positiv aus. "Wir brauchen in Frankfurt mehr Grün und mehr Wasserbezug. Historisch gesehen sind die deutschen Städte durch Mischnutzungen und Dichte im Innenstadtbereich geprägt", führte er weiter aus.

Während Experten eine positive Einstellung zur städtischen Dichte äußerten, werde diese vor Ort von den Bürger jedoch meist negativ wahr, stellte Josef fest. In der Vergangenheit sei Dichte sehr oft über die Bruttogeschossfläche (BGF) definiert worden, weniger über den Mehrwert, den Dichte für die städtische Infrastruktur bringen könne. Nahversorger etwa setzten sogar eine gewisse Bevölkerungsdichte voraus, um sich anzusiedeln. Im Gegensatz zu beispielsweise Paris sinke in Frankfurt die Bevölkerungsdichte zum Stadtrand hin. Hier bestehe durchaus Potenzial zur Nachverdichtung, wenn der öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) gut ausgebaut würde und die benötigten Schulen vorhanden seien.

"Wer bezahlbaren Wohnraum fordert, muss eine gewisse Dichte akzeptieren." Mike Josef, Dezernent für Planen und Wohnen, Frankfurt am Main

Seitens der Stadt komme beim Verkauf von städtischen Flächen die Konzeptvergabe zu stärkerem Einsatz, bei der nicht der höchste Preis, sondern das beste Konzept für die Quartiersentwicklung entscheide. Auch im Hinblick auf Dachaufstockungen biete die Stadt mit der Privilegierung der Stellplätze neue Möglichkeiten.

Hamburg macht sich verstärkt die Digitalisierung zu Nutze

"Wir tun auch in Zukunft alles dafür, Hamburgs Vorzüge weiter auszubauen. Unsere Stadt braucht aber ebenso perspektivisch denkende Entwickler und Investoren, die beherzt die Chancen nutzen möchten, die Hamburg ihnen bietet", führte Stadtentwicklungssenatorin Stapelfeldt bei weiteren Diskussionen auf der Expo Real zur Zukunft der Hansestadt aus. Dabei veränderten gerade neue Technologien und digitaler Wandel den Markt auch im Bereich der Immobilienwirtschaft.

"In Hamburg gibt es eine Vielzahl vielversprechender Startups, die zeigen, wie die Immobilienwirtschaft die Chancen der Digitalisierung nutzen kann." Rolf Strittmatter, Geschäftsführer Hamburg Invest

Mitte Januar 2019 wurde in Hamburg das Hanseatic Blockchain Institute ins Leben gerufen, das die Stadt zu einem bedeutenden Zentrum der europäischen Blockchain-Branche machen will. Auf ehemaligen Großmarktflächen zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und der Hafencity entsteht bis 2027 der "Digital Campus Hammerbrooklyn"  – als Vorreiter in Sachen digitaler Transformation und Innovation. Zusammen mit der Universität und dem Deutschen Elektronen-Synchrotron Desy will die Stadt in den kommenden Jahren außerdem einen ganzen Stadtteil der Wissenschaft widmen: Mit der "Science City Bahrenfeld" entsteht bis zum Jahr 2040 ein Zentrum der Grundlagenforschung und angewandten Wissenschaft, ein Inkubator für Innovation und Technologietransfer. Zugleich sind in dem Quartier Wohnungen und Erholungsräume für Studierende, Wissenschaftler und Kreative geplant.

Hamburg hat sich auch zum Ziel gesetzt, eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der "Future Mobility" zu übernehmen. Das gilt zum einen für den Hafen, der eigentlich schon heute ein Smart-Port ist, zum anderen insbesondere für zukunftsweisende Mobilität in der Stadt. So entsteht in der Hamburger City derzeit eine neun Kilometer lange Teststrecke für das automatisierte und vernetzte Fahren (TAVF), die im Jahr 2020 vollständig ausgebaut sein soll. Die Entwicklung der Hafencity ist bereits weit fortgeschritten. Neben dem südlichen Überseequartier steht derzeit die Entwicklung der östlichen Hafencity am Baakenhafen in Richtung Elbbrücken an. Dort sollen 3.500 Wohnungen und bis zu 15.000 Arbeitsplätze entstehen.

