Digitalisierung: Energie & TGA gehören zusammen

Die Kombination von Gebäudeleittechnik und Energiemanagement ist sogar in gut ausgerüsteten Immobilien kaum Praxis. Die Angst vor dem Unbekannten verhindert selbst noch in Zeiten der Digitalisierung ein Zusammenführen. Doch es gibt Rezepte gegen die Phobie.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Zwischen 1,5 und 8,7 Milliarden Euro könnten jährlich allein in Privathaushalten gespart werden, wenn Heizungen intelligent gesteuert würden. Das hat das Unternehmen Homeand­­smart ermittelt.

Grundlage ist die Steuerung der Ener­gieanlagen mittels Gebäudeleittechnik. Wie bei allen digitalisierten Prozessen bedarf es dazu einer umfassenden Datenaufnahme. Jeder Raum in einer Immobilie, der energetisch von Belang ist, muss erfasst werden – hinsichtlich der Ausstattung und Fläche, des Mauerwerks, Sonnenschutz- und anderer Blendvorrichtungen sowie energetischer Verbraucher wie Beleuchtung und Rechnern.

Datenerfassung per Trolley

Dafür eignet sich etwa der Scanner-Trolley von NavVis. Das Unternehmen hat einen fahr-, zieh- und schiebbaren "Koffer" entwickelt, der mit Kameras und Infrarotgeräten ausgerüstet ist. Damit können an einem Tag bis zu 30.000 Quadratmeter in Gewerbe- und 15.000 Quadratmeter in Bürogebäuden gefilmt, vermessen und kartografiert werden. Das Gerät erstellt nicht nur Bilder, sondern gleichzeitig eine grafische Analyse und eine 3D-Darstellung der Räume. Ist das Gebäude erst einmal so gescannt, steht dessen energetischer Steuerung via Gebäudeleittechnik nichts mehr im Wege.

"Diese Daten können dann in eine Cloud gepackt werden, wo sie auch von Dienstleistern abgerufen werden können." Lorenz Lachauer, Head of Solutions bei NavVis

Wenn es Kunden aus Sicherheitserwägungen wünschten, könnten die Daten aber auch auf deren internen Servern gespeichert werden. Existierende Kundendaten können in die neu kreierten Daten einfließen. Lachauer will mit diesem System den Einstieg gerade der Immobilienwirtschaft in die Digitalisierung erleichtern. Für Wohngebäude ist das System hingegen nicht relevant.

NavVis Scanner-Trolley
Der Scanner-Trolley ist ein mobiles Datenerfassungsgerät, das einen digitalen 360°-Scan einer kompletten Immobilie inklusive aller Räume ermöglicht

Optimierung des Energieverbrauchs über Plattform

Ist eine Immobilie erfasst, können die Daten Wartungsarbeiten vereinfachen und mit vorhandenen Systemen, wie der Gebäudeleittechnik oder dem Energiemanagementsystem, verbunden werden. Passende Plattformen hierfür bietet etwa Bosch an. Die Energy Platform des Unternehmens ist cloudbasiert, erfasst und analysiert Energie- und Prozessdaten und visualisiert diese als Kennzahlen inklusive Effizienzbewertung.

"Wir führen dabei Daten aus verschiedenen Quellen zusammen, wie beispielsweise Messwerte von Zählern und Sensoren, Informationen der Gebäudeleittechnik oder produzierte Stückzahlen." Jens Mack, Leiter Sales & International Business Europe bei Bosch Energy and Building Solutions

Produzierende Unternehmen können über Standorte hinweg die Effizienz vergleichen und Optimierungen planen. Gleichzeitig analysiert die Plattform alle Werte, um Abweichungen in den Verbrauchsmustern zu erkennen. 

Bei Unregelmäßigkeiten des Energieverbrauchs erhalten Mitarbeiter sofort eine Information, um entsprechende Korrekturmaßnahmen vorzunehmen. Die Plattform kann mit dem Building Integration System (BIS), das vor allem den Sicherheitsaspekt von Immobilien berücksichtigt, gekoppelt werden. Das System EffiLink bietet zudem Fernüberwachung und Fernwartung von Gebäudeanlagen, um Störungen schnell zu beheben. 

IoT für digitales Zusammenspiel

Als Voraussetzung für das digitale Zusammenspiel zwischen technischer Gebäudeausrüstung (TGA), Gebäudeleittechnik und Energiemanagement dient das Internet of Things (IoT). "Je mehr Geräte über IoT miteinander kommunizieren, desto mehr Möglichkeiten und Vorteile ergeben sich. Unsere Kunden können daraus neue wertschaffende Dienstleistungen und Lösungen entwickeln", so Mack. 

Als Beispiel nennt er den schon erwähnten kontinuierlichen Abgleich von Energieerzeugung und -verbrauch in Industrie- und Gewerbeimmobilien. Durch eine Kombination mit BIS könne der Betrieb von Gebäuden und Produktion ganzheitlich überwacht und gesteuert werden. Für Immobilienverwalter bringt das ganz konkrete Vorteile: Sämtliche Abläufe können schneller erfasst und bewertet werden. Bisher, so Mack, arbeiteten sie teilweise mit bis zu zehn verschiedenen Systemen. Diese könnten vereinheitlicht und alle Daten wie beschrieben gemeinsam erfasst und bewertet werden. 

