Energieversorgung von Immobilien: Startups starten durch

Viele kleinere Unternehmen mischen aktuell die Branche auf. Öffentlichkeitsarbeit gehört oft nicht zu ihren Stärken. Doch wer genau hinschaut, findet sie. Ein Streifzug zu vier "hidden champions" an der Schnittstelle zwischen Energie und Immobilie.

Ein Bereich innerhalb der Immobilienwirtschaft ist besonders stark von Umbrüchen betroffen: die Energieversorgung. Das gilt gleichwohl für Heizung, Kühlung, Licht und Prozessenergie. Zum einen stößt die Digitalisierung Prozesse an, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Zum anderen kommen immer neuere, effizientere Technologien auf den Markt. Beides zusammen macht die Verwaltung von Immobilien in Zukunft nicht nur einfacher, sondern auch günstiger. Hier sollen einige der Startups vorgestellt werden, die genau diesen Bereich revolutionieren.

aedifion: Daten der Gebäudeautomation erfassen, zusammenführen und darstellen

Das Startup aedifion ist eine Ausgründung von ehemaligen Forschern der deutschen Elite-Ingenieurs-Schmiede RWTH Aachen. Das Unternehmen entwickelt Werkzeuge zur cloudbasierten Verarbeitung von Betriebsdaten aus Gebäudeautomationssystemen und zur Optimierung dieser Systeme.

Einfach formuliert: aedifion sorgt dafür, dass alle energetisch wichtigen Daten der Gebäudeautomation, unabhängig von Art der Anlage und der verwendeten Protokolle, erfasst, in der Cloud gespeichert und auf unterschiedlichste Weisen bereitgestellt werden. Das System ist dank Künstlicher Intelligenz (KI) lernfähig und kann Teile der Gebäudeautomation selbst steuern. Voraussetzung ist lediglich, so Felix Dorner, Geschäftsführer des Unternehmens, der Anschluss des mit dem Internet verbundenen aedifion-Gateways an das bereits bestehende, auf IP-Basis kommunizierende Gebäudeautomationssystem.

Das Gateway, das letztlich ein Industriecomputer im Taschenbuchformat ist, scannt das Gebäudenetz und nimmt sämtliche im System vorhandenen Messpunkte auf. Dabei können alle gängigen Standardprotokolle, wie BACnet, KNX, OPC oder Modbus, eingebunden werden. Die Bereitstellung der Daten erfolgt über eine browserbasierte grafische Benutzeroberfläche sowie eine dokumentierte Programmierschnittstelle. So können die Daten beispielsweise per Plug-in in Excel eingebunden werden – ein Werkzeug, das nach wie vor noch häufig zur Verarbeitung gebäudetechnischer Daten verwendet wird.

"Die Daten und Funktionen der Plattform können aber auch in eine Vielzahl weiterer Dritt-Programme integriert werden." aedifion-Geschäftsführer Felix Dorner

Bisher würden alle Systeme, die installiert seien, zu 100 Prozent funktionieren, unter anderem an der Fachhochschule Burgenland, im Forschungsgebäude Energetikum, wo in Zehn-Sekunden-Intervallen 5.400 Messpunkte erfasst werden, aber auch im Aachener E.ON-Energieforschungszentrum, wo 15.000 Messpunkte aufgezeichnet werden.

In Aachen etwa würde mittels cloudbasierter Regelungsalgorithmik die Temperaturregelung in den Räumen gesteuert. Das System erkenne sehr gut, wann die Räume belegt sind, und heizt beziehungsweise kühlt diese rechtzeitig vor. Die Heizung bleibt also ansonsten ausgedreht. Künstliche Intelligenz wird genutzt, um die Daten zu klassifizieren, aber auch, um das Systemverhalten in die Zukunft zu projizieren und so anstehende Wartungen zu ermitteln und Handlungen zur Optimierung zu empfehlen.

Die große Vision von Dorner und seinen Kollegen und das Ziel für die kommenden zehn Jahre ist, dass die cloudbasierte KI gänzlich die Gebäudesteuerung und -optimierung übernehmen kann und der Mensch kaum noch eingreifen muss.

Team aedifion
Das Startup aedifion ist eine Ausgründung von ehemaligen Forschern der deutschen Elite-Ingenieurs-Schmiede RWTH Aachen.

MagnoTherm Solutions: Umweltfreundlich ohne Kompression und F-Gase

Ebenfalls ein Spin-off einer Technischen Universität, nämlich der TU Darmstadt, ist MagnoTherm Solutions. Die Ingenieure haben sich der Kühlung mittels magnetokalorischem Effekt verschrieben.

