Kapitel
Jürgen Odszuck, Erster Bürgermeister von Heidelberg, kämpft mit knappen Wohnbauflächen. Bild: Klaus Hecke, Bildschön

Bei der weiteren Entwicklung der Metropolregion Rhein-Neckar wird es auch um die Frage gehen, ob weiterhin jede Stadt alle Funktionen erfüllen soll oder ob die verschiedenen Gemeinden jeweils bestimmte Aufgaben innerhalb der Region übernehmen.

Wie geht die Stadt Heidelberg mit dem Bauboom um, Herr Odszuck?
Odszuck: Unsere Wohnungsbaugesellschaft GGH hat über 300 Wohneinheiten im Bau.

Aber wir können das Angebot-Nachfrage-Verhältnis nicht ins Gleichgewicht bringen, denn wir müssen Preise aufrufen, die wir vor fünf Jahren noch als Wucherpreise bezeichnet hätten.

Langendörfer: Im Immobilienbereich ist uns eine Verstetigung der Politik wichtig. Lange Jahre wurde wenig Wert auf die Förderung des Wohnungsbaus gelegt. Nun werden im Mietwohnungsbau Sozialquoten und Mietpreisbremsen eingeführt.Dies kann dazu führen, dass die Tätigkeit im Mietwohnungsbau wieder zurückgefahren wird. Es wäre sinnvoll, wenn die Gemeinden der Region durch die Zurverfügungstellung von günstigem Bauland die Entstehung von günstigem Wohnraum fördern würden ...
An der Brügge: Ich kann auch nur für eine Verstetigung der kommunalen Rahmenbedingungen, der Bundes- und Landesförderung im Wohnungs- und Städtebau werben. Die derzeitige Hochkonjunktur ist mit durch den Bauboom induziert. Weil dort auch Menschen in niedrigeren Lohngruppen Beschäftigung finden.

Nicht nur einzelne Bereiche optimieren

Herr Prof. Braum, welche Fehler werden jetzt gemacht?
Braum: Die gegenwärtigen Planungen tragen dem Umstand Rechnung, in der Optimierung einzelner Systeme zu funktionieren. Wir optimieren den Wohnungsbau, den ÖPNV, den Fahrradverkehr.

Wir denken ein sehr komplexes Gebilde – die Stadt – sektoral und wundern uns, dass sie so ausschaut wie sie ausschaut.

Alle, die da zusammensitzen, denken, dass sie etwas Gutes tun für das Gesamte und wundern sich am Ende, dass sie von der Bevölkerung kritisiert werden. Die Stadt ist eben mehr als die Summe ihrer „Einzelteile“.

Wird die Wissensgesellschaft unsere Städte und Regionen verändern?
Braum: Ich denke, dynamischer als es die Industriegesellschaft getan hat. In hundert Jahren wird diese Metropolregion komplett anders aussehen als  heute. So stellt sich die Frage, was die primäre Aufgabe für Ludwigshafen sein wird, wie sieht die für Mannheim oder Heidelberg aus? Da hat jede Stadt mit ihrem Wohnungs-, mit ihrem Arbeitsplatzangebot, eine Funktion auch für die andere.

Es ist ein großes Thema, die Rolle der großen Treiber unserer Metropolregion, Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg, zu schärfen.

Frau Ram, bräuchte Mannheim nicht auch eine IBA?

Ram: Mannheim hat eine Bundesgartenschau. Die setzt natürlich starke Impulse. Die Möglichkeit Stadtentwicklung zu betreiben, wird mit der Bundesgartenschau in Mannheim genauso intensiv genutzt werden.

Städte im Gleichgewicht halten

Wie gefällt Ihnen der Gedanke, Mannheim in der Metropolregion eine bestimmte Aufgabe zuzuweisen?

Ram: Die Aussage, dass jede Stadt eine andere Funktion übernimmt, ist nicht das Thema. Denn der Anspruch jeder Stadt ist immer, alle Funktionen wahrzunehmen, für alle Schichten, für alle Quartiere.

Ich empfinde es als Riesengefahr, Städte verschieden zu clustern.

Unser Ansatz ist vielmehr, dass sich Städte gleichgewichtig entwickeln können. Es gibt natürlich Schwerpunkte. Aber in Mannheim habe ich mit der Universität, den Startup-Zentren und der Großindustrie eine Gemengelage, aus der weitere Entwicklung entsteht.
Braum: Wir reden von den globalen Archipelen. Das heißt, wir haben eine Region, und die Region hat besondere Merkmale. Es geht jetzt um die Verteilung dieser Merkmale.

Das Archipel funktioniert nur dann, wenn die einzelnen Teile ihren Beitrag dazu leisten. Und davon sind wir noch ein ganzes Stück weit weg.

Langendörfer: Man muss den Städten aber auch die Flexibilität geben, auf den kurzfristigen Willen der Menschen zu reagieren. Mannheim hat vor allem durch das Thema Wissensgesellschaft einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Die Verbindung zwischen Wissensgesellschaft und Industrie und ihren gewerblichen Berufen hat sich stark erhalten. Wir haben nicht nur Leute mit Universitätsabschluss, sondern auch Schlosser, Schreiner und Fliesenleger. Und wenn wir diese Arbeitsplätze erhalten, halten wir auch die Städte im Gleichgewicht.

Wie geht es weiter mit der Metropolregion Rhein-Neckar? Die wichtigsten Statements der Podiumsdiskussion finden Sie hier im Video.

Schlagworte zum Thema:  Metropolregion, Konversion, Stadtentwicklung

Aktuell
Meistgelesen