Enteignungsdebatte: Wohnungskonzern Vonovia pflegt Image

Die Berliner Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" gibt den großen privaten Wohnungsanbietern die Hauptschuld am Mietenanstieg. Zielt die Wut der Mieter auf die Falschen? Wohnungsriese Vonovia sieht sich zumindest nicht richtig dargestellt.

Vor allem die Konzerne Deutsche Wohnen und Vonovia sind zuletzt unter anderem von den Enteignungsbefürwortern immer wieder für die anhaltend steigenden Mieten verantwortlich gemacht worden, während kommunale Wohnungsunternehmen und Wohnungsgenossenschaften als Symbol für faire Mieten standen.

Vonovia erntete auch nach Vorstellung der Geschäftszahlen Anfang des Monats noch einmal Kritik, nachdem bekannt wurde, dass die Bochumer den Gewinn unter anderem durch 20 Prozent mehr Mieteinnahmen deutlich gesteigert haben.

Vonovia-Chef Buch: "Deutschland hat das Bauen verlernt"

Vonovia, der größte private Wohnungskonzern Deutschlands, geht nun in die Offensive, um den schlechten Ruf los zu werden. Am 22. Mai hat Rolf Buch, Chef des Bochumer Immobilienkonzerns, in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital" Fehler eingeräumt. Man habe zu spät auf Wohnungsprobleme in deutschen Städten reagiert: "Es ist schlimm, aber wir alle haben die Entwicklung verpennt", sagte Buch dem Magazin. Vor 15 Jahren habe er noch angenommen, dass die Städte kleiner werden und es weniger Wohnungen brauche, damit es keinen Leerstand gebe. Auf die Frage, warum Vonovia jetzt nicht mehr baut und saniert, antwortete er, Deutschland habe das Bauen verlernt. Der Konzern könnte laut Buch auf eigenen Grundstücken 36.000 zusätzliche Wohnungen bauen, aber er bekomme keine Baugenehmigungen, die Behörden kämen nicht hinterher.

"Wenn wir nicht sehr viel mehr tun, um allen Menschen ordentlichen und bezahlbaren Wohnraum bieten zu können, ist unser gesellschaftlicher Friede gefährdet. Ich meine das ganz ernst." Vonovia-Chef Rolf Buch im Capital-Interview

Außerdem hat Vonovia die Diskussion um bezahlbaren Wohnraum und die Rolle großer Wohnungsunternehmen zum Anlass genommen, das eigene Geschäftsverständnis neu zu formulieren.

Vonovia veröffentlicht Geschäftsverständnis

Mit dem vor einigen Tagen veröffentlichten Kodex (Geschäftsverständnis) will Vonovia zeigen, dass das Unternehmen nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesellschaftliche Perspektive bietet. Die durchschnittliche Miete der Vonovia-Wohnungen liege bei 6,56 Euro pro Quadratmeter, damit stehe man "mitten in der Gesellschaft", so Buch. Vonovia hat im Geschäftsjahr 2018 nach eigenen Angaben rund 1.100 neue bezahlbare, klima- und seniorengerechte Wohnungen fertiggestellt, im ersten Quartal 2019 seien es bereits 200 gewesen. Weitere seien in Planung.

"Mit einem Marktanteil von unter zwei Prozent am deutschen Mietwohnungsmarkt können wir die angespannte Situation für Wohnungssuchende nicht alleine lösen." Vonovia-Chef Rolf Buch

Von Spekulationen mit Bauland und Baugenehmigungen distanziert sich das Unternehmen im Kodex und beteuert, wo es möglich sei, öffentliche Förderprogramme zu nutzen, um bezahlbare Wohnungen zu bauen.