Jens Mack
Jens Mack, Leiter International Business Europe bei Bosch Energy and Building Solutions.

KI: Abweichungen erkennen und Fehler korrigieren

Erfahrung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) hat etwa die Deos AG. Der Spezialist für Gebäudeleittechnik hat bereits Projekte umgesetzt und produziert nicht nur die Hardware selbst, sondern entwickelt auch eigene Programme.

Das Unternehmen arbeitet unter anderem für industrielle und gewerbliche Immobilienverwalter. Martin Beckmann, Mitglied der Geschäftsführung bei Deos, sieht im IoT einen großen Vorteil, hält es jedoch für einen alten Hut.

"1997 haben wir bereits mit Reglern gearbeitet, die Störmeldungen ohne den Weg über eine Leitwarte auf ein Handy absetzten. Heute stehen wieder funkbasierte Systeme im Vordergrund, weil sie sich einfacher in Bestandsimmobilien integrieren lassen." Martin Beckmann, Mitglied der Geschäftsführung von Deos

Und, so Beckmann weiter, die Menüführung sei stark vom Handy beeinflusst. Deos setzt auf Einfachheit und hat große Hoffnung bezüglich KI. Denn die könne schnell Sollwerte und deren Abweichungen erkennen.

Submetering und Heizungsanlage eng verbinden

Auf Sensorik und das digitale Verknüpfen der erfassten Daten setzen auch die Unternehmen der Noventic Group. Die Gruppe ging aus Contractoren und Messdienstleistern hervor. Zu den Spezialgebieten zählen Schnittstellenmanagement via Controllable Local Systems (CLS) sowie das dadurch ermöglichte und gebündelte Ablesen von Strom, Gas und Wärmeverbräuchen über Smart Meter Gateways.

"Durch die Verbindung von Submetering mit der Steuerung der Heizanlage können zum Beispiel Energie-Einsparpotenziale von bis zu 15 Prozent realisiert werden." Noventic-Geschäftsführer Andreas Göppel

Zudem könnten die Verbrauchsdaten für jeden einzelnen Verbraucher nutzbar gemacht werden. Noventic-Tochter KeepFocus hat dafür die App "Cards" entwickelt. Verbraucher bekämen so eine unterjährige Abrechnung, die das Verbrauchsverhalten aufzeigt sowie Anreizsysteme und Benchmarks zum Energiesparen liefert.

"In Wohnungen mit neuen hochdämmenden Fenstern und einer dämmenden Gebäudefassade steigt durch die Nutzer reguliert die durchschnittliche Raumtemperatur – und zwar signifikant", erklärt Göppel. Hierfür habe der Gesetzgeber die unterjährige Verbrauchsabrechnung verpflichtend eingeführt. Dieser Bereich der künstlichen Klimaintelligenz werde sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln, damit die errechneten Energiestandards in Gebäuden auch tatsächlich erreicht würden.

Noventic-Projekt in Rüsselsheim
Noventic-Projekt in Rüsselsheim: Die ehemalige europäische Firmenzentrale von HP wird in voll digitalisierte Wohnungen verwandelt

Neue Geschäftsmodelle durch Zugriff auf Gebäudedaten

Siemens ist schon seit Jahrzehnten mit der Entwicklung von Plattformen beschäftigt, die Gebäudeleittechnik, TGA und Energiemanagement zusammenführen. Als Energie- und Nachhaltigkeitsplattform dient der Navigator powered by MindSphere, das offene und cloudbasierte IoT-Betriebssystem der Siemens AG. Mit digitalen Applikationen wie Energy Benchmarking, Energy Analysis, CO2-Emission oder Sustainability Analysis lassen sich Mehrwerte für Kunden generieren.

Basis ist die Digitalisierung. Durch die Konnektivität ist ein Zugriff auf die Gebäudedaten möglich. Die Kombination mit anderen Datenquellen ermöglicht neue Services und Geschäftsmodelle und verbessert die Gebäudeperformance. IoT ermöglicht dabei standortbezogene Dienste wie intelligente Arbeitsplätze.

"Der Fokus verlagert sich seitens der Immobilienwirtschaft von einem gebäude- zu einem nutzerorientierten Ansatz." Uwe Großmann, Leiter Solution & Service-Geschäft der Building Technologies Deutschland bei Siemens

Die Nutzung präziser, durch Indoor-Positioning-Technologie gewonnener Standortdaten im Gebäudemanagement sei noch relativ neu, so Großmann weiter. Innovative, wirtschaftlich attraktive Technologien gäben Gebäudebetreibern und Mietern die Möglichkeit, den Nutzern ein besseres Nutzer­erlebnis zu bieten und die Betriebskosten zu senken.


Der vollständige Text erschien in der "Immobilienwirtschaft, Ausgabe 12/2018


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