Zukunftsfähig sind solche Lösungen auf jeden Fall. Denn im Jahr 2050 wird, weltweit betrachtet, mehr Energie für Kühlung als für Heizung verbraucht. Insbesondere muss für eine Kilowattstunde Kälte etwa das Dreifache an Energie aufgewendet werden wie für eine Kilowattstunde Wärme. Um dieser Herausforderung zu begegnen, benötigt man neue Kühlsysteme, die extrem energieeffizient arbeiten und im Vergleich zu den bisherigen Systemen eine deutlich bessere Energiebilanz erzielen. Möglich wird dies mit dem magnetokalorischen Effekt.

Dabei geht es um Folgendes: Wird ein Material einem stärkeren Magnetfeld ausgesetzt, erwärmt es sich. Umgekehrt kühlt es ab, wenn das Magnetfeld sich abschwächt. Sollte sich diese Technologie als praxisfest erweisen, würde sie gleich eines der großen gegenwärtigen Probleme der Kühlmittelhersteller lösen. Denn durch die F-Gase-Verordnung werden diese umweltschädlichen Gase nach und nach aus dem Markt gedrängt. Ersatz wäre unter anderem in Propan zu finden. Doch das ist nicht ganz ungefährlich, weil brennbar. CO2-Systeme sind sehr wartungsintensiv, laut und bei warmen Außentemperaturen ineffizient.

Das System der Darmstädter hingegen kommt gänzlich ohne Gase aus. Zudem bringt das kompressionsfreie Arbeiten bei niedrigen Temperaturen deutliche Effizienzvorteile. Max Fries, einer der Köpfe von MagnoTherm Solutions, schätzt diese auf 40 Prozent gegenüber bisherigen Systemen. Als Leistungsklassen werden Systeme von 0,5 bis 5 kW entwickelt – durchaus Größen, die für die Immobilienwirtschaft interessant sind, vor allem in südlicheren Gefilden oder in Zeiten des Klimawandels auch hierzulande. Der magnetokalorische Effekt kann hierbei auch einen Einsatz in Wärmepumpen in der Haustechnik finden.

Das Ziel von MagnoTherm Solutions ist es, in den kommenden zehn Jahren die magnetokalorische Wärmewandlung zum Stand der Technik zu machen und die heute üblicherweise verwendete Gaskompressionstechnologie in vielen Bereichen abzulösen.

Interpanel: Weltweit taupunktunabhängige Flächenkühlung mit Beleuchtung

Halogenlampen haben nach der guten alten Glühbirne keine Chance mehr. Auch der in Immobilien weit verbreiteten T8-Leuchtstoffröhre wird irgendwann der Garaus gemacht. Bei alledem bleibt quasi eine Flächenkonkurrenz um die Decke. Denn von der soll nicht nur Licht kommen, sondern für energieeffiziente Lösungen auch Wärme oder Kühlung.

Interpanel, ein Startup aus Crossen in Thüringen, hat beides miteinander verbunden. Dabei entstand nicht nur eine leuchtende Kühldecke, sondern diese ist zudem taupunktunabhängig – eine Weltpremiere. Lästige Tropfenbildung und die Gefahr von Schimmel sind damit gebannt. Der Clou: Die Umgebungsluft kommt nicht in Kontakt mit der gekühlten Fläche. Durch ein neuartiges Material bleibt der Wärmeaustausch erhalten und der Taupunkt kann problemlos unterschritten werden. Das ermöglicht eine um die Hälfte reduzierte Belegung mit Kühlelementen, was automatisch effizienter ist als bisherige Systeme.

Für das blendfreie Licht sorgen voll integrierte LED-Flächenleuchten. "Die Lichttemperatur liegt zwischen 3.000 und 6.000 Kelvin", so Interpanel-Mastermind Alexander Buff. Das wiederum würde um fünf Prozent die Produktivität verbessern und 4,5 Prozent zur Einsparung der gesamten Beleuchtungskosten beitragen. Das System absorbiert zudem sehr gut den Schall.

Innovativ ist nach Buffs Angaben auch, dass der Wärmeaustausch aufrechterhalten bleibt. Dadurch erhöhe sich die Leistung im Vergleich zu konventionellen Systemen bis zum Faktor drei. Das System kühle bereits ab 21 Grad Celsius Raumtemperatur mit zirka 87 W/m², bei 26 Grad Celsius mit bis zu 119 W/m². Weiterhin werden die LED aktiv durch den hydraulischen Kreis gekühlt. Das erhöhe die Lebensdauer und kontrolliere den Wärmeeintrag. Durch diese Maßnahmen werden, neben der arbeitsplatzkonformen Beleuchtung, bereits mit zirka 30 Prozent Deckenbelegungsgrad in Gewerbeimmobilien und Büros übliche Kühllasten und Heizlasten zu jeder Zeit ab- und zugeführt. Buff gibt den Effizienzvorteil im Vergleich zu konventionellen Luftklimasystemen mit bis zu 30 Prozent im Gewerbebau und bis zu 70 Prozent im industriellen Bereich an.