Zudem verpflichtet sich Vonovia im Kodex, die Mietanpassung nach einer Modernisierung auf maximal zwei Euro pro Quadratmeter zu begrenzen. Das ist eine Folge der heftigen Proteste der Mieter gegen Mieterhöhungen nach Modernsierungen. Eigenbedarfskündigungen, wie sie zuletzt auch den Bundesgerichtshof im Zusammenhang mit sogenannten Härtefallregelungen beschäftigt haben, gebe es bei Vonovia nicht. Vonovia habe sich zudem verpflichtet, "mindestens jede dritte bestehende Wohnung, die neuvermietet wird, seniorengerecht umzubauen."

"Unser Ziel ist, dass Senioren in ihren angestammten Quartieren würdig alt werden. Dazu gehört, dass sich ältere Mieter keine Existenzsorgen wegen steigender Mieten machen müssen." Vonovia-Chef Rolf Buch

Auch gegen Vorwürfe, überhöhte Nebenkosten abzurechnen, wehrt sich Vonovia. Nach Auswertung von rund 700.000 Betriebs- und Heizkostenabrechnungen für die Jahre 2016 und 2017 kam das Unternehmen zu dem Ergebnis, dass die Kosten für Vonovia-Mieter unter dem bundesweiten Betriebskostenspiegel des Deutschen Mieterbundes (DMB) liegen mit durchschnittlich 2,61 Euro (2016) beziehungsweise 2,55 Euro monatlich (2017) pro Quadratmeter, während der bundesweite Betriebskostenspiegel 2016 auf 2,79 gekommen sei.

800 Milliarden Euro für mehr Neubau: Die großen Wohnungsunternehmen sind gefragt

Für mehr Wohnungsneubau, mehr altersgerechte Wohnungen und mehr Klimaschutz sind nach Schätzungen des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) deutschlandweit bis 2030 bis zu 800 Milliarden Euro an Investitionen nötig. Die privaten Wohnungsunternehmen sind dabei Vonovia zufolge aufgrund ihrer Investitionskraft besonders gefragt.

"Ohne das Kapital von Investoren und die Leistungsfähigkeit der großen Unternehmen wird es nicht gehen, unabhängig von ihren Eigentümerstrukturen." Vonovia-Chef Rolf Buch

Mit dem Nachhaltigkeitsbericht nach internationalen Global Reporting Initiative Standards und der von Vonovia gestifteten Professur "Quartiersentwicklung, insbesondere Wohnen im Quartier" an der EBZ Business School – University of Applied Sciences, die zur zukunftsorientierten Quartiersentwicklung forscht, wollen die Bochumer nach eigenen Angaben außerdem Verantwortung für die Entwicklung von Wohnquartieren übernehmen.

DIW-Chef: "Wohnungsmarkt Beleg für Exzesse in der sozialen Marktwirtschaft"

Auch moderatere Stimmen als die der Enteignungssympathisanten fordern die Politik zu umfassenden Reformen auf. Marcel Fratzscher etwa, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht den Wohnungsmarkt "als Beleg für Exzesse in der sozialen Marktwirtschaft" und hat die Politik zu umfassenden Reformen aufgefordert. Die soziale Marktwirtschaft funktioniert nicht so, wie sie funktionieren sollte, meint der DIW-Chef.

"Ich teile nicht die Kritik Kühnerts (Juso-Chef Kevin Kühnert, Anm. d. Red.) zu sagen, wir brauchen eine sozialistische Marktwirtschaft. Aber es gibt viel Missbrauch in der sozialen Marktwirtschaft, wenn man sich die Diskussionen um Mietpreise und Wohnungsmarkt anschaut." DIW-Chef Marcel Fratzscher

Wenn man überhaupt etwas Gutes an den wilden Ideen der Enteignung ganzer Wohnungsunternehmen finden wolle, dann die, dass nun sehr viel grundsätzlicher und jenseits des vielfach populistisch behandelten Themas "Wohnen" die Frage nach dem Wirtschaftssystem in der notwendigen gesellschaftlichen Breite diskutiert werde, brachte GdW-Präsident Axel Gedaschko die Diskussion auf einen gemeinsamen Nenner.


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Schlagworte zum Thema:  Wohnungsunternehmen, Mieter