Digitale Transformation: PropTechs bieten viele Chancen

Corporates und PropTechs können mit gemeinsamen Pilotprojekten oder Kooperationen die digitale Transformation der Immobilienbranche vorantreiben. Chief Digital Officers sind nicht zwingend nötig. Begeisterte Mitarbeiter sind die besten Digitalisierungsbotschafter, sagt unser Autor.

Die Immobilienwirtschaft befindet sich in einem strukturellen Wandel, der sie in den kommenden Jahren in ihren Grundfesten verändern wird, oder das heute schon tut. Dieser Wandel ist getrieben von der technologischen Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich an Geschwindigkeit zugenommen hat und sowohl das tägliche Leben als auch die Arbeitswelt maßgeblich beeinflusst. So weitreichend die Konsequenzen dieses Wandels sein werden, so zäh gestaltet sich der Innovationsprozess in der Immobilienbranche.

Digitalisierung: Warum setzen sich viele Unternehmen noch so zögernd mit ihr auseinander?

Zum einen sehen viele Entscheider Immobilien nach wie vor als per se "nicht-digitalisierbare Produkte" an. Zum anderen ist das Buzzwort "Digitalisierung" aufgrund der Vielschichtigkeit für viele Marktteilnehmer schwer zu greifen.

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So weit sind die meisten Unternehmen in der Immobilienwirtschaft aktuell allerdings noch nicht.

Deshalb sind bislang auch kaum Disruptionen, also komplette Neuausrichtungen von tradierten Geschäftsmodellen als dritte Stufe der Transformation zu beobachten. Die Marktakteure in der Immobilienwirtschaft lassen sich hinsichtlich des Digitalisierungsgrades derzeit in zwei Kategorien unterteilen.

  • Die Unternehmen in der ersten Kategorie fangen gerade erst an, sich einen Überblick zu verschaffen und sich im Einzelnen näher mit digitalen Tools zu beschäftigen. Im Fokus steht vor allem die Steigerung der Prozesseffizienz. Zu gut lief in den vergangenen Jahrzehnten das Geschäft. Doch der Handlungsdruck wächst von außen, weil sich Gesellschaft und Wirtschaft verändern und sich der Wettbewerb zukunftsfähig aufstellt, und auch von innen, weil Kunden und Investoren anspruchsvoller werden und Fachkräfte schwer zu bekommen sind.
  • Die zweite Kategorie setzt sich aus den Unternehmen zusammen, die sehr früh damit angefangen haben, die Voraussetzungen für den digitalen Wandel zu schaffen. Sie haben ihre Prozesse durch die Einführung digitaler Tools bereits umgestellt und beschäftigen sich aktuell mit den Potenzialen zur Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle, investieren in neue digitale Ansätze oder gründen digitale Tochterunternehmen. Damit befinden sie sich in der zweiten Phase der digitalen Transformation: ergo in der Erweiterung ihrer Wertschöpfungskette. Nur sehr wenige Unternehmen aus dieser zweiten Gruppe wagen sich dabei aber im Rahmen von Partnerschaften auch daran, das eigene Geschäftsmodell komplett neu auszurichten. Dafür ist die Risikobereitschaft selbst bei innovativeren Unternehmen noch nicht groß genug. Dabei hätten sie genau durch solche disruptiven Ideen die Chance, den Wandel der Branche von innen heraus mitzugestalten.

airbnb homepage
Branchenfremde Anbieter wie AirBnB mischen das herkömmliche Immobilien- und Vermietungsgeschäft auf

PropTechs befassen sich intensiv damit, was die Zielkunden wirklich brauchen

Das Risiko, dass sich die Immobilienwirtschaft ohne eigenes Zutun stark verändern wird, wächst. Ein Beispiel ist Airbnb. Zunächst war das Unternehmen ein Einzelfall, doch die Zahl branchenfremder Anbieter nimmt zu. So hat sich beispielsweise Sidewalk Labs, ein Joint Venture der Google-Mutter Alphabet, unlängst einen Planungsauftrag für einen neuen Stadtteil in Toronto gesichert. Rund 3.000 Wohneinheiten in bis zu 30 Stockwerke hohen Türmen sollen dort entstehen.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass ein Unternehmen wie Google dann auch die Technologie und Expertise mitbringt, Nutzer flexibel in die Gebäude zu bringen und diese zu bewirtschaften, bei der Einrichtung zu beraten, Mehrwerte auf Basis der Nutzerpräferenzen anzubieten und somit Leben und Arbeiten digital miteinander zu verbinden, sprich: Nutzern all das zur Verfügung zu stellen, was sie benötigen.

Genau das zeichnet die meisten Tech-Unternehmen, auch PropTechs, aus: Sie sind angetreten, um mit ihren digitalen Produkten und Dienstleistungen bestehende Ineffizienzen zu lösen. Dadurch befassen sie sich automatisch intensiv mit dem, was ihre Zielkunden wirklich brauchen. Egal ob Corporate oder Startup. Wenn ein Unternehmen langfristig erfolgreich sein will, muss der Kunde im Mittelpunkt stehen. Ein Produkt muss von dessen Bedürfnissen ausgehend gedacht werden.