"Wir sind von der Nachfrage überwältigt und planen die Vergrößerung unserer derzeitigen Vertriebs- und Produktionskapazitäten." Interpanel-Mastermind Alexander Buff

Die gesamte Kette von der Erzeugung bis zur Klimaleuchte soll mit innovativen Partnern als Gesamtlösung angeboten werden. Und das Geschäft wird wachsen. "Aufgrund der wachsenden Mitarbeiterfokussierung der Unternehmen sehen wir den Trend in Richtung innovativer Systeme, die ein Mehr an Leistungsfähigkeit unter Berücksichtigung der Effizienz bieten können", so der Gründer.

Die etablierten Lösungen der Branche und die zurückhaltende Vorgehensweise der Unternehmen in Bezug auf innovative Lösungen verlangsamten dies jedoch, schränkt er ein. Dennoch will Interpanel in zehn Jahren als internationaler Anbieter integrierter Systemlösungen agieren.

GreenPocket: Einfaches Ablesen für intelligentes Gebäudemanagement

GreenPocket, ein Entwickler mit neun Jahren Branchenerfahrung aus der Domstadt Köln, könnte mit seiner gleichnamigen Energiemanagement-Software die Mess- und Ableseprozesse in der Immobilienwirtschaft revolutionieren – und tut das schon heute. Der Clou dabei: eine vollkommen einfache Bedienung. Diese einfache Verständlichkeit und die Bedienungsfreundlichkeit sind nach Angaben des Startups ein zentrales Differenzierungsmerkmal der Software.

"Die Minimierung von Hürden bei der Anwendung sorgt für mehr Akzeptanz beim Nutzer. Dass wir damit den richtigen Weg einschlagen, erkennen wir unter anderem durch das positive Nutzerfeedback." Thomas Goette, Gründer und Geschäftsführer von GreenPocket

Ausgangspunkt der Überlegungen zur Softwareentwicklung war der Gedanke, dass sie sowohl von einem Energiemanager als auch von einem Hausmeister gleich gut bedient werden kann. Das wiederum erspart Support für Schulungen und Trainings. Beraten, was denn von der Immobilienwirtschaft gebraucht wird, wurden die Software-Cracks von Rheinenergie und der GAG, die 42.000 Wohnungen verwaltet. Beide, in Köln eng verbandelt, wussten genau, wo der Schuh drückt.

Heraus kam ein Produkt, das sich einfach bedienen lässt sowie schnell und übersichtlich alle wesentlichen Energieverbrauchsdaten parat hält. Genau darin sieht Goette auch den USP seiner Software, die als White Label von jedem Kunden unter eigenem Branding genutzt werden kann. "Wir können damit einem Standort oder einem Objekt verschiedene Merkmale zuordnen. Stimmen die bei mehreren Objekten überein, lassen sich leicht Unterschiede bei den Verbräuchen erkennen", so Goette.

Insbesondere bei Unternehmen mit mehreren tausend Wohnungen ist dies inzwischen unerlässlich und man könne so Äpfel mit Äpfeln vergleichen. Solche Merkmale seien etwa Energieeffizienzlabel, Alter, Heizkesseltypen, Aufzüge oder der Sanierungszustand. Ebenso aber seien die Quadratmeterangaben der Objekte wichtig. Denn gerade bezogen auf die Energieeffizienz müsse man vergleichbare Größen haben. Genutzt werde dies inzwischen von den Ablesern, den Hausmeistern, Facility Managern und Controllern.

GreenPocket hat schon eine große deutsche Klinikkette mit mehr als 50 Hospitälern und 100 Liegenschaften ausgestattet. An 450 Hauptmesspunkten werden nun die Verbräuche erfasst und abgeglichen. Energetische Maßnahmen lassen sich so leicht ableiten. Dennoch braucht dieses System immer noch einen klugen Menschen, der anhand der einfach aufbereiteten Daten oder mittels Alarmen Anomalien erkennt und handeln kann.

In der Zukunft sieht Goette aber auch hier vollautomatisierte Abläufe, für die die Datenerfassung mit seiner Software die Grundlage sein kann. Denn mit der Digitalisierung der Energiewende werden sehr große Datenmengen verfügbar. Dieser Datenschatz kann für die Entwicklung neuer smarter Technologien genutzt werden – wie beispielsweise Künstlicher Intelligenz und Data-Science-Anwendungen, die sowohl für Energieversorger und Messstellenbetreiber als auch für Endnutzer echte Mehrwerte verfügbar machen.

Der Artikel erschien in "immobilienwirtschaft", Ausgabe 11/2018.

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