"Hamburg kann sich glücklich schätzen, in einer so zentralen Lage einen Stadtraum von mehr als 300 Hektar neu zu erfinden, für heute, morgen und übermorgen." Prof. Dr. Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hafencity

Eine städtebauliche Herausforderung ist die Gestaltung des Billebogens, der Jahrzehnte vernachlässigt worden war. Hier ist der 244 Meter hohe Elbtower geplant mit zirka 100.000 Quadratmeter Fläche für untreschiedlice Nutzung. Starten wird demnächst auch die Entwicklung des Kleinen Grasbrook als neuem Stadtteil mit 3.000 Wohnungen und 16.000 Arbeitsplätzen.

Immobilienstandort Nürnberg mit großen Revitalisierungs- und Konversionsprojekten 

Das Interesse der Investoren und Projektentwickler am Standort Nürnberg ist hoch, sagte Nürnbergs Wirtschaftsreferent Michael Fraas auf der Expo Real. Etwa Büroneubauten, wie am Beispiel "Orange Campus" und "Tafelhofpalais" ersichtlich, würden häufig schon vor Fertigstellung veräußert.

"Aber freie Flächen für Neubauprojekte sind rar. Daher rücken Bestandsimmobilien immer mehr in den Fokus, die revitalisiert und wieder dem Markt zugeführt werden." Michael Fraas, Wirtschaftsreferent der Stadt Nürnberg

Dies sei wichtig für den Wirtschaftsstandort Nürnberg, da 80 Prozent des Bürobestandes in der Stadt älter als 20 Jahre seien, so Fraas. Die Unternehmen suchten jedoch meist Gebäude, in denen sie neue Arbeitskonzepte realisieren könnten. Eine derartige Revitalisierung findet derzeit im Nürnberger Westen statt. Das ehemalige Versandzentrum des Quelle-Konzerns wird unter der Marke "The Q" zu einer modernen Mixed-Use-Immobilie entwickelt. Am ersten Messetag unterzeichneten außerdem Ulrich Maly, Oberbürgermeister von Nürnberg, und Mathias Düsterdick, Vorstandschef der Gerch Group, einen Mietvertrag für rund 40.000 Quadratmeter städtische Nutzungen.

Ende September erfolgte bereits der Spatenstich für die Entwicklung eines urbanen Wohnquartiers mit 1.500 Wohneinheiten im ehemaligen Südbahnhof. Damit startete die Entwicklung des 100 Hektar großen Areals am ehemaligen Güterbahnhof zum geplanten Quartier "Lichtenreuth", das ab 2025 auch Standort der neuen Technischen Universität sein wird. Der Freistaat Bayern hatte 2018 hierfür von Entwickler Aurelis Real Estate eine 37 Hektar große Fläche erworben.

"Die Wirtschaft in der Metropolregion Nürnberg wächst – stärker als an vielen anderen Standorten Deutschlands. Die 3,5 Millionen Einwohner ... erwirtschaften ein Bruttoinlandsprodukt von 143 Milliarden Euro. Das ist ein Zuwachs um 21,8 Prozent innerhalb von fünf Jahren." Andreas Starke, Oberbürgermeister von Bamberg

Ob bei Forschung und Entwicklung, bei Produktionsstandorten oder bei der Infrastruktur, entlang der gesamten Wertschöpfungskette bestehe eine hohe Investitionsbereitschaft. Das aktuelle Investitionsvolumen in den Landkreisen und kreisfreien Städten liege bei mehr als 2,6 Milliarden Euro. So baue etwa der Technologie-Konzern Siemens am Standort Amberg für rund zehn Millionen Euro gerade ein Digitales Besucherzentrum für Industrie 4.0-Anwendungen. Im Landkreis Kitzingen erschließe der Sportartikelhersteller Puma ein neues Zentrallager in Geiselwind für rund 200 Millionen Euro.