Unternehmen, die sich nicht verändern, werden aus dem Markt gedrängt

"Einfach einmal abwarten" ist nicht der richtige Lösungsansatz für die Immobilienbranche. Eine solche Haltung kann dazu führen, dass Unternehmen, die sich nicht verändern, aus dem Markt gedrängt werden: Von der direkten Konkurrenz, aber auch von neuen, branchenfremden Playern, die die Immobilienwirtschaft für sich entdecken. Wie Amazon. Der Internetriese hat bereits Firmen im Bereich Smart Home aufgekauft. Und Millionen von Nutzerdaten mit dazu. Der Nutzer lädt den virtuellen Sprachassistenten "Alexa" in den Kern seines Zuhauses ein und Amazon versteht damit besser, was Immobiliennutzer benötigen und wie die Gebäude aus Nutzersicht gestaltet und technisch ausgestattet werden sollten. So sichert sich Amazon den Einstieg in die Immobilienwelt.

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Denn es sind die Immobilienunternehmen, die den direkten Zugang zu den Gebäuden, Nutzern, Unmengen an unstrukturierten Daten und ausreichend Finanzkraft haben. Allerdings fehlen derzeit noch mutige, tatkräftige "Transformatoren", die eine Zukunft abseits des sehr gut laufenden Geschäftes mitgestalten. Die erwähnten Beispiele der branchenfremden Konkurrenten sind nur ein Ausschnitt aus einer ganzen Fülle an neuen Wettbewerbern und Themen, mit denen sich die Immobilienwirtschaft in den kommenden Monaten und Jahren intensiv wird befassen müssen. Die Branchenteilnehmer haben nur dann eine Chance, die digitale Immobilienwelt selbst zu prägen, wenn sie sich aktiv beteiligen. Dazu gehört es, die Technologien im Blick zu behalten, die entlang des Immobilienlebenszyklus verfügbar sind oder neu entstehen und von PropTechs bereits eingesetzt werden.

Expo Real PropTechs
Externe Digitalisierungsexperten kommen in unterschiedlichen Formen daher, aber nicht jedes Unternehmen braucht sie

Qualifikation von Mitarbeitern: Auch kleinere Unternehmen können "digitaler werden"

Viele der Technologien, die für die gesamte Wertschöpfungskette relevant sind, sind Basis für die Geschäftsmodelle von PropTechs. Entscheidend für die etablierten Unternehmen ist es, sich mit den richtigen Anbietern zusammenzutun. Doch wie sollten Unternehmen, die sich noch nicht im Detail mit den bestehenden Optionen beschäftigt haben, vorgehen?

Eine Voraussetzung ist, dass das Thema Digitalisierung zur Chefsache wird. Zwar wird es nicht für jedes Unternehmen sinnvoll und möglich sein, die Stelle eines Chief Digital Officers zu schaffen und einen externen Digitalisierungsexperten einzustellen. Durch gezielte Qualifikationsmaßnahmen ausgewählter bestehender Mitarbeiter können sich aber letztlich alle Unternehmen – auch kleine und mittelständische – entsprechend aufstellen, um die Transformation des eigenen Geschäfts und die Weiterentwicklung des Unternehmens selbst in die Hand zu nehmen. Für den Erfolg eines Transformationsmanagers ist es ausschlaggebend, dass er mit weitreichenden Eingriffsmöglichkeiten ausgestattet wird. Seine Aufgabe ist es, abteilungsübergreifend alle vorhandenen Prozesse und Tools im Unternehmen zu analysieren und eine ganzheitliche Strategie zu entwickeln.

Startups: Warum die inhaltliche Zusammenarbeit mit ihnen wichtig ist

Erfahrungen aus anderen Branchen wie etwa der Automobilindustrie zeigen, wie sinnvoll hierbei die inhaltliche Zusammenarbeit mit Startups ist. Denn viele etablierte Unternehmen ächzen unter starren Strukturen, strengen Hierarchien und zähen Prozessen. Ein Kulturwandel hin zu mehr flexiblen Arbeitsmodellen, mehr Mitbestimmung und mehr Transparenz innerhalb der Organisation ist unerlässlich. Nur so lassen sich die Potenziale der Digitalisierung auch wirklich nutzen.

Corporates können bei und mit den Tech-Unternehmen wertvolle Impulse und Ansätze für ihre Digitalisierungsstrategie sammeln. PropTechs wiederum profitieren im Rahmen der Zusammenarbeit vom Transfer funktionierender Strukturen und Abläufe. Durch gemeinsame Pilotprojekte oder längerfristige Kooperationen können beide Seiten gemeinsam den strukturellen Wandel der Branche mitgestalten.

Der vollständige Artikel, inklusive der Adressen immobilienwirtschaftlich relevanter PropTechs und wichtigen Trends entlang der Wertschöpfungskette, ist Titelthema im Magazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 05/2019.

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