Als Immobilienstandort setze sich die Metropolregion Nürnberg aus sehr unterschiedlichen Teilräumen zusammen das schaffe "kreative Unruhe" und biete ausgezeichnete Chancen, ergänzte Nürnbergs Oberbürgermeister Fraas. Die wirtschaftliche Stärke mache die Region zudem attraktiv für Fachkräfte. Einen weiteren Innovationsschub als Automobil- und Energietechnik-Standort erwartet Fraas von dem neuen Zentrum "Wasserstoff Bayern", das vor kurzem in Nürnberg gegründet wurde und die Kompetenzen von Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus der Metropolregion bündeln soll.

Viel Bewegung in der Metropolregion Rhein-Neckar

Die Metropolregion Rhein-Neckar mit einer Bruttowertschöpfung von rund 86 Milliarden Euro war ebenfalls auf der Expo Real präsent. Zu den strategischen Wachstumsfeldern in der Region zählen vor allem die Brennstoffzellentechnologie und die Energieressource Wasserstoff, der aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen wird und einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgase und zur Verbesserung der Luftqualität leisten könnte.

Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Industrie-, Verkehrs- und Versorgungsunternehmen sowie den drei Oberzentren Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen mit Produktions- und Einsatzmöglichkeiten des Wasserstoffs. Expansion und Neuansiedlung von Unternehmen sorgen dabei mit der stetig wachsenden Bevölkerung für eine hohe Flächennachfrage. Um Firmen ausreichend Fläche bieten zu können, wird aktuell die "Regionale Gewerbeflächenstudie Rhein-Neckar 2030" erstellt, um tatsächlich verfügbare Flächenpotenziale sowie die bisherige und zukünftige Nachfragestruktur zu evaluieren und zu planen. Die Umwandlung nicht mehr benötigter Produktionsflächen in ein modernes Gewerbequartier plant momentan der Immobilienentwickler Aurelis Real Estate auf dem Areal der ehemaligen Turbinenfabrik an der Mannheimer Boveristraße. Die Entwicklung des Areals will Aurelis in enger Zusammenarbeit mit der Stadt umsetzen.

"Hier werden wir unsere Kompetenzen zur Ansiedlung von neuen Arbeitsplätzen bündeln: Die Stadt verfügt über Standort-Know-how und die Kontakte zu den lokal ansässigen Unternehmen. Wir bringen unsere Erfahrung bei der Entwicklung von Gewerbeparks und unser bundesweites Netzwerk an möglichen Partnern aus Konzernen und mittelständischen Unternehmen ein." Joachim Wieland, CEO von Aurelis Real Estate

Auf dem rund. 6.000 Quadratmeter großen Baufeld 3 im Glückstein-Quartier am Mannheimer Hauptbahnhof realisiert derzeit Diringer & Scheidel Wohn- und Gewerbebau nach Plänen der Architekten Schmucker und Partner für 85 Millionen Euro das gemischt genutzte Ensemble "LIV" mit viel Raum für Außenbereiche, Sichtachsen und Wegverbindungen in die Nachbarschaft.

Auf der Expo Real fiel schließlich der Startschuss für eine neue Form der Zusammenarbeit: Heidelbergs Bürgermeister Hans-Jürgen Heiß und Paul Johannes Fietz, Vorstandsmitglied der Bima, unterzeichneten eine Vereinbarung zur baulichen Entwicklung der ehemaligen US-Wohnsiedlung Patrick-Henry-Village. Internationale Planungsbüros entwickleten die Vision für eine "Wissensstadt der Zukunft", die sogenannte "PH Vision" mit Wohnungen für bis zu 10.000 Menschen und Raum für 5.000 Arbeitsplätze – entstehen soll ein Modellort mit innovativen Wohn- und Arbeitsformen, dem Einsatz digitaler Technologien, neuen Mobilitätskonzepten und nachhaltiger Energieversorgung.